13.12.2017, 3°C
  • 12.08.2017
  • von Stefan Kahlau

Rissige Striche der Flucht

von Stefan Kahlau

Therapie. Manal Herbli verarbeitet mit Bildern wie „Das zerstörte Aleppo“ (o.) und „Flucht“ (u.) ihre Erfahrungen. Fs.: M. Almstädt

Das Rechenzentrum Potsdam zeigt in der Ausstellung „Zwei Leben: vorher – nachher“ Bilder der syrischen Malerin Manal Herbli

Zuerst ist es nur eine Gruppe von Menschen, schemenhaft, in verwaschenem Grau, das stellenweise in schmuddelige Rottöne übergeht. Bei genauerem Hinsehen lassen sich Männer, Frauen und Kinder ausmachen. Die Dargestellten sind scheinbar nackt. Manche von ihnen stehen in gebeugter Haltung da und schauen zu Boden. Andere starren mit ihren masken- und fratzenhaften Gesichtern dem Betrachter direkt in die Augen.

Das düstere Szenario hat die syrische Malerin Manal Herbli in ihrem Bild „Angst“ festgehalten. Die 30-Jährige floh vor den Bürgerkriegszuständen aus ihrer Heimatstadt Aleppo und lebt seit letztem Jahr in Potsdam. Ihre Energie verwendet die Künstlerin seitdem für den „Blick nach vorn“, gleichzeitig setzt sie sich eindrücklich mit ihren Erlebnissen auseinander. Einige der so entstandenen Werke präsentiert sie nun seit dem gestrigen Freitag im Potsdamer Rechenzentrum mit der Ausstellung „Zwei Leben: vorher – nachher“.

Die verstörende Wirkung ihrer Bilder wie „Die Überlebenden“, „Gefühlschaos“ oder „Wo ist der Halt?“ erzielt Herbli durch die Verwendung von Gouache-Farben und Kohlestiften. Angedeutete Formen und hingekritzelte Gesichtszüge lassen viel Spielraum für eigene Interpretationen. Beim Betrachten des Werkes „Flucht“ etwa schießen automatisch Fernsehbilder von verwahrlosten Flüchtlingsbooten, die auf dem Mittelmeer treiben, in den Kopf. Auf diese Weise wird das Leid der Betroffenen intensiv vermittelt.

Stark ist auch Herblis Einsatz von Farben, mit denen sie gekonnt die verschiedensten Stimmungen erzeugt. Wie sie die Gefühle des Betrachters lenkt, verdeutlicht der Vergleich zwischen „Das zerstörte Aleppo“ und „Potsdam-Potsdam“. Ersteres ist in schreiendem Rot ausgeführt und sticht geradezu ins Auge. Im Hintergrund ist die Silhouette einer Stadt zu erkennen. Im Vordergrund hocken, liegen, sterben menschliche Körper. Der Eindruck von Chaos wird durch krakelige Striche in Weiß und Rot verstärkt, die mal wie der Riss in einer Häuserwand, mal wie eine Blutspur aussehen. „Potsdam-Potsdam“ hingegen ist in freundlichem Bunt gehalten und wirkt beinahe karnevalesk. Es zeigt farbenfrohe Gesichter, die positive Grundstimmung wird durch Blumenmotive symbolisiert.

Nach Potsdam gelangte Herbli durch den üblichen Vermittlungsweg der Ämter. „Darüber ist sie sehr froh, denn die Stadt gefällt ihr ausgesprochen gut“, sagt die Künstlerin Linde Kauert, an deren Kunsttherapieprojekt „Auswege gemeinsam finden“ Herbli seit Juli 2016 teilnimmt. Das Projekt der Gesellschaft für Inklusion und soziale Arbeit e.V. in Potsdam unterstützt Frauen mit Flucht- und Gewalterfahrungen. Herbli, die noch kein Wort Deutsch spricht, möchte über ihre Geschichte selbst nicht sprechen. Dafür sprechen ihre Bilder umso mehr. Sie entstehen, indem sie beginnt, frei zu malen, ohne ein bestimmtes Thema zu verfolgen. „Manal fängt einfach mit der Arbeit an und ist dann irgendwann fertig“, sagt Kauert. „Sie versenkt sich eine ganze Zeit lang ins Malen.“ In Aleppo, wo sie von 2006 bis 2011 Malerei an der Hochschule für Bildende Kunst studierte, hat Herbli vor allem in Öl gemalt. Fotos von einigen dort entstandenen Arbeiten wird sie neben ihren aktuellen Bildern in der Ausstellung im Rechenzentrum ebenfalls präsentieren. „Sie könnte sicher große Formate füllen, die kreative Energie dazu hat sie ohne Frage“, so Kauert.

Ein weiteres Thema, mit dem sich Herbli in ihren Werken beschäftigt, ist die gesellschaftliche Stellung von Mann und Frau in ihrer syrischen Heimat. Etwa mit dem Bild „Immer er“. Dort ist ein Paar zu erkennen. Vorn steht der Mann, mit geringeltem Schnurrbart, stolz und entschlossen in die Ferne blickend. Hinter seiner rechten Schulter lukt die Frau hervor, den Kopf zur Seite geneigt und mit fragendem, fast ängstlichem Blick. Die beiden werden von einem seltsamen, glatzköpfigen Wesen bedrohlich und zugleich lüstern belauert. „Die Frauen werden zu Hause in ihren Ländern sehr niedrig gehalten, darum sitzt diese Problematik bei ihnen tief“, so Kauert, die Herbli bei der Organisation ihrer Ausstellung unterstützt. „Manche Teilnehmerinnen kommen heimlich in die Therapiegruppe, weil deren Männer nicht wollen, dass sie hier sind“, sagt Kauert. Manal Herbli sei dennoch eine sehr aktive und emanzipierte Frau. Ihre eindringlichen Bilder stehen auch zum Verkauf. Stefan Kahlau

Noch bis zum 27. August immer Mittwoch, Samstag und Sonntag von 15 bis 18 Uhr im Rechenzentrum

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