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  • 05.10.2017
  • von Steffi Pyanoe

Zwei buddeln sich frei

von Steffi Pyanoe

Sakraler Ort. Das Poetenpack verlegt „Gift“ an den Neuendorfer Anger. Foto: S. Gabsch

Das Theater Poetenpack spielt „Gift. Eine Ehegeschichte“ von Lot Vekemans, eine Auseinandersetzung mit Verlust, Schmerz und Neubeginn. Aufführungsort ist erstmals die Kirche am Neuendorfer Anger

Am Anfang stand die Idee, das Stück in einer echten Friedhofskapelle aufzuführen. Vielleicht in der auf dem Neuen Friedhof, ein wunderbarer Raum, schwärmt Andreas Hueck. Es hätte irgendwie gepasst zum Stück, das tatsächlich auf einem Friedhof spielt. Aber wer weiß, vielleicht hätte es auch Gäste abgeschreckt. Der Tod ist immer noch ein Tabuthema, sagt Simone Kabst. Und so wird „Gift. Eine Ehegeschichte“, ein Stück der holländischen Autorin Lot Vekemans, jetzt vom Theater Poetenpack in der Kirche auf dem Neuendorfer Anger aufgeführt. Ein Raum, der keine geweihte Kirche mehr ist und für Kulturveranstaltungen und als Standesamt genutzt wird. Dem man mit Ehrfurcht begegnet, sagt Hueck, dem aber ebenso eine gewisse Leichtigkeit innewohnt.

Denn schließlich geht es in dem Stück nicht vordergründig um den Verlust des Kindes, sondern um die Eltern, gespielt von Andreas Hueck und Simone Kabst, die sich seit dem schlimmen Vorfall vor neun Jahren nicht mehr gesehen haben und nun wieder aufeinandertreffen. Jeder ist seitdem eigene Wege gegangen. Der Vater flüchtete ins Ausland. „Bei jeder Kurve dachte ich, ich geh zurück, geh zurück“, sagt der Vater. Die Mutter blieb, pflegt das Grab, kämpft mit Einsamkeit und Traurigkeit, macht Therapien. „Sie kommt nicht drüber hinweg, dass sie nach dem Tod des Kindes auseinandergingen, ohne darüber geredet zu haben“, sagt Hueck.

Das Stück will mit dem Tabu, dass man über den Tod eben nicht spricht, brechen. Nicht, indem der Tod wieder hervorgeholt wird. Sondern indem die Eltern, verunsichert, gefangen in Ängsten und Trauer, wieder miteinander reden. Innerhalb der drei Akte, die allesamt im Warteraum einer Friedhofsverwaltung spielen, begegnen sie einander zunächst mit Kühle, mit Floskeln, mit Verlegenheit. „Daraus buddeln sie sich dann langsam frei“, sagt Hueck. „Es geht um die Bereitschaft, in die Begegnung zu gehen“, sagt Kabst, „einander zuzuhören.“ Es gibt in dem Sinne sogar ein Happy End. Die Eltern gehen erleichtert auseinander – auch wenn es keine gemeinsame Zukunft gibt. Aber die Last ist tragbarer geworden. „Es ist im Grunde eine Liebesgeschichte“, sagt Kabst.

Lot Vekemans schrieb das Stück 2009. Seitdem wird es auf deutschen Bühnen erfolgreich gespielt, auch am Deutschen Theater Berlin. Gut besucht, aber nie ausverkauft, sagt Hueck, und findet das symptomatisch dafür, dass man vor so einem Thema erst mal zurückschreckt. Was sich in der deutschen Sprache nicht so leicht erschließt, ist die Doppeldeutigkeit des Titels, die neugierig machen könnte. Denn im Niederländischen steht Gift – wie im Englischen – auch für das Geschenk. Diese Bedeutung hat sich im Deutschen nur noch im Wort Mitgift gehalten.

Im Stück ist mit Gift zunächst tatsächlich etwas Schädliches, das angeblich im Boden des Friedhofs gefunden wurde, gemeint. Deshalb müssen nun einige Grabstellen umgebettet werden und sie, die Mutter, hat ihren Exmann zur Besprechung hergebeten. Das Gift im Boden wird dabei zum Geschenk, zu einer Chance für eine Begegnung und Aussprache. Die durchaus mit Verve und Humor stattfindet und in der Kabst und Hueck den kleinen Warteraum, eine kurze Stuhlreihe auf der Bühne, voll einnehmen. Es ist ein bisschen wie in Samuel Becketts „Warten auf Godot“, der nie kommt, aber den wartenden Figuren Raum gibt. Auch der Friedhofsverwalter wird nicht kommen, der Verwaltungsakt nie stattfinden. Sie und er, die namenlosen Eltern, stecken fest in dem nüchternen Friedhofsraum. Sie legen ihre Regenmäntel ab wie Schutzhüllen, sie öffnen sich, sie wenden sich einander zu. Und sie könnten auch gehen. Aber da ist etwas, das raus will und raus muss. Nicht nur der Fakt, dass er wieder geheiratet hat und seine Frau ein Kind erwartet. Er: „Ich hatte gehofft, dass es möglich wäre, mit etwas Neuem zu beginnen.“ Worauf sie angewidert schreit: „Ich hasse Glück! Ich hasse glückliche Menschen!“

„Ich glaube schon, dass ich die Mutter anders spiele, als wenn ich nicht selber Mutter wäre“, sagt Kabst, die eine 14-jährige Tochter hat. „Mit Phantasie und Lebenserfahrung.“ Als das Stück zuerst zur Debatte stand, habe sie sofort gedacht, dass sie das unbedingt spielen wollte. Es sei ein sehr schönes, intensives Arbeiten mit Regisseur Michael Neuwirth gewesen, sagt Hueck. Neuwirth ließ sie die Figuren entwickeln, manches auch ausprobieren: Was soll erzählt werden, wie soll das erzählt werden? Funktioniert das oder muss es doch anders werden?

In der kleinen Kirche mit dem runden Grundriss sitzen die Zuschauer dabei mittendrin im Geschehen. Die Kirche wird automatisch zur Friedhofskapelle, und die Schauspieler nutzen dieselbe Tür, durch die gerade erst die Besucher eingetreten sind. Es gibt kein Weglaufen. „Den eigenen Tod stirbt man, den Tod der anderen muss man leben“, zitiert Simone Kabst zuletzt die Dichterin Mascha Kaléko.

Premiere am Freitag, 6. 10. um 20 Uhr in der Kirche am Neuendorfer Anger. Weitere Vorstellungen am 7, 13., 14., 20. und 21.10. sowie im November. Karten kosten 14 bis 22 Euro. www.theater-poetenpack.de

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