14.12.2017, 4°C
  • 28.07.2017
  • von Klaus Büstrin

Klanglicher Gipfelsturm in Sanssouci Orgelsommer mit Anna-Victoria Baltrusch

von Klaus Büstrin

Das Orgelspiel von Anna-Victoria Baltrusch bewegt sich weit weg von der Frage, ob sie diese oder jene schwere Musik spielen könne. Im Gegenteil: Am Mittwochabend wurde man von ihr weitgehend in den siebten Orgelhimmel geführt. Kantor Johannes Lang, künstlerischer Leiter des Internationalen Orgelsommers Potsdam, holte seine ehemalige Kommilitonin und jetzige Kollegin vom Neumünster Zürich an die Woehl-Orgel der Friedenskirche Sanssouci. Baltrusch, die in Freiburg im Breisgau studierte, kann auf eine Reihe von Auszeichnungen bei renommierten Wettbewerben verweisen. Für Johannes Lang, selbst mit Auszeichnungen geehrt, war dies eine Anregung, innerhalb des Orgelfestivals junge Preisträger vorzustellen.

Die Woehl-Orgel erwies sich als schier unerschöpfliches Reservoir für die Musikerin aus Zürich. Mit ihrer exzellenten Technik holte sie aus dem Instrument an Farben heraus, was ihr möglich schien. So tupfte sie zarte Töne hervor, raste sie akkordbildend und im Laufwerk über die Tasten. Sie ließ das Melodische durchschimmern und setzte zu einem neuen klanglichen Gipfelsturm an. Bachs Präludium und Fuge e-Moll BWV 548 eröffnete das Konzert. Sie musizierte es sowohl in der großen musikalischen Geste als auch in der polyphonen Linie, sodass es zu einem organischen Erlebnis wurde. Vom Thomakantor wählte sie auch die beiden Choralbearbeitungen „Herr Jesu Christ, dich zu uns wend“ BWV 655 sowie „Christ unser Herr, zum Jordan kam“ BWV 684, die sie mit aparter Klanggebung spielte.

Das Orgelschaffen des Zeitgenossen von Max Reger in Leipzig, Sigfrid Karg-Elert, ist vielgestaltig. Mehr als 250 Orgelwerke schrieb er und damit erheblich mehr als Reger, der ihn argwöhnisch beäugte. Doch im Konzertleben spielen Karg-Elerts Werke kaum eine Rolle. Sie sind aber ein wahrer Schatz. Die Woehl-Orgel besitzt die ideale Klangdisposition für die Musik Karg-Elerts und bietet klangliche Kraft wie kammermusikalische Intimität. Der erhebenden Pracht und der lyrischen Innigkeit des Symphonischen Chorals „Jesu meine Freude“ blieb Baltrusch in ihrer Interpretation einfach nichts schuldig.

Ein weiteres Großwerk kam mit Prélude und Toccata aus der Suite op. 5 des 1902 geborenen Maurice Duruflé zur Geltung. Doch des Franzosen gesamtes Orgelwerk ist schmal. Es umfasst nur 14 Opuszahlen, die er seinem eigenen, überaus hohen Qualitätsanspruch quasi abtrotzte. Seine frühe Schulung an der Strenge gregorianischer Klänge in der Kathedrale zu Rouen hat Duruflé geprägt. Somit kamen bei ihm Kurzatmigkeit und Vielschreiberei gar nicht erst auf.

Seine großen Orgelkompositionen zeichnen sich aber nicht nur durch formale Strenge, konsequente Grundlegung gregorianischer Choräle und komplexe rhythmische Strukturen aus. Er lässt ebenso wie im von Baltrusch musizierten Prélude seiner Suite op. 5 die Musik in ganz freier Anlage strömen. Doch Duruflés ungeheurer Klangfarben- und Stimmungsreichtum ermöglicht Ausdrucksdimensionen, die im allgemeinen Bewusstsein heute weitgehend verloren gegangen zu sein scheinen. Doch mit Anna-Victoria Baltrusch hat man eine Organistin an der Hand hat, die mit Übersicht und klug disponierenden Tempi in großer Bandbreite den Wechsel von drängenden und entspannten Passagen zum Erlebnis werden ließen. Die begeisterten Zuhörer applaudierten der 28-jährigen Organistin mit langem Beifall. Klaus Büstrin

Nächstes Orgelkonzert am 2. August, 19.30 Uhr, in der Erlöserkirche, Nansenstraße, mit Franns von Promnitz

Social Media

Umfrage

Soll die Biosphäre abgerissen werden, wie es die Grünen-Fraktion im Stadtparlament nun fordert? Stimmen Sie ab!