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  • 15.07.2017
  • von Grit Weirauch

ZUR PERSON: Die Freiheit in Grenzen

von Grit Weirauch

In der Reihe „Potsdamer Schreibtische“ stellen die PNN Autorinnen und Autoren aus Potsdam vor Heute: Die Übersetzerin Bettina Abarbanell, die sich weit genug von Jonathan Franzen entfernt, um ihm nahezukommen

Die Wörter sind schon vor ihr da. Wenn Bettina Abarbanell anfängt zu arbeiten, gibt es nicht diese Leere, bevor das Schreiben beginnt, diesen Moment, aus dem heraus sich etwas erschaffen lässt, der aber gleichzeitig auch Angst auslösen kann. Immerhin sind die Buchstaben schon da, die Seiten schon gefüllt mit Schrift. „Vor der weißen Seite zu sitzen, ist mir zu viel Freiheit“, sagt sie.

Freiheit ja, aber in Grenzen. Bettina Abarbanell gehört zu den derzeit renommiertesten Übersetzern aus dem amerikanischen Englisch. Bekannt geworden ist die gebürtige Hamburgerin, die in Babelsberg lebt, als Übersetzerin von Jonathan Franzen. Zuletzt hatte sie sein mehr als 800 Seiten umfassendes Werk „Unschuld“ zusammen mit Eike Schönfeld übersetzt, das Buch ist im vergangenen Jahr erschienen.

Einen neuen Franzen hat sie derzeit nicht auf ihrem Schreibtisch – und ist auch ganz froh darüber. Denn es ist nicht die Länge des Textes, die selbst eine routinierte Übersetzerin wie sie seufzen lässt, sondern die „aufgeladene Sprache“ Franzens, Wörter und Sätze, in denen so viel steckt, dass man schwerlich jede Nuance oder Bedeutungsebene ins Deutsche retten kann. Der amerikanische Starautor, den sie seit seinem Debüt, „Korrekturen“ (2002), begleitet, ist für Abarbanell wohl die größte Herausforderung, aber zugleich auch ihr Glücksfall.

Mit ihm begann die eigentliche Karriere von Bettina Abarbanell als Übersetzerin. Der Verleger Alexander Fest, ein Studienfreund der Anglistin und Amerikanistin, hatte Franzen entdeckt und sicherte sich, noch im eigenen Verlag und noch relativ günstig, die Rechte an der deutschen Ausgabe. Kurz darauf wurde Fest Verleger bei Rowohlt und holte seine Übersetzerin Abarbanell mit ins Boot. „Das stieß viele Türen auf“, sagt sie. Seit mehr als 20 Jahren arbeitet sie nun als literarische Übersetzerin, inzwischen ist sie die deutsche Stimme nicht nur Franzens, sondern auch anderer wichtiger Autoren des amerikanisch-englischsprachigen Verlagsprogramms bei Rowohlt.

„Es ist fast schon gespenstisch, aber ich setze mich jeden Tag gern an den Schreibtisch“, sagt Bettina Abarbanell. Literatur zu übersetzen, sei wie ein Traum, der wahrgeworden ist. Und es klingt nicht einmal schwärmerisch, wenn sie das sagt, sondern fast ein wenig erstaunt über das Glück, das ihr zuteilwurde. Für das sie aber auch hart und diszipliniert arbeitet. Drei bis vier Stunden am Stück, mehr sei nicht drin, weniger dürfe es aber auch nicht sein, sagt sie, denn sonst komme das Gehirn nicht in Gang. Die Vertiefung in die Texte und in die Sprache braucht es, um in die Feinheiten der Semantik, des Satzbaus vorzudringen. Bis hin in die Sphären der Wörter, um diese auch manchmal neu zu schaffen. Bettina Abarbanell braucht für diese Art von Kreativität vor allem Zeit: „Wenn man nicht lange daran sitzt, kommt auch nicht die zündende Idee.“

Doch wie jede stark fordernde geistige Arbeit braucht auch jede gute Übersetzung immer mal wieder einen radikalen Schnitt. Lange Pausen, in denen das Gehirn abschalten kann, um sich zu regenerieren. Dann radelt Bettina Abarbanell durch Potsdam, schwimmt oder gibt Deutschkurse für Flüchtlinge am Brauhausberg. Oft geht sie zum Ausgleich auch nur ins Zimmer nebenan, wo der Flügel steht und spielt Chopins Nocturnes, Schubert oder Beethoven-Sonaten. Die sind zwar in ihrer Komplexität in gewisser Weise den Texten, an denen Bettina Abarbanell arbeitet, nicht unähnlich, aber sie könne dabei gut abschalten. „Nur zuhören darf da niemand“, sagt sie und lacht laut. Überhaupt begleitet das Wissen um die Musik, das Gefühl für Rhythmus und Klangfarben, auch sie beim Übersetzen anspruchsvoller Literatur.

