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  • 20.07.2017

Interview: „Potsdam kann von Rom lernen“

Der Potsdamer Fotograf Göran Gnaudschun. Foto: Anne Heinlein

Der Potsdamer Fotograf Göran Gnaudschun war acht Monate lang Stipendiat in der Villa Massimo. Ein Gespräch über die Wehmut der Rückkehr, Heimatgefühle in der Fremde – und Lektionen der ewigen Stadt

Göran Gnaudschun, are you happy?

Das ist eine Frage, die man eigentlich nicht stellt. Deswegen habe ich sie als Titel meiner aktuellen Arbeit gewählt. Eine ziemlich unverschämte Frage.

Und, wie lautet die Antwort?

Ich bin Anfang Juli von einem achtmonatigen Aufenthalt in Rom zurückgekommen, wo ich ein Stipendium der Villa Massimo hatte. Rückblickend muss ich sagen: Ich bin sehr glücklich, da gewesen zu sein. Weil ich eine völlig andere Welt kennengelernt habe. In der ersten Woche hier zurück in Potsdam habe ich jede Nacht von Pinien und blauem Himmel geträumt. Es ist eine ziemliche Wehmut da. Man hatte eine Zeit, in der alle Bedingungen für künstlerische Arbeit gestimmt haben. Ein Atelier von acht mal acht mal acht Metern. Kein Ballast, keine alten Arbeiten, dafür ein freier Kopf.

Aber Sie haben in Rom an einem Projekt weitergearbeitet, das Sie lange zuvor begonnen hatten – „Wüstungen“.

Ja, der Aufenthalt war zweigeteilt. Mit meiner Frau Anne Heinlein zusammen habe ich bis Anfang Januar an „Wüstungen“ gearbeitet. Das war das Ende einer zweijährigen Auseinandersetzung mit dem Projekt. Ich sitze also in Rom und kümmere mich um Orte in der ostdeutschen Provinz, die es nicht mehr gibt. Ich hatte sieben Ordner mit kopierten Stasiakten dabei. Ich kam teilweise wochenlang aus meinem Atelier nicht raus. In dieser ersten Zeit hatte ich immer diese Sehnsucht: Raus hier, Rom kennenlernen! Aber das war in der Anfangszeit nicht möglich.

Und dann sind Sie für „Are you happy?“ doch noch rausgekommen aus der deutschen Enklave, haben Rom entdeckt.

Ich habe eine riesige Arbeit über römische Vorstädte gemacht. Es gibt in Rom die Via Prenestina, die von der antiken Stadtmauer ganz gerade in den Osten hineinführt. Sie ist eine der Konsularstraßen Roms, also antiken Ursprungs. Alle großen Straßen des alten Roms endeten am Colosseum, da gab es einen großen Kreisverkehr. Ich bin da mit einem Fahrrad langgefahren, weil mich die Schichtung der Zeiten total interessiert. An der Via Prenestina habe ich mich sofort zuhause gefühlt.

Zuhause, warum?

Man muss sich das so vorstellen: Zur vorletzten Jahrhundertwende war das Gelände da Agrarland, in den 1910er und 1920er Jahren kamen die ersten Fabriken. Die Arbeiter haben sich ihre Hütten selbst gebaut, dann eine Art sozialer Wohnungsbau. Alle 500 Meter ändert sich an dieser Straße die Architektur komplett. Arbeiterwohnungen, dann faschistischer Wohnungsbau, dann sozialer Wohnungsbau der 50er, 60er und 70er-Jahre. Viele Filme von Visconti und Pasolini spielen dort. Pasolinis „Accattone“, Rosselinis „Rom, offene Stadt“, diese Orte gibt es alle noch. An den Bushaltestellen konnte man die Bevölkerungsstruktur ablesen: Pigneto ist eine Art Kreuzberg, linkes hippes Publikum mischt sich mit Touristen und Leuten, die immer dort gewohnt haben. Dann kommen in Centocelle Arbeiter, weiter östlich das, was man früher Subproletariat nannte. Dann viele Schwarze, Bangladeschi und Roma. Die Gegend um die Via Prenestina, ja eigentlich der ganze römische Osten ist unglaublich vielschichtig und abwechslungsreich. Es ist der Teil Roms, der lebt und nicht nur angesehen und bestaunt wird von Leuten aus aller Welt. An diesen Orten war ich viel und gern unterwegs.

Sie schrieben uns aus Rom, dass die Vororte dort Sie an Potsdams Am Stern erinnern.

Ja, das ziemlich enge Zusammenwohnen. Ich bin Am Stern groß geworden und dieses kompakte Übereinanderwohnen erinnerte mich an diese Seite von Potsdam. Letztendlich sehen die Gebäude schöner aus als die Platten, aber das Leben auf engem Raum, das Gefühl, dass man sich im Viertel kennt, das habe ich da wiedergefunden. Es war eine Art Grundgefühl, dass die Menschen einem vertraut sind, obwohl man ihre Sprache nicht beherrscht.

Eine Verbindung jenseits der Sprache?

Ja. Ich dachte davor, dass ich die Sprache unbedingt brauche, um Kontakt aufzunehmen, aber das war gar nicht so. Im Moment des Fotografierens geht es letztlich um ein Grundvertrauen, das sich anders herstellt. Das hat mich fasziniert. Da brauchte es gar nicht viel Vorrede, sondern eine Art Einverständnis. Ich suche in den Porträts immer nach einer Rätselhaftigkeit im Ausdruck, nach etwas, das sich hinter der Person auftut. Ein Dazwischen. Etwas, wovon man nicht weiß, ist es Distanz, Nähe, Offenheit, Verschlossenheit. Lächelt jemand oder nicht? Ein Schwebezustand.

