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  • 19.06.2017
  • von Babette Kaiserkern

Parade der Peinlichkeiten

von Babette Kaiserkern

Parodie von Klischees. Die Inszenierung war in einer volkstümlichen spanischen Bar der 1950er Jahre angesiedelt. Der Barmann gab Wein aus und warf bisweilen mit Oliven. Foto: Promo

„Los Elementos“ von Antonio de Líteres war auf den Musikfestspiele Potsdam in der Orangerie von Sanssouci zu erleben. Die Minioper bleibt im billigen Fahrwasser der Persiflage stecken

Auf dem Marktplatz der Kultur ist alles möglich. Der Besuch einer Oper gleicht manchmal einem Vabanque-Spiel. Natürlich gibt es noch Regisseure und Regisseurinnen, die sich ernsthaft auf ein Werk einlassen und ihm dabei einen modernen Rahmen geben, ohne den Inhalt zu entstellen. Auf die Aufführung von Antonio de Líteres Oper „Los Elementos“ in der Orangerie von Sanssouci traf das kaum zu.

Gegenwärtig erlebt das kleine Stück, eigentlich eine barocke Serenata, weltweit Aufführungen, auch in Berlin und Kassel gab es bereits Inszenierungen. Bei den Musikfestspielen Potsdam gab es am Freitag eine schon etwas ältere Produktion von „Le tendre amour“ in der Regie von Adrián Schvartzstein zu sehen, die einer Flamenco-Show im Robinson-Club gut gestanden hätte, wenn nicht einem Etablissement anderer Art. Eine der Sängerinnen musste sich gar während ihrer Darbietung auf die Schöße von überrumpelten Zuhörern setzen.

Was laut Programmheft als Parodie von Klischees einer volkstümlichen spanischen Bar in den fünfziger Jahren gemeint war, entpuppte sich als Parade ach-wie-lustiger Peinlichkeiten. Maestro Schvartzstein gab als Barmann den Oberclown, der die Zuschauer zu Beginn mit Oliven bewarf oder auch mal einen Pappbecher mit Wein ausgab. Dass die vier Sängerinnen nebeneinander aufgereiht ihre im Takt der Musik wippenden Hintern dem Publikum zuwenden, geschieht natürlich auch unter dem vorsorglich ausgerufenen Etikett der Persiflage. Welcher von ihnen der Vorrang gebührt, bildet den dramaturgischen Ausgangspunkt. Zunächst versuchen die à la Flamenco gekleideten Sopranistinnen, einander mit ihren Sangeskünsten zu übertreffen. Die unschwer als Wasser zu erkennende Dame in Blau, die auch als Göttin der Morgenröte auftritt, singt elegisch über die Schatten der Nacht. Vollends entfaltet María Hinojos ihre glutvolle Stimme in der an Claudio Monteverdi erinnernden Arie „Ich bitte um Ruhe“. Dem schleudert das Feuer, Marina Pardo, eher trockene Koloraturen entgegen.

Mit verschiedenen Lockmitteln versucht die Dame in Weiß, Luanda Siqueiro mit silbrigem Sopran, das Publikum in ihren Dunstkreis zu ziehen. Schließlich gibt die in Barbie-Pink gekleidete Mutter Erde, Marta Valero, mit wohlgerundetem, schmiegsamem vokalem Glänzen ihren Einstand. Um den Wettstreit zu beenden, stimmt die Zeit, Hugo Oliveira, eine eindringliche Baritonarie an. Dass er ursprünglich die Personifikation von Gott Kronos beziehungsweise den mürrischen Saturn darstellte, erschließt sich nicht.

Nach der Pause vereinen sich die vier Konkurrentinnen zur Preisung der Natur, des Lichtes, der Liebe und nicht zuletzt der Musik. Das Bühnenspiel über die sinnlichen Köstlichkeiten des irdischen Daseins wandelt sich in eine Allegorie über die Musik, die nur gemeinsam mit all ihren Elementen wie Harmonie, Melodie, Rhythmus vollendet sein kann. Nicht erst hier hätte die Regie ansetzen können, sie bleibt aber im billigen Fahrwasser stecken. Dabei birgt die bewusst im italienischen Stil komponierte Minioper viele vokale Höhenflüge und instrumentale Feinheiten im historisch informierten Ensemble. Doch die sensible, erfindungsreiche Musik und die erbauliche Poesie werden von der oberflächlichen Inszenierung über weite Strecken verdeckt.

Auch im Programm finden sich leider keine Hinweise auf die mythologischen und ideellen Ebenen, was ein tieferes Verständnis des Kunstwerks ermöglicht hätte. Obwohl noch an alte Formen angelehnt, kündigt es schon die Lebenslust des beginnenden Rokokos an – und das im als konservativ geltenden Spanien und mit aller Macht der damaligen Musik. Zwischen den Arien tanzen mit feuriger Verve und formidabler Grazie Carolina Pozuelo Montero und Miguel Lara Folias Fandangos und Jácaras und vermitteln so jenseits aller Ironie eine Idee von der Virtuosität und Leidenschaft des spanischen Tanzes.

Es ist mehr als schade, dass diese Produktion von „Los Elementos“ bei den diesjährigen Musikfestspielen Sanssouci präsentiert wurde. Die Liebhaber und Kenner guter Musik und geistreicher Unterhaltung hätten ganz sicher etwas Besseres verdient. Babette Kaiserkern

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