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  • 07.10.2017
  • von Lena Schneider

HOT-Intendant Tobias Wellemeyer im Interview: "Die AfD-Wähler sind die Ausgegrenzten, heißt es. Das ist aber nicht so!"

von Lena Schneider

Das Ensemble im Rücken. Tobias Wellemeyer will ein Theater, das sich der Realität stellt und sie über Geschichten greifbar macht. Dabei spielen die Schauspieler eine wesentliche Rolle. Dass er nun gehen muss, ist für ihn und das Ensemble schwer. Da hilft nur: Arbeiten. Die letzte Spielzeit ist brandenburgisch wie nie. Foto: Andreas Klaer

HOT-Intendant Tobias Wellemeyer geht in seine letzte Spielzeit, hochpolitisch und brandenburgisch wie nie. Ein Gespräch über die AfD, den Osten – und die Frage, ob er jetzt angekommen ist.

Herr Wellemeyer, „Begegnen wir der Zeit, wie sie uns sucht“, zitieren Sie im aktuellen Spielzeitheft Shakespeare. Muss das Theater seit den Wahlen, die eine rechtspopulistische Partei zur zweiten Kraft in Brandenburg machten, seiner Zeit anders begegnen?

Ich denke, dass unser Theater hier, aber auch Theater an anderen Orten, die Veränderungen in der Gesellschaft schon lange Zeit sensibel und seismografisch registriert haben. Sie können am Spielplan der letzten Jahre ziemlich deutlich sehen, dass wir uns mit just diesen Themen, mit der Aufgeladenheit der Gegenwart durch die Vergangenheit, mit der Spaltung der Gesellschaft, der Radikalisierung politischer Ansichten, sehr intensiv beschäftigt haben, weil wir immer gespürt haben, dass von daher Unruhe droht. Vom „Turm“ über den „Eisvogel“ bis hin zu „Abend über Potsdam“, das wir vor zwei Jahren in Auftrag gegeben haben. Ich denke, dass wir die Gegenwart ohne den Blick zurück nicht beschreiben können. Wir am Theater glauben fest an die Gestaltbarkeit von Gesellschaft. Das ist etwas, was uns zusammenhält.

2017 sehen Sie nicht als Zäsur, sondern als Bestärkung in dem, was Sie machen?

Ja, das setzt noch einmal ein Ausrufezeichen hinter unseren grundsätzlichen Ansatz. Das haben wir ja auch mit dem Format „Stadt der Zukunft“ gezeigt, das wir in der neuen Spielzeit weiterführen werden. Unser Konzept ist das einer „Bürgerlichkeit ohne Konsens“. Es geht um Dialog, Austausch und gegenseitiges Aushalten von Positionen. Aber es gibt viel mehr Fragen als Antworten. Es ist ja ganz uninteressant, wenn wir uns jetzt alle hinter so einer Art Brille vereinigen sollen, durch die man auf die Wirklichkeit blickt.

Welche Brille meinen Sie?

Eine Brille der vorgefertigten Meinung, der Vereinfachung. Dabei bin ich immer wieder erstaunt, wie widersprüchlich Menschen denken und sind. Und ich denke, diesen Blick für die Widersprüchlichkeit müssen wir aufrechterhalten in einer Zeit der Polarisierung.

Muss sich das Theater angesichts der gesellschaftlichen Entwicklungen nicht auch fragen lassen, ob das, was es tut, genügt?

Das fragen wir uns täglich. Theater ist aber grundsätzlich ein guter Ort, um die politische Aufspaltung und Erregung zu verwandeln in Gestaltungsenergie. Ich denke, dass das die Aufgabe von Theater ist.

„Das Wasser im Meer“ war eine sehr starke Setzung als Auftakt Ihrer letzten Potsdamer Spielzeit. Es geht um die Suche nach Herkunft, eine Figur engagiert sich für eine rechtsextreme Partei. Ahnten Sie, wie aktuell das Stück 2017 sein würde, als Sie Christoph Nußbaumeder baten, es für Potsdam umzuschreiben?

