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  • 19.05.2017
  • von Lena Schneider

Hans Otto Theater Potsdam: Wellemeyers Schlussgerade

von Lena Schneider

Blick ins Kommende. Tobias Wellemeyer und sein Team stellten die Spielzeit 2017/2018 vor – die letzte für Wellemeyer in Potsdam. Trotzdem will er nicht zu früh mit dem Abschiednehmen loslegen: Denn das raubt nur unnötig Kraft, sagt er. Bevor er geht, kommen erst einmal 20 Neuproduktionen. Foto: Sebastian Gabsch

Das Hans Otto Theater stellt den Spielplan für die kommende Saison vor - die letzte für Intendant Tobias Wellemeyer und sein Team in Potsdam. Geplant sind 20 Neuinszenierungen.

Potsdam - Kein Pathos, kein Gewese, nicht mal besondere Emphase stand am Anfang der Pressekonferenz zur kommenden Spielzeit des Hans Otto Theaters. Dafür eine Frage des Intendanten in die Journalistenrunde: Ob irgendwer etwas dagegen habe, dass die Terrassentür offenbleibt? Niemand natürlich. Den Frühsommer, der sich mit aller Kraft durch die großen Fenster des Glasfoyers ins Innere schob, wollte niemand aussperren.

Der sich ankündigende Sommer ist Tobias Wellemeyers letzter am Tiefen See. In der Pressekonferenz stellten er, Chefdramaturgin Ute Scharfenberg und Pressereferentin Stefanie Eue die Spielzeit vor, mit der sich das Team von Potsdam verabschieden wird. Im Sommer 2018 übernimmt Bettina Jahnke hier das Ruder.

Noch schnell etwas Selbstlob für das vergangene Jahr

Neun Jahre wird Tobias Wellemeyer dann in Potsdam gewesen sein. Etwas Pathos wäre da durchaus verzeihlich gewesen, das aber wollte man offenbar ganz bewusst vermeiden. Wenn man einen Abschied zu früh beginnt, dann zehrt das nur an den Kräften, wird der Intendant später sagen. „Und das wollen wir nicht, überhaupt nicht.“

Stattdessen also: Bewusster Fokus auf die produktive Wegstrecke, die bleibt. Und anfangs, das ist so üblich, noch schnell etwas Selbstlob für die im vergangenen Jahr eingefahrenen Erfolge: die, wie Wellemeyer sagt, „sehr umfangreiche Vernetzung in die Stadt hinein“, die gelungenen Kooperationen mit anderen Institutionen wie T-Werk, Filmmuseum, Waschhaus. Die Preise für „Gehen und Bleiben“ und Ensemblemitglied Bernd Geiling. Das zu nennen ist Standard, erhält aber angesichts der Nichtverlängerung von Tobias Wellemeyer von Seiten der Stadt auch einen„Seht-ihr-wir-können’s-doch“-Beigeschmack.

Ein Von-Jedem-etwas-Programm und zwei Hingucker

Mit der neuen Spielzeit bleibt Wellemeyer sich, seinen Schwerpunkten treu: Klassikeraufarbeitungen. Romanbearbeitungen. Gesellschaftskritische Komödien. Zeitgenössische Texte im well-made-play-Muster. Kurzum: ein gediegenes Von-jedem-etwas-Programm für ein bürgerliches bis bildungsbürgerliches Publikum, das man fordern, aber nicht überfordern möchte. Weniger konzentrierte Flüchtlings- und Fremdheitsthematik als im letzten Jahr. Wie schon im letzten Jahr: keine Musicals. Anders als im letzten Jahr: mehr Brandenburg. Den Spielzeitauftakt gibt Stefan Otteni am 15. September mit einer deutschen Erstaufführung: „Das Wasser am Meer“ von Christoph Nussbaumeder. Ein Text um Heimat und „Heimatvertriebene“, die Sehnsucht nach Zugehörigkeit.

Mit den beiden Romanadaptionen – jener Schiene, die seit 2009 für die größten Erfolge am Haus sorgte – sind Wellemeyers Team zwei wirkliche inhaltliche Hingucker gelungen. Zum einen wird Niklas Ritter im Dezember die Uraufführung des Potsdam-Romans „Skizze eines Sommers“ von André Kubiczek auf die Bühne bringen, die Geschichte um eine Gruppe Jugendlicher, die im Potsdam der 1980er Jahre die große Liebe und das „richtige Leben im falschen“ suchen, wie Ute Scharfenberg es formulierte. So kommen in Wellemeyers letztem Potsdamer Jahr endlich auch Schlaatz, Café Heider und Freundschaftsinsel auf der Bühne vor. Mit einer Adaption von Juli Zehs Erfolgsroman „Unterleuten“ wird zudem das gegenwärtige, zwischen Kommerz und Nostalgie pendelnde Land Brandenburg eine wichtige Rolle spielen. Regie führt Tobias Wellemeyer selbst.

Mittelstandskomödien und Musik von Rio Reiser

Mit Daniel Kehlmann und dem US-amerikanischen Pulitzer-Preisträger David Lindsay-Abaire sind zwei weitere zeitgenössische Autoren vertreten: Kehlmann mit einem Thriller zum Thema innere Sicherheit („Heilig Abend“), Lindsay-Abaire mit der Mittelstandskomödie (Prädikat: gesellschaftskritisch) „Good People“. In letztere Kategorie fällt auch eine sicher als Publikumsmagnet konzipierte Filmadaption: „Ziemlich beste Freunde“ nach dem Kinokassenschlager von 2011 (Theaterregie Andreas Rehschuh). Auch der Musikabend „Rio Reiser. König von Deutschland“ verspricht Unterhaltung, hoffentlich auch borstige.

Klassikerpflege, hoffentlich borstige, hingegen wird mit fünf Stücken betrieben: Heinrich von Kleists „Prinz Friedrich von Homburg“ (Regie Alexander Charim), „Verbrechen und Strafe“ nach Dostojewski (in der Regie des in Potsdam bestens bekannten Alexander Nerlich), Felix Mendelssohn Bartholdys „Elias“ als Winteroper (Regie Potsdam-Neuling Andreas Bode, musikalische Leitung Titus Engel), open air „Effi Briest“ (Regie Christian von Treskow). Und schließlich, wohl als Wellemeyers Abschiedsgeschenk zu verstehen: Shakespeares „Der Sturm“ in der Regie des Intendanten. „Eine Liebeserklärung an die Kraft des Theaters“, so nennt es Wellemeyer.

Eine Liebeserklärung ans Potsdamer Ensemble

Eine Liebeserklärung an das Potsdamer Ensemble war seine am Rande gegebene Antwort auf die Frage, mit welchen Gefühlen er in diese, seine letzte Spielzeit in Potsdam gehe. „Mit diesem Ensemble will man eigentlich ein ganzes Leben verbringen. Das macht den Abschiedsschmerz schon stark.“ Drei aus diesem Ensemble werden in der kommenden Spielzeit nicht mehr dabei sein: Wolfgang Vogler, Melanie Straub und Larissa Aimée Breidbach. Es bleiben gut 12 Monate, 20 Neuinszenierungen – und drei Neuzugänge im Ensemble: Katrin Hauptmann, Marie Fischer und Arne Lenk.

Mehr Infos zum Programm: http://www.hansottotheater.de/

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