25.09.2017, 14°C
  • 09.09.2017
  • von Steffi Pyanoe

Spargel à la Kiew

von Steffi Pyanoe

Für unsere Sommerserie besuchen wir POTSDAMS GÄRTEN und Parks. Im Integrationsgarten im Schlaatz wachsen Blumen und Gemüse – und seinen Gärtnern ist er Sorge und Arznei zugleich

Das Erste, was David macht, wenn er früh in den Garten kommt, ist das Wasser anstellen. Es mag ja sein, dass der Boden aufgrund des vielen Regens anderswo schön feucht ist. Hier jedenfalls nicht. Der Flecken Erde, der am Morgen dran war, ist nachmittags wieder staubtrocken. David scharrt mit dem Fuß Sand auf. Aber was soll’s, es wächst ja doch was, Salbei zum Beispiel, in Büscheln, die kräftig duften, wenn man vorbei kommt. Daneben gleich eine Strauchrose.

In seiner Gänze ist der Integrationsgarten nämlich doch ziemlich grün, obwohl er im Grunde auf einer Schutthalde aus den Bauzeiten des Wohngebiets am Schlaatz angelegt ist. Statt Mutterboden gibt es Sand, und nur mühsam wächst die obere Schicht, die aus viel Komposterde und drei Lkw-Ladungen Erde besteht. Die hatte Carla Villwock, Landesgeschäftsführerin des Brandenburger Kulturbunds, als erste Hilfe anfahren lassen. 2000 übernahm der Verein die Trägerschaft für den Gemeinschaftsgarten. Und David ist von Anfang an dabei.

Vor 20 Jahren war er neu in Potsdam, einer der vielen russischen Aussiedler, Kontingentflüchtlinge sagte man. David Shpirt kam aus Kiew und war gelernter Elektroingenieur. Hier in Potsdam begann er, an Arbeitsmaßnahmen vom Amt teilzunehmen. Und kam eines Tages mit Gartenarbeit in Berührung, als er bei einem Projekt mit einer Gartenbaumeisterin zusammenarbeitete. In Kiew hatte er nie einen Garten gehabt, das konnten sich nur die Reichen leisten, sagt er, oder die mit einem Auto, die mal eben 30 Kilometer raus auf’s Land fahren konnten. In Potsdam machte ihm das Gärtnern plötzlich Spaß – wie vielen anderen Aussiedlern und Flüchtlingen. So entstand die Initiative, die 1999 den ehemaligen Schulgarten der Weidenhofgrundschule, am Rande der Nuthewiesen, übernehmen konnte. Die Idee: Ein Gemeinschaftsgarten für alle, die klein anfangen wollen, die keine Chance auf eine eigene Parzelle haben. Für alle, die mal aus ihrer kleinen Sozialwohnung raus wollen. Jeder sollte mitmachen können, ein eigenes Beet bearbeiten und sich auch in die Gemeinschaft einbringen.

Etwa 15 Familien aus vornehmlich osteuropäischen Ländern, aus dem Kosovo, aber auch aus Deutschland, gehören aktuell zum Gartenteam. Die meisten wohnen nicht weit weg und kommen nach Feierabend oder am Wochenende vorbei. David ist fast immer da und macht, was in dem großen Garten, 3500 Quadratmeter, eben so anfällt. Er ist jetzt 77 Jahre alt und schon lange Rentner, da braucht er was zu tun. „Der Garten ist meine Arznei und Sorge“, sagt er lachend. Die Arznei ist das Draußensein, die Natur, das Buddeln, Pflanzen und Ernten auf seinem eigenen Beet. Er hat vieles ausprobiert, Spargel ist sein Lieblingsgemüse. „Mit drei Pflanzen hab ich angefangen, dann haben sie sich selber ausgesät und wurden immer mehr“, sagt er. Er hat die Pflänzchen in Reih und Glied gesetzt und erntet das Gemüse jetzt kiloweise. Auch Tomaten baut er an, Gurken, Rote Bete. Dazwischen wächst eine Sorte Spinat aus Neuseeland, das will er mal ausprobieren. Und viel Schnittlauch, davon wird er heute Abend was mitnehmen.

Die Sorge sind die vielen Viecher. Natürlich nicht die Schmetterlinge oder Vögel, der Spatzentrupp, der lärmend von Strauch zu Strauch zieht. Nein, David meint „Läuse und Schnecken, eine Plage“, er schüttelt sich. Jeden Morgen sammelt er „bestimmt 300“ ein und stellt abends Bierfallen auf. Die Schnecken fressen vor allem die Blumen. Dabei lieben die Deutschen doch ihre Blumen. Die Gärten der Deutschen erkennt man daran, dass dort meist nur Blumen wachsen, sagt David. „Gemüse kaufen die Deutschen bei Real.“

Die Beete der Gemeinschaftsgärtner waren anfangs bettlakengroß, sagt Villwock, für Familien mit vielen Kindern gerne auch größer. Aber Pflanzen halten sich selten an Vorgaben, sie wachsen eben querbeet. Sie umklammern improvisierte Rankhilfen, sie quellen aus Tontöpfen, expandieren quer über den Komposthaufen. Himbeerhecken wuchern, Stangenbohnen klettern. Der Mais einer vietnamesischen Familie steht prächtig. Auf manchen Miniparzellen finden sich zudem winzige Gewächshäuser. Tomaten, sagt David, gehen im Freiland kaputt.

Das ganze Areal ist von vielen kleinen Wegen durchzogen, hier und da finden sich Sitzplätze, eine lauschige Ecke, eine Lichtung mit Grill oder Feuerschale. In einer Laube gibt es Schließfächer für die Werkzeuge der Gärtner, in einer anderen Küche und Platz zum Werkeln. Denn neben der Gemüseversorgung ist der Garten, den man kaum am Rande der DDR-Plattenbausiedlung erwarten würde, vor allem eins: ein Ort der Gemeinschaft. Ein Treffpunkt im Grünen, zum Arbeiten, Quatschen, Feiern. Wenn die Tür offen ist, sagt Villwock, sind auch Besucher willkommen. Es kommen vor allem Kitagruppen, die mal sehen wollen, wie Obst und Gemüse wächst. Außerdem gibt es wieder einen kleinen Schulgarten für Kinder der Weidenhofgrundschule. Sie haben Kartoffeln und Getreide angebaut und Brokkoli, der über die Sommerferien ein kreatives Eigenleben entwickelte.

So richtig ordentlich ist es nirgends in dem Garten, wo Kraut und Unkraut oft nebeneinander stehen und jeder Gärtner andere gestalterische Vorstellungen oder Ordnungsprinzipien verfolgt. Hier würde jeder Kleingartenvereinschef angesichts des vielen Wildwuchses Herzrasen kriegen. Carla Villwock lacht. „Für einen Gemeinschaftsgarten ist das völlig normal“, sagt sie, „da muss man eine gewisse Unordnung ertragen können.“ Nur wenn jemand komische Pflanzgefäße anschleppt, alte Autoreifen, Schrankschubladen, das gibt es nicht. „Es soll ja ein gesunder Garten sein, wir wollen hier keinen giftigen Schrott im Beet.“ Wer hier mitmachen will, zahlt zehn Euro Jahresbeitrag, und Anwärter gibt es viele, sagt Villwock. „Der Garten könnte doppelt so groß sein.“

Erntedankfest am 29.9. ab 15 Uhr mit Musik von den „Tontauben“, Kreativprogramm und Essen und Trinken aus aller Welt. Der Garten befindet sich hinter der Weidenhofgrundschule, Schilfhof 25

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