11.12.2017, 4°C
  • 10.08.2017
  • von Klaus Büstrin

Der vergessene Komponist von Friedrich II. Zum 300. Geburtstag von Christoph Nichelmann

von Klaus Büstrin

Mann ohne Porträt. Einst saß Nichelmann hier in Sanssouci am Cembalo.F.: R. Handrick

Auch in der tiefsten Provinz wuchsen Talente heran, die in der Hofkapelle König Friedrichs II. glänzten. Die Gebrüder Carl Heinrich und Johann Gottlieb Graun kamen etwa aus Wahrenbrück bei Liebenwerda und Georg und Franz Benda wurden in einer böhmischen Kleinstadt geboren. Treuenbrietzen war der Geburtsort von Christoph Nichelmann. Er wurde als Kammercembalist der Hofkapelle des preußischen Königs in Potsdam und Berlin engagiert. Als Sohn eines Tuchmachers wurde er am 13. August 1717 geboren, also vor 300 Jahren. Am Geburtshaus in der Neuen Marktstraße 1 findet man heute eine Gedenktafel. Doch wie wird Nichelmann eigentlich in Potsdam geehrt?

Im Geburtsjahr erklingt in Potsdams Konzertsälen im Geburtstagsjahr kein Werk des Komponisten der friderizianischen Zeit. Doch die Voltaire-Schule vergab im März dieses Jahres erstmals für gute musikalische Leistungen von Schülern den Christoph-Nichelmann-Preis.

Und wie feiern die Treuenbrietzener den Geburtstag eines ihre bedeutendsten Einwohner, der für die preußische Musikgeschichte einen wesentlichen Beitrag leistete? Die Recherchen ergaben eine spärliche Ausbeute. Der Bürgermeister, der zugleich Pressesprecher ist, befindet sich im Urlaub, der stellvertretende Bürgermeister weiß von nichts. In der St. Marienkirche, in der sonst das musikalische Leben stattfindet, ist ebenfalls nichts vorgesehen. Also kommen noch der Heimatverein und das Museum für Auskünfte infrage. Doch das Vereinsleben pausiert und das Museum öffnet nur am Sonntag seine Pforten. Mitte Juni bereits, so erzählten freundliche Einwohnerinnen, habe der Heimatverein eine Stadtführung veranstaltet. Dabei standen Nichelmann und sein Komponistenkollege Friedrich Heinrich Himmel (1765–1814), ebenfalls im Ort geboren, der sich als Hofkapellmeister König Friedrich Wilhelms II. emporarbeitete, im Fokus. Zwei Herren hätten sich für die Wanderung als Nichelmann und Himmel kostümiert und aus deren Leben erzählt. Die treffendste Ehrung wäre es gewesen, Musik von ihm erklingen zu lassen.

Der begabte Treuenbrietzener Junge wurde als Dreizehnjähriger wegen seiner schönen Stimme an die Thomasschule nach Leipzig geschickt. Dort nahm sich seiner kein Geringerer als Kantor Johann Sebastian Bach an. Danach ging er nach Hamburg, um das Opernleben kennenzulernen, wurde Hauslehrer, unternahm Reisen nach Frankreich und England und siedelte sich schließlich in Berlin an. Dort begegnete er dem Flötenlehrer Friedrichs, Johann Joachim Quantz, sowie den Komponisten der Hofoper, Carl Heinrich Graun. Nichelmanns Kompositionskünste blieben ihnen nicht verborgen und der König zollte ihm „allergnädigsten Beyfall“. Der Musiktheoretiker Friedrich Wilhelm Marpurg schrieb: „So ergieng der hohe Befehl Sr. Königl. Maj. des Königs von Preussen an ihn, sich nach Berlin zu begeben, weil Höchst Dieselben ihn in Dero Musik aufzunehmen, und zu der Composition zu gebrauchen, genädigst gesonnen wären.“

Nichelmann wurde neben Carl Philipp Emanuel Bach 1745 Cembalist der Hofkapelle. Bei den Kammermusikabenden im Potsdamer Stadtschloss und im Schloss Sanssouci war er gefragt. Dabei wurden Flötensonaten von Quantz sowie von dem Flöte spielenden und komponierenden König allabendlich rauf und runter gespielt. Christoph Nichelmanns Kompositionen – er schrieb unter anderem 20 Cembalosonaten und zehn Konzerte – mussten schweigen. Dabei konnte sich seine von Eleganz und reicher Empfindung durchdrungene Musik hören lassen.

Mit seinem Kollegen Carl Philipp Emanuel Bach kam es zu Unstimmigkeiten. Nichelmann kritisierte Bachs Umgang mit musikalischen Affekten. Dieser verteidigte sich mit spöttischen Pamphlets, die weitere Anfeindungen Nichelmanns nach sich zogen. Bach beschwerte sich beim König über die angebliche Bevorzugung Nichelmanns. Der zweite Cembalist verließ 1756, nach elf Jahren, den Hof. Am 29. Juli 1762 starb er arm und vereinsamt in Berlin. Klaus Büstrin

Social Media

Umfrage

Soll die Biosphäre abgerissen werden, wie es die Grünen-Fraktion im Stadtparlament nun fordert? Stimmen Sie ab!