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  • 02.06.2017
  • von Richard Rabensaat

Von Vögeln und Arbeitern

von Richard Rabensaat

Foto: Manfred Thomas

Wuchtig und farbmächtig: Hans-Hendrik Grimmling zeigt seine Malerei in der Galerie Sperl

Ihm fehle der Kontakt zur Arbeiterklasse, warfen seine Lehrer dem Studenten Hans-Hendrik Grimmling vor. Grimmling studierte damals, nach einem ersten Versuch an der Hochschule für Bildende Künste in Dresden, an der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig. Er war ein widerspenstiger Student, der keine Lust hatte, sich mit dem Regime zu arrangieren. Er ging seinen eigenen Weg, abseits der gut ausstaffierten Parteipfade, malte widerspenstige Bilder, am Expressionisten Max Beckmann orientiert. Spuren davon finden sich auch noch in den Bildern, die der Maler aktuell in der Galerie Sperl ausstellt.

Sein Diplom könne der 1947 in Zwenkau bei Leipzig Geborene mit seinen bourgeoisen Bildern allerdings nicht bekommen, bedeuteten ihm seine Lehrer Werner Tübke und Wolfgang Mattheuer. „Die kamen prima mit dem Regime klar und hatten sich ihre Häuser und Professuren von der SED finanzieren lassen“, sagt Grimmling. Weil er dann doch gerne einen anerkannten Studienabschluss haben wollte, fügte sich er sich und arbeitete Seite an Seite mit der so benannten Arbeiterklasse „in der Grube“.

Auch sein Abschlussbild, das großen Anklang fand, zeigte schließlich, wie gefordert, „zwei Arbeiter“. Es folgten vielen Bilder zur Berliner Mauer. Nachdem Grimmling auch seinen Meisterschüler gemacht und einige Zeit als frei schaffender Maler gearbeitet hatte, schloss er sich mit anderen Künstlern zu dem Kunstkreis „Tangente“ zusammen und veranstaltete mit diesem 1984 den „1. Leipziger Herbstsalon“ in Leipzig. Der fand großen Anklang beim Publikum, allerdings nicht bei der Parteileitung. Als Grimmling viele Jahre später seine Stasi-Akte einsah, stellte er mit Erschrecken fest, dass für ihn von offizieller Seite eigentlich lebenslängliche Haft vorgesehen war. Stattdessen stellte er einen Ausreiseantrag und fand sich 1986 im Westen wieder.

„Die Passage durch den Tränenpalast war die längste Reise meines Lebens“, sagt Grimmling heute. In China, Chile und anderen weit entfernten Städten hat der Künstler ausgestellt, aber keine der Reisen erschien ihn so fern wie der Schritt vom einen politischen System in das andere. Im Westen hatte er zunächst den Eindruck, dass ein „durchdachtes soziales Netz wie in der DDR“ nicht existiere. „Der Anfang war schwer“, erinnert sich der heute erfolgreiche Maler. Eines seiner beiden Kinder war bereits geboren, die Familie wollte ernährt werden.

Aber Grimmling hatte schon in der DDR die Anfänge des markanten Stils geschaffen, den er über mehrere Jahrzehnte hinweg weiter entwickelte. Große, massige, an Max Beckmann erinnernde Figuren verknüpft der Maler mit einem collagehaften, fragmentarischen Bildaufbau. Körperteile behaupten ihre massige Präsenz im Bild, ganze Körper jedoch sind selten zu sehen. Immer noch empfindet Grimmling seine Bilder als eine Reise, eine Suche nach Formen, nach Formulierungen für Antworten auf immer neue Fragen. „Das Malen ist, wie in ein Bergwerk einzufahren. Ich entdecke immer wieder neue Ressourcen.“

Seine gegenwärtige Ausstellung trägt den Titel „Im siebten Raum“. Immer größer seien seine Ateliers geworden, so Grimmling. Das gegenwärtige, das siebte, sei nun bisher sein größtes. Er wisse durchaus um den Luxus, mit 70 Jahren über ein großes, helles Atelier zu verfügen, gesund zu sein und jeden Tag malen zu können. Mehrere erfolgreiche Galerien vertreten den Künstler, der auch in zahlreichen internationalen Gruppenausstellungen präsent ist.

Zwei seiner Studenten helfen dem Professor im Atelier, seine Bilder für die Ausstellung in der Galerie Sperl zu verpacken. Grimmling unterrichtet noch bis zu diesem Sommer an der Berliner Technischen Kunsthochschule (BTK), deren Schwerpunkt im Design liegt. Der Künstler gehört zu den Gründungsmitgliedern der 2006 gegründeten Hochschule, die aus einer 2001 entstandenen Fachhochschule hervorging. „Ich bringe das Analoge in den Unterricht“, vermutet der Maler. Während Grafiker, Gamedesigner und Werbefilmer meist digital arbeiten würden, wäre er derjenige, der das Zeichnen von Hand und die Übertragung der Realität mit der manuellen Geste auf Material vermittele. Auch das sei wichtig, denn es verschaffe ein anderes Gefühl für die Wirklichkeit, die sich eben nicht nur im Virtuellen abspiele. Allerdings merke auch er an der Hochschule, dass die Internationalisierung gerade im Werbebereich ungebremst ist. „Die Studenten sprechen fast nur noch englisch“, sagt der Künstler.

Trotz der glatten Werbewelten, in denen sich seine Studenten zumeist bewegen, ist der Student Fridtjof Kirste sichtlich beeindruckt vom Werk seines Lehrers. Bilder wie „Umerziehung der Vögel“, ein recht großes Triptychon aus dem Jahre 1978, das auch den Titel für seine Autobiografie lieferte, oder die Serie „Deutscher Alltag“ von 2006 sind von einer monumentalen Wucht, der sich der Betrachter schwer entziehen kann. Neuere Bilder, meist mit breitem Pinsel, viel schwarzer Kontur und minimalen figuralen Anklängen gemalt, zeugen davon, dass die Suche nach der Wahrheit im Bild für den Künstler noch lange nicht abgeschlossen ist. Es gehe nicht darum, die Avantgarde immer wieder neu zu erfinden, sagt er. Sondern darum, mit den malerischen Mitteln, die durch Jahrhunderte formuliert und immer neu etabliert worden seien, Antworten auf neue und gegenwärtige Fragen zu finden.

Die Ausstellung „Im siebten Raum“ ist bis 16. Juli in der Galerie Sperl im Erdgeschoss der Fachhochschule, Am Alten Markt, zu sehen.

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