Wir hatten ja Pegida schon, bevor das Flüchtlingsthema aufkam. Wir haben die Ressentiments gegen die Unübersichtlichkeit der Gegenwart alle gespürt. Wir haben aber nicht geahnt, dass sie mit dieser Radikalität hervorbrechen würden. Ich glaube, dass wir mit dieser Realität noch einige Zeit leben müssen. Ich bin sehr skeptisch gegenüber dem Begriff des Protestwählers. Nach dem Motto: Die haben mit AfD zwar rechts gewählt ...

... aber sie wollen eigentlich etwas anderes damit sagen.

Ja. Das glaube ich aber nicht. Es gibt wirklich ultrarechte Stimmen in dieser Partei. Ich denke tatsächlich, dass die Menschen, die sich für dieses Denken entscheiden, nicht nur in Deutschland oder Europa, sondern weltweit, Ja sagen zu einem autoritären und zentralisierten Weltbild.

Geht damit für Sie auch eine intensivere Beschäftigung damit einher, was es bedeutet aus dem Osten zu kommen? Die AfD hatte ihre meisten Wähler im Osten.

Das haben wir ja eigentlich immer getan, und zwar vorbildlich würde ich sagen. Alle reden im Moment nur über die AfD als sei sie ein Ex-DDR-Phänomen. Das stimmt nicht, es verkleistert den Blick auf das Wesen ihres Erfolgs. Die Beweggründe von AfD-Wählern sind mit Sicherheit äußerst unterschiedlich. Sie wollen vermutlich gar nicht in die DDR zurück, sondern vielleicht nach vorn in eine überschaubarere, autoritäre Welt. Die DDR-Vergangenheit verstärkt so einen Prozess vielleicht. Die AfD-Wähler sind die Ausgegrenzten, heißt es. Das ist aber nicht so! In Halle etwa haben nicht die Viertel mit hohem Anteil an Hartz-IV-Empfängern AfD gewählt, sondern der Speckgürtel. Eine interessante Beobachtung, das müssen wir verarbeiten. Die ästhetische Debatte, wie man das in den Künsten übersetzt, ist dabei für mich im Moment eher untergeordnet.

In der neuen Spielzeit bringen Sie mit zwei Romanadaptionen, „Skizze eines Sommers“ von André Kubiczek und „Unterleuten“ von Juli Zeh, gebündelt Osterfahrungen auf die Bühne.

„Skizze eines Sommers“ ist eine wunderbare Coming-of-Age-Geschichte von der Generation der heute 50-Jährigen. Wir haben uns bewusst entschieden, das unter der Regie von Niklas Ritter mit den Studenten der Filmuniversität zu besetzen – um zu sehen, ob sie sich selbst in den Schuhen ihrer Eltern auch erspüren, sozusagen. Christa Wolf hat mal gesagt, ihre schönste Zeit war mit 15 – und das war mitten im Faschismus. Dieser Moment des Fliegen-Könnens hat eine große Kraft, und zwar jenseits allen Betons. Was „Unterleuten“ betrifft: Es ist eine unglaublich genaue Beschreibung dörflichen Lebens in Brandenburg. Ich lebe mit meiner Familie einen Teil des Jahres in einem Dorf in Mecklenburg und weiß das: Es ist genau so, wie Juli Zeh beschreibt. Auf der anderen Seite spiegelt sich in dieser Scherbe ein Stück deutsch-deutsche Realität in der Verschiedenheit der Lebensziele, politischen Herkünfte und Anbindungen der Figuren. Bis hin zu den Wutbürgern sind alle sehr genau erfasst. Das ist sehr komisch und sehr böse.

Irre ich mich oder ist Ihre letzte Spielzeit in Potsdam die brandenburgischste, die Sie hier je gemacht haben? Es gibt vier Brandenburg-Stücke: die genannten Romanadaptionen, Fontanes „Effi Briest“ und Kleists „Homburg“. Sind Sie jetzt richtig hier angekommen?

