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  • 25.09.2017
  • von Astrid Priebs-Tröger

Der Holzschnitt des eigenen Lebens

von Astrid Priebs-Tröger

Bilder aus Papier. Die Schauspielerin Noriko Seki in „Kyo Shu“. Foto: Stefan Gloede

Premiere im T-Werk: Noriko Seki schreibt „Briefe nach Hause“ und findet sich selbst

Es ist eine Flut an Bildern, Gedanken und Assoziationen, die die Schauspielerin Noriko Seki in ihrem Stück „Kyo Shu“ dem Zuschauer offenbart. Der Titel bedeutet im Japanischen „Heimweh“ und „Herbstschmerz“ zugleich und die japanische Schauspielerin, die seit 2004 in Potsdam lebt, beleuchtet darin ihr eigenes Leben. Am Freitag feierte das Stück Premiere auf der Probebühne des T-Werks.

Zuerst sitzt Seki entspannt und gleichzeitig konzentriert mit geschlossenen Augen auf einem Hocker und tut nichts. Jedenfalls nichts Sichtbares. Man sieht eine Frau im halben Lotussitz – nicht mehr jung, noch nicht alt, die einfach da ist. Ein paar Augenblicke später hat sie ihre dunkel-blitzenden Augen geöffnet und verwandelt sich schnurstracks in eine fidele Alte. Sie redet mit ihren Stühlen und Hockern wie mit alten Bekannten, läuft gebückt unter der Last ihrer Jahre durchs Haus und immer wieder begrüßt sie neue Gäste freundlich und auf asiatische Weise ehrerbietig. Eingespieltes Stimmengewirr untermalt diese lebhafte Assoziation.

Dann bricht diese Erinnerung plötzlich ab und Seki ist eine Frau mitten im Hier und Jetzt, die atemlos von Aufgabe zu Aufgabe hastet. Wunderbar, wie sie dies mit den wenigen Requisiten, die auf der Bühne zu Computer, Küche oder Schrank werden, und anhand weniger Gesten veranschaulicht. Und wie, als sie endlich in Ruhe einen Tee trinken will, das Telefon klingelt und alles zunichtemacht.

Auch in der nächsten Szene, in der es um ihre Kindheit in Japan geht, arbeitet Regisseur Kenneth George mit gut gesetzten Brüchen – und dies durchzieht die gesamte Inszenierung. Man bekommt gar nicht die Gelegenheit, sich lange und linear in eine der Episoden einzuspinnen, sondern folgt Sekis Gedankensprüngen und Assoziationen überrascht und bereitwillig. Selbst wenn die erzählte Kindheitsgeschichte – das Mädchen verteilte Geldscheine aus dem Portemonnaie der Mutter über die Briefkästen der Nachbarn, weil sie dies beim Briefboten gesehen hatte – dann direkt ins Chaos übergeht. Seki liegt am Boden und kriecht mit verbundenen Augen unter jetzt umgekippten Stühlen hindurch – wahrscheinlich eine Erinnerung an das Erdbeben von 1995, das auch ihre Geburtsstadt Osaka tangierte.

Ein Jahr später verließ Noriko Seki ihre Heimat. In der Inszenierung verhüllt sie dafür die Stühle sorgfältig mit dünnen Baumwolltüchern und faltet erwartungsfroh ein Papierschiff. Dabei eingespielt wird der Brief ihres Vaters, in dem dieser über seine Entscheidung reflektiert, ob es richtig war, vom Land in die Stadt zu gehen. Auch das ist nur eine flüchtige Assoziation mit Bildern, die sehr berühren, der aufs Wesentliche reduzierten, wie ein Holzschnitt anmutenden Inszenierung. Die nicht nur wegen ihrer Brüche, sondern auch wegen ihres Humors überzeugt. Seki, die ein helles Doppelkleid trägt, wird mit den Baumwolltüchern zur Braut, schließlich zur jungen Mutter dadurch, dass sie ein solches zusammengeknüllt als Kind liebevoll im Arm hält. Spätestens zu diesem Zeitpunkt hat Noriko Seki fast alle Lebensstationen einer Frau mit wunderbar flexiblem Körpereinsatz, aussagekräftigen Gesten und minimalem Requisiteneinsatz verkörpert. Kein Wunder, ließ sie sich doch von dem Buch „Der Tanz der Großen Mutter“ von Clarissa Pinkola Estés inspirieren.

Und bei Seki tritt denn auch deren berühmte Sentenz „Jung sein im Alter und reif sein in der Jugend“ sehr plastisch zutage. Man schaut der wandlungsfähigen Schauspielerin gern zu und ist auch nicht überrascht, dass sie sich in die Akkordeon spielende Clownin, die sie ja im echten Leben auch ist, verwandelt. Es macht ungemein Spaß, das spielerische und bewegungstechnische Repertoire von Noriko Seki hier so geballt zu sehen und sie so persönlich zu erleben.

Und doch nimmt man ihr den Herbstschmerz nicht ganz ab. Vielleicht, weil Seki selbst für die Rolle der weisen Frau doch noch ein wenig zu jung ist. Schön ist aber, dass sie sich für den Lebensherbst und -winter von Frauen interessiert und den weisen Frauen dabei eine wichtige Rolle zuerkennt. Und wenn sie eine von ihnen am Ende mit Maske und gemessenen rituellen Bewegungen verkörpert, so ist das schauspielerisch überzeugend. Insgesamt ist diese intime Collage so etwas wie die Vergewisserung ihrer Wurzeln und die Ahnung davon, wie wichtig diese für den eigenen Lebensweg sind.

Sehr viel Einfühlungs- und Improvisationsvermögen bewies auch Matthias Peter, der Noriko Sekis Reise in ihre Vergangenheit und Gegenwart musikalisch begleitete und Hand in Hand mit dem intensiven Spiel eine ungemein dichte Atmosphäre erzeugte. Astrid Priebs-Tröger

Weitere Aufführungen: 30. September um 19 Uhr im Volkspark und 24. November um 20 Uhr im Kulturhaus Babelsberg

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