25.09.2017, 14°C
  • 11.09.2017
  • von Oliver Dietrich

Der Soundtrack stimmt

von Oliver Dietrich

Bühne frei. In ungewohnter Umgebung musizierten die Jazzer. Foto: S. Gabsch

Beim „Jazz im Villenviertel“ zum Tag des offenen Denkmals flanierten Besucher durch Neubabelsberg

Wie es sich wohl in so einer Villa lebt? Immerhin stehen ja genügend in Potsdam herum, aber Eigentümer einer denkmalgeschützten Villa – das werden wohl die wenigsten sein. Für die Neugierigen gibt es dafür den Tag des offenen Denkmals, bei dem einige der ehrwürdigen Häuser ihre Pforten für die Besucher öffnen. Also raus aus der Platte, rein in den Palast: Das schienen sich wohl auch einige am gestrigen Sonntag gedacht zu haben, sie bevölkerten zahlreich die sonst so ruhigen Straßen im vornehmen Neubabelsberg am Griebnitzsee. Doch nicht nur die Villen waren interessant: Es gab auch Jazzkonzerte in den Gärten.

Zum Beispiel in der Villa Liebknecht, die vom Architekten Emanuel Heimann 1898 geplant wurde und seit 2005 unter Denkmalschutz steht. Benannt ist sie jedoch nicht nach Karl Liebknecht, dem Namensgeber des Babelsberger Fußballstadions, sondern nach dessen Bruder Otto. Ein beeindruckendes Haus fürwahr, in kolossaler Landhaus-Optik. Innen sieht es so aus, wie man sich die Villa auch vorstellt: Bücherregale bis in schwindelerregende Höhen sowie der obligatorische Flügel. Den hatte die Band des Nachmittags gar nicht nötig: Die Potsdamer mueller-mueckenheimer spielten musikalisch irgendetwas zwischen Klezmer und Caféhausmusik, mit einer leichten Note des Wahnsinns. Was als leichte Unterhaltung verpackt wird, ist in Wahrheit virtuoser Jazz mit einer gehörigen Portion Coolness – der ideale Soundtrack für Roadmovies. Der Garten der Villa ist voll, wer ein Stück Kuchen oder etwas vom Grill möchte, der braucht Geduld, dazu noch das spätsommerliche Wetter: ein grandioses Gartenkonzert.

Ein paar Straßen weiter steht das Landhaus Gugenheim, ein Backsteinhaus mit einem tiefen Mansardendach, das man am ehesten in Küstennähe erwarten würde. Auf dem akkuraten Rasen stehen mächtige Eichen, fast schon Golfplatzflair. Das Haus selbst ist wieder ganz Villa – mit Bücherregal und Flügel –, und den Eigentümern merkt man die Leidenschaft für Kunstwerke gleich an: Vom Gemälde bis zur Skulptur findet sich hier alles.

Das Haus hat eine bewegte Geschichte: Von Hermann Muthesius entworfen, wurde der jüdische Eigentümer Gugenheim von den Nazis enteignet, zu DDR-Zeiten Volkseigentum – und in den 90er-Jahren schließlich besetzt, weil sich kein Eigentümer fand. Seit zehn Jahren ist es wieder das, als was es konzipiert wurde: eine Villa im Privatbesitz. Draußen auf der Terrasse wieder Jazz, der ist diesmal aber eher plätschernd-unterhaltend. So richtig eingespielt scheint das Quintett nicht zu sein, die Gäste stört das freilich nicht.

Noch mehr Jazz gibt es im Landhaus Zankapfel, das seinen drolligen Namen der ersten freiberuflichen Architektin Deutschlands, Emilie Winkelmann, zu verdanken hat, wie man dort erfährt. Sollte es einen Preis für den schönsten Garten Neubabelsbergs geben, der wäre ihm sicher. Nirgends sonst kann man wohl so schön um einen Teich herum sitzen und die Mücken verjagen, mit Blick auf das prächtige Mansarddach. Und hier stimmt auch wieder der Soundtrack: Die Jammin Jazz Crew spielt zwar mehr Pop als Jazz, aber der leichtfüßige Motown-Klang verschmilzt geradezu mit den zahllosen Besuchern, die sich im Gebäude drängen. Es gibt eben Tage, da sollte der Sommer nie enden. Oliver Dietrich

Social Media

Umfrage

Soll die Biosphäre abgerissen werden, wie es die Grünen-Fraktion im Stadtparlament nun fordert? Stimmen Sie ab!