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  • 09.09.2017
  • von Lena Schneider

Ohne Rückhalt

von Lena Schneider

Gehen und Bleiben. Nina Gummich verlässt 2018 zwar das Ensemble des HOT, will aber in Potsdam wohnen bleiben – und auch weiter hier spielen. Ohne Engagement. Foto: S. Gabsch

Das Theaterfest am HOT läutet heute die neue Spielzeit ein – die letzte auch für Nina Gummich

Lädt man die Schauspielerin Nina Gummich im Spätsommer 2017 zum Gespräch ein, muss sie über den Ort nicht lange nachdenken. Das „Eden“ bitte, dieses Wiesen-Café zwischen Weltkulturerbe und Potsdam-West. Ganz in der Nähe sah sie sich eine Wohnung an, bevor sie vor zwei Jahren nach Potsdam zog. Nach der Besichtigung ging sie mit ihrem Freund im Park spazieren, fand zufällig das „Eden“ und wusste: Hier will ich bleiben.

Seitdem wohnt Nina Gummich in Potsdam-West. Und zwar so gern, dass sie auch hier wohnen bleiben möchte, wenn der Grund, der sie nach Potsdam brachte, sie nicht mehr an die Stadt bindet. Nina Gummich kam 2015 nach Potsdam, um hier im Ensemble des Hans Otto Theaters zu spielen. Mit Ende der Spielzeit, die am morgigen Samstag mit dem Theaterfest ihren Auftakt feiert, wird Nina Gummich das Ensemble verlassen. Es hätte anders kommen können: Bettina Jahnke, die im Sommer 2018 die Nachfolge von Intendant Tobias Wellemeyer übernimmt, hätte sie gern am Haus behalten. Nina Gummich entschied sich dagegen.

Fragt man Nina Gummich im Garten „Eden“ nach dem Grund dafür, sagt sie einen einfachen Satz. „Ich wäre sonst einen Schritt zu lang geblieben.“ Zu lang in einer Stadt in der Größe Potsdams, heißt das, und Nina Gummich spricht jetzt nicht von sich als Mensch. Der Mensch Nina Gummich liebt Potsdam. Die Ruhe, das inzwischen Vetraute, Überschaubare. Wenn Nina Gummich sagt, mehr als drei Jahre Potsdam wären zu lang, dann spricht sie von der Künstlerin Nina Gummich. Und die sucht nicht das Vertraute, Beschauliche, sondern Verausgabung. Wo sie auftaucht, macht sie die Bühne zu der ihren. Durch Geistesgegenwart und Witz, durch eine flirrende körperliche Präsenz. Durch einen absoluten Willen, die ihr gegebene Rolle mit Haut und Haar zu verschlingen. Es gibt diese Spieler, um die man beinahe Angst hat, wenn sie auf der Bühne stehen – Angst, weil sie sich so ohne Rückhalt, ohne Reserve in das stürzen, was ungerechterweise nur „Spiel“ heißt – Theaterspiel.

Tobias Wellemeyer hat das gesehen und sie Anfang 2016 als Isa besetzt, in der von ihm inszenierten Bühnenfassung von Wolfgang Herrndorfs „Bilder deiner großen Liebe“. Isa, dieses hyperaktive, einsame, lebenshungrige Kraftbündel, wurde Nina Gummichs erster Triumph in Potsdam. Und sie bleibt die Rolle, die ihr – bis jetzt zumindest – von den Potsdamer Rollen am nächsten ist. „Dieses einsame Mädel, ohne Schuhe, das durch die Welt tapst, das war ich“, sagt.

Tobias Wellemeyer, den sie als „väterlichen Freund“ beschreibt, war nicht nur so klug, Nina Gummich ans Haus zu binden, sondern auch, ihr die Freiheiten zu lassen, sich woanders auszuprobieren. Im Juni dieses Jahres arbeitete sie, zum zweiten Mal bereits, mit dem namhaften Regisseur Andreas Kriegenburg zusammen – in einer Koproduktion der Ruhrfestspiele Recklinghausen und des Deutschen Theaters Berlin. Die Arbeit, Elias Canettis „Hochzeit“, war ein Reinfall. Aber für Nina Gummich trotzdem eine wichtige Möglichkeit, jenseits von Potsdam und Fernsehen (eine opulente Serie ist in Planung, deren Titel sie nicht verraten darf) gesehen zu werden.

Nein, fertig mit Potsdam ist Nina Gummich noch nicht. Eine Spielzeit bleibt, und danach die Hoffnung, hier gastieren zu dürfen. Mit Alexander Nerlich will sie am HOT noch arbeiten. Die hier begonnene Verbindung mit dem Regisseur Wojtek Klemm („3000 Euro“, „Die schönen Dinge“) soll weitergehen. Mit der Tanzakademie Marita Erxleben brachte sie im Frühsommer auf dem Südwestfriedhof Stahnsdorf Rilke-Gedichte zur Aufführung – und überhaupt, sagt sie, will sie künftig mehr tanzen. Zunächst, aber, am 7. Oktober, steht etwas außergewöhnlich Konventionelles an: eine Prinzessinnenrolle. In Kleists „Prinz Friedrich von Homburg“ (Regie Alexander Charim) ist sie Natalie, die Angebetete Homburgs. Das Königinnen- und Prinzessinnenfach war bislang nicht ihrs – aber sie wird zweifellos auch das zu ihrem machen, mit Haut und Haar. Nina Gummich sagt das anders: „Natalie knack ich auch noch.“ Keine Angst, Natalie: Was wie eine Drohung klingt, ist das Versprechen, dich nicht zu verraten. Lena Schneider

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