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  • 02.10.2017
  • von Babette Kaiserkern

Postmodernes Überwältigungstheater

von Babette Kaiserkern

Symbolisch schwarz. Alle Mitwirkenden sind dunkel gekleidet. Foto: Ronny Budweth

Uraufführung im Waschhaus: Helmut Oehring szenisches Konzert „FinsterHERZ oder Orfeo2017“

Schwarz, die Antifarbe und symbolische Todesfarbe, dominiert die Uraufführung von FinsterHERZ oder Orfeo17 im Waschhaus Potsdam. Aus dem Bühnendunkel leuchten die Gesichter der zahlreichen Mitwirkenden hervor und noch manch einer der hell beleuchteten Solisten. Alle sind schwarz gekleidet, wenn auch in individuellen Variationen – vom arabischen Kopftuch über Leggings mit klaffenden Rissen bis zum tiefen Rückendekolletee ist alles mögliche vorhanden.

Auch sonst wurde bei Helmut Oehrings szenischem Konzert, einem Auftragswerk der Kammerakademie Potsdam, weder Aufwand noch Zeit gescheut. Fast drei Jahre dauerte es, bis das vielschichtige Werk zustande kam. Vielfalt in der Einheitlichkeit prägt die szenisch-musikalische Repräsentation. Vom antiken Mythos über ein Meisterwerk der englischen Literatur bis zu dokumentarischen Berichten Geflüchteter wird alles in eine Form gegossen. Im Programmheft schreibt Oehring, derzeit einer der bekanntesten zeitgenössischen Komponisten, von Mut und Angst, von Wahrheiten und den „Schattengeistern der Finsternis“, den „verseuchten Erinnerungen“. Nichts weniger als die gesamte Erde, der Ort, wo „Fantasie und Wirklichkeit existieren“, wird zu Beginn von einem kindlichen Vorleser (Joscha Oehring) beschworen. Wie bei einem drehenden Kaleidoskop blitzen in 90 Minuten Elemente aus kulturellen, sozialen und individuellen Bereichen auf, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Es herrscht sozusagen Diversität in Reinkultur, nicht nur bei den literarischen auch bei den musikalischen Mitteln.

Einen der zahlreichen Anker des Spektakels bildet die Geschichte von Orpheus, dem Sänger, dessen Musik nicht nur Steine erweichen konnte, sondern sogar die Wächter der Unterwelt so nachgiebig machte, dass er den Weg in die Hölle antreten konnte, um nach seiner geliebten Eurydike zu suchen. Claudio Monteverdis gleichnamige Uroper erzählt vor allem vom Triumph der Musik. Wenn Orpheus heute lebte, würde er E-Gitarre spielen, sagt Oehring, und darum gibt es auf der Bühne auch einen E-Gitarristen. Den düsteren Kontrapunkt dazu stellt Joseph Conrads Novelle „Herz der Finsternis“ dar, die von der Ausbeutung afrikanischer Bodenschätze und der Vernichtung zahlreicher Menschenleben erzählt. Denn es heißt: „Der Mensch ist zu allem fähig, weil alles in ihm steckt.“ (Libretto: Stefanie Wördemann).

Von den ausgewählten Zitaten aus Oper und Novelle bleiben häufig nur bedeutungsschwangere Begriffe wie Wahrheit, Tod, Trauer, Gier, Begierde, Hoffnung, Liebe und Leben haften. Vieles von dem, was zum Grundwortschatz westlicher Literatur, Religion und Philosophie gehört, blieb reiner Klang ohne Inhalt. Fehlte das Wort Freiheit dabei oder ging es im Getöse der Klänge unter? Aus dem archaischen Reich der Ideen ging es ins pralle Leben der Gegenwart, als vier Geflüchtete, die in Potsdam und Umgebung Asyl gefunden haben, ihre Geschichten erzählten. Hier kam nicht nur eine dritte, sondern noch eine vierte Ebene hinzu – es sind nicht einfach Geflüchtete, sondern gehörlose Geflüchtete.

An diesem Punkt wird das recht verkopfte und trockene Projekt authentisch, denn die Menschen aus Syrien, Afghanistan, Kaschmir und dem Iran erzählen quasi Helmut Oehrings Geschichte mit. Sein eigentliches Lebensthema, das in seinen Werken immer wieder erscheint, ist die Konfrontation zweier Welten, der der Gehörlosen mit den Hörenden. Von Anfang an begleiten nicht nur deutsche und arabische Gebärdendolmetscher die Aufführung, auch die gehörlose Schauspielerin Christina Schönfeld verkörpert sehr eindrucksvoll eine der drei Eurydike-Gestalten.

Das konstante Gestikulieren von ihnen allen verleiht der Inszenierung eine neue Dimension der Verständigung. Neben der tanzenden Eurydike mit wilden Haaren (Mia Oehring) besitzt Marena Whitcher eine ungemein theatralische Aura. Die zierliche Multiperformerin singt von Monteverdi bis ABBA zur Gitarre. Am Kontrabass wirbelt, stöhnt und gröhlt Alexander Gabrys. Größte Bühnenpräsenz besitzt David Moss, der als Orfeo und Marlowe ungeheuer groteske Laute hervorbringt und so das Außenseitertum ins Zentrum bringt.

Zu diesen drei veritablen Freaks auf der Bühne gesellen sich arabische Musiker an Oud, Violine und Tabla sowie das Orchester der Kammerakademie unter der Leitung von Antonello Manacorda. Auch sie überschreiten Grenzen, spielen auswendig, singen auch mal. Einige musikalische Reminiszenzen an Monteverdi sorgen für kurze Entspannungsmomente, doch es überwiegen harte, harsche, dröhnende Tonbilder – nun ja, man ist ja auch gerade in Hölle hinab gestiegen. Dass Musik die Schmerzen der Menschen beheben kann, wie zum Schluss von Kind behauptet wird, ruft da schon einige Zweifel hervor. Ebenso wie die Frage, ob diese Art von postmodernem Überwältigungstheater in avantgardistischen Kleidern sein Ziel erreicht. Auch wenn Oehrings Diktum, dass die Menschen selbst einander Hölle sind, in dieser düsteren, pandämonischen Welt expressive Gestalt angenommen hat. Babette Kaiserkern

Letzte Aufführung: 3. Oktober 18 Uhr, Waschhaus Potsdam

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