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  • 15.09.2017
  • von Heidi Jäger

Potsdamer Kunstverein: Ein zeitloser Atem

von Heidi Jäger

Wiederentdeckt: Die Malerin Becky Sandstede. Foto: Birgit Kleber

Die „Gute Stube“ zeigt die Landschaften von Becky Sandstede – mithilfe eines Vereins, der sich um Künstlernachlässe kümmert.

Potsdam - Mit seiner aktuellen Ausstellung erweist sich der Potsdamer Kunstverein als Goldgräber. Er präsentiert einen Schatz, der das facettenreiche Gesicht Becky Sandstedes trägt. Diese in Vergessenheit geratene charismatische und wohl auch humorvolle Künstlerin (1909–1999) änderte ihren Vornamen Gertrud kurzerhand in Becky um: als Gunstbezeugung für ihren zeitweiligen Schwiegervater Max Beckmann. Der gab ihr Zuspruch auf ihrem künstlerischen Pfad, den sie autodidaktisch ging – und der sich oft auch als steinig erwies.

Anders als bei ihrem Bruder Kurt wurde ihr von den Eltern kein Kunststudium finanziert. Becky Sandstede malte trotzdem und verdiente sich ihr Brot in den 30er Jahren als Musterzeichnerin, Entwerferin und Koloristin für Textilfirmen. Als sie sich schließlich nach dem Krieg im Alter von 40 Jahren um eine Aufnahme an der Hochschule für Bildende Künste Berlin bewarb, blieb ihr der Zugang verwehrt.

Sandstede repräsentiert malerischen Eigensinn

Anders als der Expressionist Max Beckmann, dem ab Februar 2018 im Museum Barberini eine Ausstellung gewidmet wird, lässt sich Becky Sandstede keiner Kunstrichtung zuordnen. Ihre Bilder, die ab heute in der Charlottenstraße unter dem Titel „Landschaftsmalerei? Landschaftsmalerei“ gezeigt werden, zeugen vom stilistischen Eigensinn und zeitlosem Atem. Ihre finessenreichen Bilder haben etwas Flirrendes, Losgelöstes. Sie heben förmlich ab in traumdurchsetzten Drauf- und Innensichten, ziehen hinein in Sehabenteuer, die leichten Fußes, aber nie leichtfertig daher kommen. Es ist ein freudvolles Entwirren von Überlagerungen und Gespinsten, Licht- und Schattenwürfen.

Wer aber war diese in Oldenburg geborene und im Westberliner Kunstleben fest verankerte Frau, die 1990 in einer Ausstellung vom Schering-Kunstverein Berlin 30 000 Mark für den Verkauf ihrer Bilder erhielt?

Weiter Bogen durch Jahrzehnte und Stilrichtungen

Nach der Antwort suchte der Verein Private Künstlernachlässe im Land Brandenburg e. V., dessen Mitbegründer Thomas Kumlehn nun diese kleine Ausstellung für den Kunstverein kuratierte. Die 19 teils verkäuflichen Werke schlagen einen weiten Bogen durch die Jahrzehnte und Stilrichtungen. „Sandstede setzte ihre Bilder sowohl gegenständlich als auch in freien Assoziationen um. Mehr und mehr bannte sie das Licht in faszinierender Transparenz. Über ihre Technik schwieg sie“, so Kumlehn.

Dass Becky Sandstedes Werke und die ihres Mannes heute bei einem Nachlassverwalter in Potsdam wohlsortiert und in guten Händen sind, sei der Weitsicht der Künstlerin zu verdanken, sagt Thomas Kumlehn. Nach dem Tod ihres zweiten Mannes, dem Maler Hermann Kirchberger, bat Becky Sandstede eine Freundin, ihre Bilder sowie die ihres Mannes zu inventarisieren. 1997 konnte diese akribische Arbeit abgeschlossen werden. Als Krönung gab es eine Ausstellung am Gendarmenmarkt, die Becky Sandstede selbst kuratierte. Bereits phasenweise an Demenz leidend, bestimmte sie mit der ihr eigenen Souveränität eine Vertrauensperson, die sie fortan begleitete. Die kinderlos gebliebene Frau, die als charmante Gastgeberin bekannt war und Menschen miteinander ins Gespräch brachte, wusste um den Reichtum des Vernetzens. Und so hielt sie es für wichtig, dass die Werke aus ihrer Künstlerehe auch posthum weiter für sich sprechen. Ein Teil der Bilder blieb in der Familie, den anderen bekam ihr kunstaffiner Testamentsvollstrecker und Nachlassverwalter. Der sorgte unter anderem dafür, dass sich in der Berlinischen Galerie sieben Werke von Becky Sandstede als Leihgabe befinden und nun als Schenkung angeboten werden.

Zehn Künstler aus Region in der Datenbank

Mit diesem Verwalter und zugleich Sammler, der namentlich nicht genannt werden möchte, kam Thomas Kumlehn während der Kunstverein-Ausstellung „Kunst ohne König“ 2009 im HBPG in Kontakt, als es um private Sammlungen ging. Seit 2011 betreibt Thomas Kumlehn nun gemeinsam mit Kunsthistorikerin Liane Burkhardt den Mobilen Künstlernachlass-Service und unterstützt Nachlasshalter und Künstler. Inzwischen sind zehn Künstler der Region in ihrer Datenbank vereint.

Als ihnen die Zusammenarbeit zu Becky Sandstede angetragen wurde, war die Freude groß. „Wir konnten die vorliegende handschriftliche Bestandsaufnahme qualifizieren und online stellen. Nun sind alle Metadaten erfasst, die für jeden Ausstellungsmacher wichtig sind und zugleich wird das Werk mit seiner Zeitgeschichte verknüpft.“ Der Besucher der akribisch geführten Webseiten erfährt mehr über Persönlich-Biografisches, über alle Ausstellungen oder über Bilder, die in Zeitungen besprochen wurden. Das Leben der Toten wird plastisch nacherzählt und das kulturelle Erbe der Region bleibt bewahrt.

Mobiles Beraterteam

Das mobile Team berät neben Nachlassverwaltern auch Künstler, ohne dass gleich ein Arbeitsauftrag daraus entstehen muss. Das führt oft zu finanziellen Engpässen des Zwei-Personen-Unternehmens, das nur für abrechenbare Projekte Fördergeld vom Kulturministerium erhält. Wo aber bleiben die Werke der Verstorbenen, wenn sich die Angehörigen überfordert fühlen mit der Erbschaft? „Museen sammeln meist nur nach Schwerpunkten und haben ein schmales Ankaufsbudget.“ Der gerade gegründete Bundesverband Künstlernachlässe fordert daher, ein Kernbestandsdepot für Künstlernachlässe in jedem Bundesland einzurichten. So würden die wichtigsten Werke der Verstorbenen erhalten bleiben. Meist sind es etwa zehn Prozent des Nachlasses. Doch um die zu bestimmen, bedarf es einer fachmännischen Sichtung. Und die kann der Verein Künstlernachlässe leisten.

„Wir wollen Künstler sensibilisieren, ihr Werk rechtzeitig zu dokumentieren. Derzeit beraten wir Ronald Paris und Marita Wiemer. Das Leben endet, und im besten Fall ist man darauf vorbereitet.“ So wie Becky Sandstede. Heidi Jäger

Die Ausstellung eröffnet heute um 19 Uhr in der Galerie Gute Stube, Charlottenstraße 121, bis 8. Januar 2018.

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