25.09.2017, 14°C
  • 09.09.2017
  • von Richard Rabensaat

Haut heute

von Richard Rabensaat

Bunker oder Zelt. Karin Christiansen arbeitet mit Abdeckplanen und Plastikfolien.

Die Ausstellung „Skin“ in der Produzentengalerie M verbindet Malerei und Skulptur zu einem überzeugenden Dialog

Groß und grau lagert der Kasten von Karin Christiansen im Keller der Galerie. Ein Zelt soll es sein, gebaut aus Gummimatten, Abdeckplanen und angestrichener Plastikfolie. Eher wie ein Bunker mutet das raumfüllende Objekt an. Jedoch nur zunächst. Auf den ersten Blick unförmige, massive Klötze, erweisen sich die Dinge bei näherer Betrachtung als leicht zerstörbar. Die dünnen Häute bestehen aus leicht zerreißbarem und zerschneidbarem Material. Der Betrachter entdeckt Sehschlitze, Öffnungen. Schaut er durch die Schießscharten ähnelnden Schlitze, sieht er im Innern schmale, spiegelnde Lichtreflexe. Die Wände, aus fragilem Material gebaut, nur locker aneinander gefügt, bilden eher ein Versteck als ein Schutzraum, als der sie zunächst erscheinen. Assoziationen an Geschichten, die sich vielleicht mit dem Objekt verbinden oder aus der Erinnerung der Künstlerin in das Objekt und dessen Form eingeflossen sind, tauchen vorm geistigen Auge auf. Zwei Jahre war Karin Christiansen alt, als der Zweite Weltkrieg endete.

Die Künstlerin studierte unter anderem an der Hochschule für Bildende Künste Berlin freie Malerei und Grafik. Auch ihre Bilder sind rätselhaft, zeugen von großen verborgenen Welten der Künstlerin und von ihrem souveränen Umgang mit einer bewusst reduzierten Farbpalette. In der aktuellen Ausstellung allerdings zeigt sie keine Malerei, sondern große Objekte, die dem Betrachter Rätsel aufgeben. Was sind das für sonderbare Gebilde? Warum baut die Künstlerin so etwas, wenn es nicht einmal käuflich erworben werden kann, wie eine Notiz von Christiansen in der Ausstellung besagt. Eine erstarrte Panzerhaut sei das, formuliert Kuratorin Eva Schepermann. Die Wände scheinen nach dem Tastsinn des Besuchers zu rufen, danach, erforscht zu werden. „Ich möchte es so gerne berühren“, entfährt es einer Besucherin beim Anblick des Objekts. Sie ist Performancekünstlerin und verwandelt den Eindruck, den die Skulptur auf sie macht, sogleich in eine Tanzimprovisation.

Auch die Bilder von Sabine Drasen tragen keine Titel, sind aber käuflich zu erwerben. Den harten Kanten der Objekte von Christiansen setzt Drasen auf ihren fotorealistisch gemalten Bildern weiche, unscharfe Formen entgegen. Auch hier: Haut, Hülle. Ein junger Mann vor dunklem Hintergrund, im Hemd, die nackten Arme nach vorne gestreckt. Anzugjacken aus kariertem Stoff, ein gestreiftes Hemd, vielleicht Sträflingskleidung, ein Schälchen mit Seife zum Reinigen der Haut, daneben Wasserhähne, Zeichnungen möglicherweise von Organen, überlagert von Schrift, die auf Sternzeichen verweist.

Die Inhalte rufen ebenfalls Assoziationen wach, zeigen nur einen Ausschnitt der Wirklichkeit, lassen Zusammenhänge und Befindlichkeiten erahnen, ohne sie genau zu beschreiben. Das Spiel mit dem Kontrast von Schärfe und Unschärfe auf den Bildern evoziert eine kontradiktorische Spannung, vergleichbar mit derjenigen, die zwischen den Objekten Christiansens und den Bildern Drasens entsteht. Offensichtlich ist dennoch das Gefühl der Malerin für den richtigen Ausschnitt, für die richtige farbliche Nuancierung.

So bildet die Schau insgesamt ein ausgesprochen interessantes Spannungsfeld zu einem Thema, das Künstler schon immer angeregt und provoziert hat: Haut. Generationen von Malern haben sich daran abgearbeitet, dennoch ist die Haut nur bei wenigen wirklich lebendig geworden. Die Ausstellung zeigt, dass auch mit konventionellen Mitteln, Materialien und Formen ein überzeugender Dialog mit dem Zeitgeschehen entstehen kann. Richard Rabensaat

„Skin“ ist bis zum 24.September in der Produzentengalerie M, Charlottenstraße 122, zu sehen

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