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  • 02.10.2017
  • von Lena Schneider

Muttergefühle

von Lena Schneider

Sich ins Bild rücken. Von außen auf sich und ihre Mutter schauen, das war die Idee für den Film. Und damit blickte die Filmemacherin unweigerlich auch auf ihr eigenes inneres Chaos. Foto: privat

Wie lebt man mit einer Mutter, die keine Liebe kennt? Mit ihrem autobiografischen Dokumentarfilm „Das Kind in der Schachtel“ sucht Gloria Dürnberger Stern nach einer Antwort. Eine Begegnung

Als Gloria Dürnberger Stern ungefähr 20 war, erhielt sie Post von ihrer Mutter. Eine Postkarte war das, vorne ein kindlich-fröhliches Motiv. Hinten hatte Glorias Mutter eine Geschichte notiert. Die Geschichte um eine Maus, die Gloria hieß. Eine solche Maus besaß die Mutter tatsächlich, ein Geschenk der Tochter. Eines Tages, so ging die Geschichte, war die Maus Gloria auf einem Tisch unterwegs. Sie fiel herunter und brach sich das Genick. So endet die Geschichte. Die Postkarte endet: „Liebe Grüße, Margit.“

Margit, Gloria Dürnberger Sterns Mutter, schreibt gerne Postkarten. Es sind Grüße aus einer anderen, einer finsteren Welt. Grüße, die oft umso brutaler wirken, weil sie formal vorgeben, sich an die Konvention des Kartenschreibens zu halten, der Inhalt aber alles andere sind als unverfängliche Feriengrüße. Margit ist psychisch krank. Heute weiß Gloria Dürnberger Stern das, hat damit umgehen gelernt. Es war ein langer Weg. Eine Therapie gehört zu diesem Weg, und auch ein Film. In „Das Kind in der Schachtel“ erzählt Gloria Dürnberger Stern ihre eigene Geschichte. Der Dokumentarfilm kam 2014 in die Kinos, jetzt wird er gerade wieder im Thalia-Kino gezeigt. Die Regisseurin studiert seit anderthalb Jahren an der Potsdamer Filmuniversität, sie wohnt mit Mann und Sohn in Babelsberg.

Gloria Dürnberger Stern wuchs in Österreich bei einer Pflegefamilie auf. Als Jugendliche fürchtete sie die Postkarten von ihrer Mutter. Sie fürchtete auch die Besuche ihrer Mutter, zwei Stunden alle zwei Wochen. „Danach brauchte ich zwei Wochen, um mich von dem Besuch zu erholen“, sagt sie heute. Viel einander zu sagen hatten Mutter und Tochter damals nicht. Sie sahen zusammen fern, oft schlief Gloria ein. Was woanders ein Vertrauensbeweis gewesen wäre, war für sie eine geschickte Flucht, sagt Gloria Dürnberger Stern. Sie lacht, wenn sie das erzählt. Überhaupt lacht sie gern und oft – und findet im Übrigen, dass man auch über Passagen im Film lachen darf. Über missratene Weihnachtsgeschenke, fehlgegangene Kommunikation. Auch darum geht es in „Das Kind aus der Schachtel“. Darum, wie allein man zuhause sein kann – selbst wenn alle dort gesund sind.

Ihre Pflegefamilie war für Gloria Dürnberger Stern „ein Paradies“. Eines allerdings, aus dem sie jederzeit vertrieben werden konnte. Mit diesem Gefühl wuchs sie auf. Mit dem Gefühl, dass diese fremde Frau, die zweimal im Monat zu ihr nach Hause zu Besuch kam, ihr Geld schenkte, aber keine Umarmungen zuließ, sie jederzeit mitnehmen könnte, fort aus dem Paradies. Eine Drohung, die die Mutter auch aussprach. Die Angst davor konnte dem Kind niemand nehmen. Auch wenn es behütet aufwuchs, auch wenn die Lebensumstände der Mutter es wohl kaum zugelassen hätten, dass diese Drohung war wird.

