20.07.2017, 28°C
  • 17.07.2017
  • von Grit Weirauch

Das Paradies in aller Tiefe

von Grit Weirauch

Neues in alten Räumen. Auch Brigitte Reimann weilte im Schloss Sacrow. Foto: promo

Hat das Zeug zur Dauerausstellung: Die erweiterte Schau „Gärtner führen keine Kriege“ im Schloss Sacrow

„Merke dir, wohin die Erde geschoben wird und sage es deinen Nachfolgern.“ Ein nahezu alttestamentarischer Satz. Er stammt aber von einem Gärtner, Karl Eisbein. Der war von 1972 bis 2008 Leiter des Parks Babelsberg. Und hat miterlebt, wie Planierraupen den Boden des von Lenné und Pückler-Muskau angelegten Landschaftsgartens an der Havel zu einem dumpfen Fleck Kriegsgebiet umschichteten. Die Erinnerung an den ursprünglichen Zustand müsse bewahrt und weitergetragen werden, war Eisbeins Credo. Denn Mauer und Stachelzaun würden niemals so lange überdauern wie manch Baum im Park. Dass er von den Erdbewegungen nicht einmal der nächsten Generation berichten musste, sondern selbst das Terrain in seinen originalen Zustand wieder rückverwandeln konnte, war auch für Karl Eisbein das Glück der Geschichte. Wie er davon in dem Film „Gärtner führen keine Kriege. Preußens Arkadien hinter Stacheldraht“ erzählt, mit den Tränen ringend, ist einer von vielen berührenden, fast erhabenen Momenten in der gleichnamigen Ausstellung.

Im vergangenen Sommer war die Schau im Schloss Sacrow zu sehen. Der Berliner Jens Arndt hatte sie in einem multimedial angelegten Projekt kuratiert: Im rbb lief der Film des Dokumentarfilmregisseurs, Teile davon – wie dieser Ausschnitt mit Karl Eisbein – wurden für die Ausstellung verwendet, zusammen mit weiterem Bildmaterial und Originalschaustücken. Außerdem hat Arndt in einem Buch seine Recherchen und Interviews mit Gärtnern der Potsdamer Parks aufgezeichnet.

Seit Freitag nun ist die Ausstellung wieder zu sehen. Sie wurde um einen höchst interessanten Teil in einem eigens gestalteten Raum erweitert. Bislang hatte Arndt die Geschichte der Potsdamer Kulturlandschaft sozusagen vom Ende her erzählt, vom Bau der Mauer 1961 bis zum Neuanfang nach der Wende. Im Zuge der Ausstellung im vergangenen Jahr lernte er Zeitzeugen kennen, die als Kinder nach 1945 im Schloss Sacrow aufwuchsen. Mit ihnen zusammen sichtete er einen „Schatz an Fotos“, wie er sagt, drehte wieder einen Dokumentarfilm und drang tiefer in die vielschichtige Geschichte dieses Ortes ein. Die Ausstellung ist dadurch um das Kapitel des Neubeginns nach dem Krieg reicher. Auch wenn Arndt diesen Abschnitt „Die Vertreibung aus dem Paradies“ betitelt hat – einer von vielen biblischen Anklängen, die seine Sicht auf die deutsche Geschichte durchziehen –, so ist das eigentlich Spannende doch in erster Linie nicht das Ende, sondern das Paradies selbst, das Schloss Sacrow unmittelbar nach 1945 darstellte.

Wenige Monate nach Ende des Krieges wurde es zum „Liselotte-Hermann- Heim“, einer Erholungsstätte für Überlebende der Konzentrationslager, für Widerstandskämpfer mitsamt ihren Angehörigen. Die Kinder der ehemaligen Heimleiterin Erna Herrmann erzählen in Arndts Film von der ländlichen Idylle für sie als Kinder und dem prallen Leben für die Befreiten. Mit Billardtisch, Tischtennisplatte, es wurde gesungen und gefeiert. Nur manchmal schieben sich auch in die friedlichen Szenen die Splitter der Nazizeit. Eine zertrümmerte Schallplatte, und die Idylle ist zerstört. Es war Liszts Prélude, die ein Heimbewohner nicht ertrug, erinnerte sie ihn doch an die Sondermeldung in der Wochenschau und Goebbels Vorliebe für das Stück.

Ab 1953 wurden dann Schriftsteller und Drehbuchautoren zur Erholung ins Schloss geschickt. Brigitte Reimann war hier im Herbst 1956 einige Wochen lang, wurde wegen einer vermeintlichen oder tatsächlichen Liebschaft aber früher nach Hause geschickt. Den Brief, den sie hiernach an die Heimleiterin schreibt, zeigt die Ausstellung. Jens Arndt versucht, den literarischen Nachhall im Werk Reimanns zu beleuchten. Denn kurz nach ihrem Aufenthalt schrieb Reimann das Romanfragment „Joe und das Mädchen auf der Lotusblume“, in dem Schriftstellerkollegen wie Herbert Nachbar, eben jener Liebschaft im Schloss, als Figur des Jerry vorkommen. Es hat einen großen Charme, dass in den Räumen der Ausstellung die verschiedenen Schichten der Tapeten, der Fußböden noch erkennbar sind. Nichts im Schloss ist übertüncht, nichts ist glatte Schönheit oder nur aufgehübschte Fassade. So geht auch Arndt in seiner Ausstellung vor, indem er mit feinem Gespür die Brüche aufzeigt, Schatten- und Lichtseiten gekonnt miteinander verbindet. Selbst die Sichten zwischen einzelnen Räumen scheinen wohlkomponierte Bilder. Man spürt das geschulte Auge des Dokumentarfilmers, der in „Gärtner führen keine Kriege“ ein Sujet gefunden hat, das auszuloten sich lohnt.

Arndt erzählt mit seinem Sinn für starke Bilder und starke O-Töne in den Interviews eindrücklich von der Geschichte des Hauses. Nur manchmal verfällt die Inszenierung des Leids, das der Mauerbau hervorgerufen hat, in eine gewisse Melodramatik, wie sie die Arbeit fürs Fernsehen wohl mit sich bringt.

In jedem Fall ist Arndts Art der Annäherung an Schloss Sacrow, das behutsame Heben miteinander verwobener Schichten eines Hauses und einer Landschaft, ungemein erkenntnisreich und stellenweise sehr poetisch. Man kann nur wünschen, dass aus „Gärtner führen keine Kriege“ eine Dauerausstellung wird und die Wiederaufnahme der Schau nicht im September schon wieder beendet ist. Das wäre auch über Potsdam hinaus ein echter Gewinn. Grit Weirauch

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