Die Regalreihen in Bettina Abarbanells Arbeitszimmer haben sich mit den Jahren gefüllt, es sind die deutschen Titel amerikanischer Autoren, als Übersetzerin auch ihre Werke. „Der große Gatsby“, in der Reihe der neuen Gesamtausgabe von F. Scott Fitzgerald, ist darunter, Rachel Kushners „Telex aus Kuba“, mehrere Werke von Denis Johnson. In diesem Frühjahr erschien von dem kürzlich im Alter von 67 Jahren gestorbenen Schriftsteller „Die lachenden Ungeheuer“ in Abarbanells Übersetzung. Sie hatte ihn im Jahr zuvor noch kennengelernt. Nun stehen in nächster Zeit die posthum veröffentlichten Erzählungen an. Über die Nähe zu den Texten baut sich natürlicherweise auch eine Nähe zu den Autoren auf. Und umgedreht. „Ich habe selten Texte gehabt, durch die ich mich mühen musste.“

Mit den Jahren der Erfahrung schafft diese Nähe eine große Freiheit. Bei Franzen etwa, sagte Bettina Abarbanell einmal, neige sie dazu, alle Wörter „in die Luft zu schmeißen“ – und neu wieder zusammenzusetzen. Der deutsche Text ist in seiner Struktur dann weit entfernt vom Original, aber paradoxerweise ihm auch wieder sehr nah. Wirkungsäquivalenz nennen das Übersetzer, einer der hehrsten Ansprüche beim Literaturtransfer: Gemeint ist das Ziel, für den deutschen Leser den gleichen Effekt der Zeilen zu bewirken wie das Original bei englischen Muttersprachlern.

Um selbst nah an der amerikanischen Sprache zu bleiben, ist Bettina Abarbanell immer wieder in den USA. In den beiden vergangenen Jahren war sie Stipendiatin im Ledig-Rowohlt-Haus, einem traumhaften Ort, wie sie sagt, in Upperstate New York. Das Ledig-Haus auf dem Gelände des OMI International Arts Centre ist ein Treffpunkt amerikanischer Künstler, eben auch Literaten und Übersetzer. Dort begegne sie sehr jungen Schriftstellern – Gelegenheit, auch in die junge Sprache Amerikas einzutauchen. Catherine Lacey etwa hat sie im Ledig-Haus kennengelernt. Ihr deutsches Debüt „Niemand verschwindet einfach so“, erscheint Mitte August im Aufbau-Verlag.

So traumhaft die Arbeit und das Umfeld sein mögen, anerkannt wird der Wert literarischen Übersetzens nach wie vor wenig. Zwar hat der Verband der Literaturübersetzer VDÜ, dem auch Bettina Abarbanell angehört, in einem langen Kampf um faire Bezahlung erwirkt, dass die Übersetzer ab dem 5000. verkauften Exemplar eines Titels an dem Erlös beteiligt sind. Auch gehört es inzwischen zum guten Ton der Verlage, den Übersetzer oder die Übersetzerin prominent im Buch zu erwähnen. Schließlich sind auch sie Urheber des Werks. Aber eine wirkliche Auseinandersetzung in der Öffentlichkeit über die Qualität einer Übersetzung finde kaum statt, sagt Bettina Abarbanell. Oft werde die Leistung in der Literaturkritik gar nicht wahrgenommen, und wenn dann lediglich mit dem Wort „kongenial“ abgehandelt.

Bettina Abarbanell ist sie für die nächsten zwei Jahre mit Aufträgen eingedeckt. So wird die Autobiografie von Lisa Brennan-Jobs, Tochter von Steve Jobs, demnächst auf ihrem Schreibtisch landen. Ähnlich wie bei Jonathan Franzens Romanen soll auch der deutsche Titel fast zeitgleich mit dem amerikanischen Original erscheinen. Es werden wieder lange Tage für die Übersetzerin werden.

Bettina Abarbanell wurde 1961 in Hamburg geboren, hat Anglistik, Amerikanistik und Romanistik in Tübingen und den USA studiert und in Frankfurt am Main gearbeitet. Nach Potsdam kam sie 1997 mit ihrer Familie.

Als freie Übersetzerin arbeitet sie seit 1996, meist für den Rowohlt-Verlag. Sie hat Jonathan Franzen, Scott F. Fitzgerald, Denis Johnson, Rachel Kushner und Elizabeth Taylor ins Deutsche übertragen.

2014 wurde sie mit dem Heinrich Maria Ledig-Rowohlt-Übersetzerpreis ausgezeichnet.

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