Was soll ich dazu sagen! Brandenburg war immer ein wesentlicher Bezug. Zugleich sind die Welt und das, was in den Köpfen stattfindet, weitaus größer als Brandenburg – wir sprachen gerade darüber. Theater hat die Aufgabe, Horizonte zu öffnen. Dass wir am Ende mit „Effi Briest“ nochmal „Tschüss Brandenburg“ sagen, stimmt. Das geht ja dann auch ins Fontane-Jahr hinein. „Effi Briest“ ist ja eine der großen literarischen Gestalten, die ein Leben in Preußen nicht überleben.

Dennoch, ist dies nun die brandenburgischste Spielzeit?

Ach, das würde ich so nicht sagen. Es gab den „Schach von Wuthenow“, es gab „Tschick“. Wir haben 2012 versucht, uns mit „Fritz!“ kritisch und auch polemisch zu Friedrich II. zu verhalten, es gab „Heeresbericht“, „Abend über Potsdam“, es gab 300 mal „Nachtboulevard“ mit Partnern aus Stadt und Land, es gibt jetzt „Stadt der Zukunft“. Auch eine Geschichte wie den „Turm“ mittels der Metapher des Waldes zu erzählen, ist ein deutscher Bezug.

Das waren Einzelprojekte. Die jetzige Bündelung ist Zufall?

Es kommen immer verschiedene Aspekte zusammen. „Homburg“ zum Beispiel wollte ich die ganzen Jahre schon machen und habe nie den richtigen Regisseur gefunden. Es ist ja auch ein schwieriges Stück, machen wir uns nichts vor. Ein fast pathologisches Stück, würde ich sagen, in dem man auch stark die sensibel-gespaltene Veranlagung des Autors spürt. Als sei das Stück auseinandergebrochen und dann falsch wieder zusammengeklebt worden. Ich finde es in der Widersprüchlichkeit auch sehr preußisch, sehr brandenburgisch.

Ist das typisch brandenburgisch, widersprüchlich sein?

Ich denke, dass Kleist wie kein anderer Autor den „ganzen Schmutz zugleich und Glanz“ seiner Seele beschreibt. Er sagte: Ich will ein Soldat sein, Ich will ein Dichter sein, Ich will eine Frau lieben, Ich will schwul sein. Er hat versucht, alle Extreme auszuleben. Diese Offenheit ist so ungefähr das genaue Gegenteil der preußischen Ausnüchterung, die immer nach etwas Cleanem verlangt. Insofern ist das schon ein Stück, das Preußen repräsentiert.

Sie werden sich im Mai mit Shakespeares „Der Sturm“ von Potsdam verabschieden. Warum dieses Stück?

„Der Sturm“ fasziniert mich immer schon. Es ist ein sehr poetisches, rätselhaftes Stück. Der Kern der Geschichte ist eine starke Vater-Tochter-Beziehung. Der Vater führt ein Leben im Exil als Ausgestoßener, auch als Künstler. Die Tochter verlässt den „Garten der Kindheit“, den der Vater ihr geschaffen hat. Man denkt, es ist die Geschichte einer großen Rache, aber das ist es am Ende nicht. Es ist die Geschichte einer Vergebung. Und erst die erlaubt es dem Vater, selbst die Insel zu verlassen.

„Gehen und Bleiben“ hieß eine wichtige Produktion der vergangenen Spielzeit. Es könnte auch eine Überschrift für die jetzt beginnende sein. Sie müssen noch voll da sein, wissen aber, dass Sie am Ende gehen werden. Wie gehen Sie persönlich damit um?

Mir geht es da sicherlich nicht viel anders als all den anderen Künstlerinnen und Künstlern, die jetzt gehen werden. Wir konzentrieren uns auf die Arbeit und auf die Projekte. Darüber erzählen wir uns ja eigentlich auch. Was danach kommt, ist offen. Das ist nicht einfach. Was dachten Sie denn?

Das Gespräch führte Lena Schneider

„Prinz Friedrich von Homburg“ hat heute um 19.30 Uhr im Hans Otto Theater Premiere. Nächste Aufführungen am Sonntag um 19.30 Uhr sowie am 15.10. um 17 Uhr

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