Es fällt auf, dass die meisten Porträtierten nicht lächeln.

Viele haben sofort verstanden, was ich suche. Viele Italiener sind ja sehr freundlich, aber sie haben intuitiv verstanden, was ich will, und nicht gelächelt. Sie können eine Art Stolz, eine innere Intensität sehr gut rüberbringen. Dabei ist das Leben in den Vororten oft sehr hart, wirklich rough. Als ich dem Direktor der Villa Massimo erzählte, dass ich im berüchtigten Vorort Quarticciolo unterwegs war, erzählte er mir, dass man da gerade jemanden niedergeschossen hatte.

Und haben Sie den Leuten auch die verbotene Frage gestellt?

Nein, niemals! Im Endeffekt kann man die Frage „Are you happy?“ aber unter alle Stadtaufnahmen, alle Porträts schreiben. Diese ganzen Sozialbauten für die Arbeiter, die besetzten Häuser, es geht dabei immer um die Frage des Glücks, um menschwürdiges Wohnen und die Frage: Wie wollen wir eigentlich leben? Wie können wir das verwirklichen? Die Frage stelle ich, beantworte sie aber nicht.

Ein Bild fällt etwas aus der Reihe. Eine Menschenmenge ist zu sehen. Was zeigt das Foto?

Das ist das Forte Prenestino, eines von über einhundert besetzten Häusern in Rom. Die Stadt ist total chaotisch und macht sowas möglich – also das, was in Potsdam jetzt nicht mehr geht. Die Festung wurde Anfang der 1990er besetzt. Am 1. Mai feierte sie ihr Jubiläum mit einem großen Fest, mit Musik und Weinverkostung. Viele der besetzten Häuser wirken stark in die Stadt rein, tun viel für die Anwohner und haben dadurch in ihren Vierteln ein ganz anderes Standing. Sie sind keine Fremdkörper, sondern wichtige Bezugspunkte.

Etwas, das hier in Potsdam nicht funktioniert hat.

Das ist eine andere Haltung. Ganz weit draußen an der Via Prenestina haben Migranten ein altes Vier-Sterne-Hotel besetzt. 300 bis 400 Migranten in einem 80er-Jahre-Glaskasten, der schon seit Jahren leer stand.

Und man lässt es einfach geschehen?

Ja, weil man der Probleme ohnehin nicht Herr wird. Es gibt an anderer Stelle ein Museum für Street Art. Das entstand um eine von Migranten besetzte Salami-Fabrik herum, um die Migranten zu schützen. Nach dem Motto: Wir als Künstler machen uns unverzichtbar für die Stadt. Das Museum ist immernoch besetzt, aber inzwischen sehr bekannt. Die Künstler dort sind stark von Pistolettos Arte Povera und der Idee beeinflusst, dass Kunst in die Gesellschaft hineinwirken muss. Dort gibt es auch Nachhilfe für Kinder. Und das ist ein Viertel, in dem sich die Eltern definitiv nicht um die Hausaufgaben ihrer Kinder kümmern. Interessant, wie dort der Staat versagt und die Besetzer sagen: Wir machen was für die Bevölkerung.

Erinnert Sie das an das, was im Potsdam der 1990er Jahre probiert worden ist – erfolglos?

Schon sehr. Man muss aber auch sagen, dass Potsdam ganz andere Voraussetzungen hat, es wurde plötzlich sehr teuer und sehr beliebt. Rom ist viel chaotischer und lässt viel mehr zu. Und es gibt in Rom eine sehr starke linke Tradition, eine Haltung, die sagt: „Wir lassen uns nichts sagen. Wir gestalten die Stadt so, wie wir sie wollen.“ Das finde ich beeindruckend.

Als Sie nach acht Monaten Rom zurückkamen, fanden Sie eine Stadt in Aufruhr vor: die Besetzung der Fachhochschule. Wie guckt man auf Potsdam aus der Perspektive der ewigen Stadt?

Es gibt ein Rom-Foto von mir, auf dem ein Stück der antiken Via Prenestina zu sehen ist, auf der damals die Wagen langgerumpelt sind. Dahinter sieht man eine abgeranzte Lagerhalle. Was ich in Rom extrem schön finde, ist dieses Stehenlassen. Dieses Nebeneinander von verschiedenen Epochen. Zum Glück wurden nicht alle antiken Gebäude abgerissen. Zum Glück fand man im Barock die Renaissance immer noch gut. Zum Glück hat man am Ende des Faschismus nicht gesagt: Wir hauen jetzt alles klein, was Mussolini hat bauen lassen. Man ließ es einfach stehen und macht woanders weiter. Darin kann Potsdam von Rom lernen. Was wissen wir denn, ob die übernächste Generation es nicht schade findet, dass die Ostmoderne komplett abgerissen wurde? Vielleicht gibt es dann eine Aktion Mitteschön, die die Fachhochschule wieder aufbauen will. Die statt Barock-Fake Ostmoderne-Fakes aufstellt.

Die römische Lektion lautet also: Geduld haben und Stehenlassen?

Das Nebeneinander aushalten. Es gibt keine fertige Stadt. Es gibt nur Schichten und Strukturen, sichtbare und unsichtbare, und die wachsen weiter.

Das Gespräch führte Lena Schneider

Göran Gnaudschun, 1971 in Potsdam geboren, studierte in Leipzig Künstlerische Fotografie. Er erhielt 2016 den Rom-Preis für einen Aufenthalt in der „Deutschen Akademie Villa Massimo“.

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