18.10.2017, 18°C
  • 09.10.2017
  • von Andrea Lütkewitz

Gift und Gegengift

von Andrea Lütkewitz

Paartanz. Aufregung gegen Sachlichkeit: Die Schauspieler Simone Kabst und Andreas Hueck trauern auf der Bühne um ihr totes Kind – und um ihre gescheiterte Ehe. Foto: Manfred Thomas

Ein totes Kind und eine zerrüttete Beziehung: Poetenpack-Premiere mit „Gift. Eine Ehegeschichte“

Es ist der 31. Dezember 1999, als sich ihre Wege trennen. Da steigt er ins Auto und kommt nicht mehr zu ihr zurück. Jahre später treffen sie sich dort, wo der Grund für das Scheitern ihrer Ehe im wahrsten Sinne des Wortes begraben liegt: Auf dem Friedhof, auf dem ihr Kind bestattet worden ist. Wie lange haben sie sich nicht gesehen? „Zehn Jahre“, sagt sie, und er korrigiert: „Neun.“ In der Friedhofshalle stehen sie sich nun gegenüber, älter, auf unterschiedlichen Lebenswegen, und doch wieder da, wo sie einst auseinandergingen: In der Trauer über ihr Kind und die gescheiterte Liebe zueinander.

Am vergangenen Freitagabend sind es Simone Kabst und Andreas Hueck, die dieses namenlose Paar im Theaterstück „Gift. Eine Ehegeschichte“ von Lot Vekemans verkörpern. Es ist eine Erstaufführung in Brandenburg, umgesetzt vom Theater Poetenpack in der Kirche am Neuendorfer Anger. Alle Sitze sind besetzt, auch auf der Empore nehmen Nachzügler Platz, 70 Karten sind verkauft.

Einfacher, normaler – im authentischen Sinne – hätte die Aufführung in der Regie von Michael Neuwirth kaum sein können. Das Publikum ist ganz nah dran, involviert, von Anfang an. Beim besonderen Geruch, der den Kirchenmauern innewohnt, fällt es leicht, sich auf einen Friedhof zu versetzen. Auch die Akustik ist dem zuträglich. Ein paar Stühle stehen in einer Reihe frontal zum Zuschauer, daneben ein Kaffeeautomat, und das war es dann auch mit dem Bühnenbild. In Regenkleidung kommen die Schauspieler durch den Haupteingang in die Kirche, wie zuvor die Gäste, denn draußen ist das Wetter tatsächlich sehr herbstlich. Kabst und Hueck könnten sich ins Publikum setzen, es würde mit ihrer Kleidung nicht auffallen, dass sie die Schauspieler sind.

Natürlich ist sie gewollt, diese Unauffälligkeit, schon in der Vorlage der Autorin – und sie ist effektvoll. Denn dadurch richtet sich das Stück auf die Emotionalität aus, die den Rollen viel abverlangt. Fast anderthalb Stunden dauern die Dialoge zwischen dem Paar, das zusammenkommt, weil offenbar eine Umbettung des Kindes notwendig ist: Gift sei im Boden gefunden worden, erfährt der Zuschauer.

Was sich somit nach Anstrengung, der Schwere des Themas geschuldet, anhört, vergeht allerdings wie im Fluge. Aus der Intimität zwischen den Darstellern – in ihren Rollen kommt es zu körperlichen Annäherungen und auch Aggressionen – entsteht eine große Spannung. Das Schauspiel zieht in den Bann, wenn Simone Kabst als „Sie“ vor innerer Aufregung zittert und sich die ganze Last der Vergangenheit in ihrem Gesicht spiegelt, und Andreas Hueck als „Er“ fast wie ein Gegenstück wirkt, gefasst, sachlich. Spürbar ist es, das Gift, das da nicht nur im Friedhofsboden liegt, sondern auf anderer Ebene auch die Beziehung der beiden zersetzt hat. Es folgen viele Fragen, Vorwürfe, alle Verletzungen kommen aufs Tableau, bevor es eine Wende gibt. „Was siehst du, wenn du mich anschaust?“, fragt sie, und er antwortet: „Ich sehe eine gescheitere Geschichte, eine gescheiterte Vergangenheit“.

Diese Momente der Akzeptanz des Scheiterns sind es, in denen sich das Ex-Paar einander annähert, aber auch die Erinnerung an die schwersten Stunden, in denen das Kind in den Armen der Mutter stirbt. Ihm gelingt das früher als ihr, er führt inzwischen ein neues Leben. Gerettet habe ihn allerdings das Singen, offenbart er ihr, und sie lacht zunächst darüber. Doch als die beiden sich am Ende umarmen und er für sie singt, entsteht ein starkes Bild: Vielleicht hat Rettung stattgefunden – für beide. Weil sie geredet haben, nach all der Zeit aus der Zeitschleife ausgebrochen sind. Wenn sich ihre Wege nun wieder trennen, ist das kein Verlassen oder Scheitern mehr, so wie vor vielen Jahren. Und auch die Zuschauer gehen offenbar mit zwar bewegtem Herzen, aber nicht unglücklich nach Hause: Mehrfach müssen Kabst und Hueck zurück auf die Bühne, um sich begeisterten Applaus abzuholen.Andrea Lütkewitz

Weitere Spieltermine: 13., 14., 20., 21 Oktober sowie 10. und 11. November, 20 Uhr, 12. November, 17 Uhr

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