In diesem Paradies gab und gibt es eine, die Gloria Dürnberger Stern „Mama“ nennt. Auch sie kommt im Film vor, eine besonnen wirkende, warmherzige Frau. Margit, das ist die andere, die „Mutter“. Auch dieses steife, kühle Wort musste sie auf die Frau, die sie in die Welt gesetzt hat, erst anwenden lernen. „Das Kind in der Schachtel“ lässt ahnen, warum das schwer gewesen sein muss, höllisch schwer. „Liebst du mich eigentlich?“, fragt Gloria Dürnberger Stern ihre Mutter im Film einmal. Die Antwort kommt ohne Scham und Verstellung. Sie kommt von einem Stern, auf dem es die Kategorie der Muttergefühle nicht gibt. „Wieso, ich bin doch nicht schwul.“ Eine Selbstverständlichkeit für die Frau vom anderen Stern. Für die Tochter ein Schlag, der schmerzlicher kaum sein könnte.

Acht Monate lang blieb Gloria Dürnberger Stern als Baby bei der Mutter, die keine Bindung aufbauen konnte. Dann gab diese sie zum Jugendamt. 1981 war das. Ihre Mutter gab sie weg, jedoch nicht frei. Als Adoptivkind wäre die Verbindung gekappt worden, als Pflegekind behielt die Mutter das Besuchsrecht. Und sie forderte es ein, alle zwei Wochen die vom Kind gefürchteten zwei Stunden. „Hast du mich eigentlich vermisst, nachdem du mich weggegeben hast?“, fragt Gloria ihre Mutter. Die Antwort wieder ein Hieb: Nein.

Mit solchen Widersprüchen wurde Gloria Dürnberger Stern groß. Als Kind erklärte ihr niemand, dass die Frau, deren Gegenwart sie sich nicht aussuchen konnte, krank war. Das empfindet Gloria Dürnberger Stern als größtes Versäumnis der Verantwortlichen. Sie nennt die erstickende Mischung aus Annäherung und Zurückstoßen das „Zuckerbrot- und Peitsche-Prinzip“. Heute kennt sie den Namen der Krankheit, die die Mutter hat, auch wenn sie ihn nicht in der Zeitung lesen will – aus Respekt vor der Mutter, die sich dagegen verwehrt. Als ihre Tochter sie fragte, ob sie sie filmen dürfte, stimmte sie hingegen sofort zu. „Um mir einen Gefallen zu tun“, sagt die Filmstudentin.

Als sie 2008 mit den Aufnahmen begann, wusste sie noch nicht, ob einmal ein Film daraus werden würde. Damals war sie 27 und hatte festgestellt, dass sie kein einziges Bild von ihr und ihrer leiblichen Mutter besaß. Das wollte sie nachholen, auch im übertragenen Sinn: Sich ins Bild rücken. Von außen auf sich und ihre Mutter schauen, und damit auch auf ihr inneres Chaos.

Im Zuge der Recherchen grub ihre Mutter Fotos aus, die sie selbst 1981 zeigen, kurz nach der Geburt der Tochter. Eins berührte Gloria Dürnberger Stern besonders. Es zeigt sie im Sommer 1981, ein winziges Baby, hübsch eingekleidet, abgestellt auf einem Asphaltboden. In einer Tragetasche. Für Gloria Dürnberger Stern eine Schachtel. Ihr Film zeigt den Versuch, dieser Schachtel zu entkommen. Oder eigentlich: mit ihr zu leben. Auch die Mutter sah sich den Film an. Allerdings ohne Ton, den konnte sie nicht ertragen. Als Margit sich im Film selbst auf Bildern als junge Frau sah, musste sie beinahe weinen. Nie habe sie sich ihrer Mutter näher gefühlt, sagt die Tochter. Inzwischen kann sie darüber lachen.

„Das Kind in der Schachtel“ läuft noch einmal am morgigen Dienstag um 10.30 Uhr sowie Mittwoch um 16.45 Uhr im Thalia-Kino, Rudolf Breitscheid Str. 50

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