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  • 06.05.2017
  • von Richard Rabensaat

Guter Spargel bleibt besser als schlechte Madonnen Die Galerie Kunstkontor feiert zehntes Jubiläum

von Richard Rabensaat

Jagdrevier. Die Windhunde vor dem Kunstkontor sind Teil der aktuellen Ausstellung „Sternstunden“ und stammen von dem Bildhauer Carl Constantin Weber. Foto: Carl Constantin Weber

„Sternstunden“ feiert die Galeristin Friederike Sehmsdorf momentan in ihrer Galerie Kunstkontor am Jungfernsee. „Ich habe am See gesessen und überlegt, ob der Titel nicht etwas vermessen ist. Aber ich habe viele schöne Momente mit der Galerie erlebt und daher passt es“, sagt die feingliedrige und fein lächelnde Kunstwissenschaftlerin.

Zehn Jahre existiert die Galerie inzwischen, und es waren erfolgreiche Jahre. Zur heutigen Jubiläumsfeier wird sogar Kulturministerin Martina Münch (SPD) ein Grußwort sprechen. „Angefangen haben wir mit einer Ausstellung, bei der fast alles verkauft wurde. Da war ich ziemlich euphorisch, aber es war klar, dass es nicht immer so sein würde.“ Dennoch geht die Kunstliebhaberin und dreifache Mutter mit ihrem Kontor unbeirrt ihren Weg. Mit einer klaren Linie präsentiert sie die Kunst, die für sie relevant und „zeitlos“ ist, wie das Kunstkontor auf seiner Website schreibt. Die Kunst muss dafür nicht glatt und hübsch, sondern gehaltvoll und mit Hingabe des Künstlers geschaffen sein, sagt die Galeristin.

Das zeigt auch die aktuelle Ausstellung. Nicht das Thema, sondern die Intensität der Darstellung bestimmt die Auswahl. Auf dunklem Grund liegt ein riesiger Pilz. Der Leipziger Maler Johannes Heisig hat das Gewächs mit pastosem Pinselstrich gemalt. So beiläufig das Motiv ist, so überzeugend ist die Malerei. Das Bild im Mittelformat bestätigt ein weiteres Mal den Spruch über eine Motivserie des Maler Eduard Manet: ein gut gemalter Spargel sei immer noch besser als eine schlecht gemalte Madonna. Der Pilz jedenfalls ist hinreißend.

Sehmsdorf hat sich den ständig wechselnden Kunstmoden entzogen und mit der Kennerschaft der langjährigen Ausstellungsmacherin und Wissenschaftlerin ein sehr spezielles, hochklassiges Portfolio für ihre Galerie gebaut. Es ist eine Kunst, die aus dem Leben geschaffen wird und dem Leben in der Zweidimensionalität eine poetische Form gibt, dabei aber alle Verklärung von sich weist. „Was glänzt, ist für den Augenblick geboren, das Echte bleibt der Nachwelt unverloren“, wusste schon Goethe. Heisig malt mit matten Farben. Der Schädel eines toten Tieres lagert auf einem anderen Bild. Das reichlich zerrupfte Porträt des Malers schimmert dunkel im Hintergrund. Ein Vanitas-Stillleben. Die Ausstellung zeigt die Vielfältigkeit einer Kunst, die jede avantgardistische Effekthascherei weit von sich weist und an der Poesie des Lebens interessiert ist. Die Künstler der Galerie posieren nicht, sondern versuchen, das Schöne im Unspektakulären zu erkunden.

Aus einem Bild von Bettina Moras lächelt einem mit sehr großen Augen ein Baby entgegen. Das Kind sitzt in einer Waschschüssel, Hände umfassen seine Schultern. „Die Malerin kommt gerade nur wenig zur Malerei, das Kind ist noch sehr klein“, kommentiert Sehmsdorf. Der Kontakt zwischen der Galerie und der Künstlerin sei entstanden, als Moras nach einer Zeit, in der Stipendien sie in ferne Länder führten, nicht so recht gewusst habe, wie sie ihre aus dem Alltag und dem unmittelbaren Leben geschöpften Motive auf dem Kunstmarkt positionieren könnte. Fest etabliert im Kunstbetrieb ist hingegen Gudrun Brüne, die ein wie beiläufig gemaltes Stillleben zeigt: Vier Früchte liegen auf einem bunten Tuch. Frisch, unprätentiös und völlig zeitgemäß hat die 1941 geborene Malerin die Gegenstände auf die Fläche gebannt.

Die zweidimensionalen Werke werden von Skulpturen ergänzt: bronzene Windhunde jagen auf einer Reihe von Podesten über den Rasen vor der Galerie, wie bereits zuvor über eine Brüstung beim Justizzentrum Potsdam. Sie erinnern an die Bewegungsstudien von Eadweard Muybridge. Der Bildhauer Carl Constantin Weber hat sie gefertigt. Ein großer, aus Holz geschnitzter Tiger schleicht zähnefletschend durch die Galerie, auf Podesten lungern lächelnde, armgroße, bronzene Mädchen im Tutu, eine voluminöse Nackte von Wieland Förster lehnt hingegossen an der Wand.

Als Sehmsdorf die Werke des Bildhauers Förster mit denen des Malers Strawalde in einer Ausstellung präsentierte, war das eine Art Gipfeltreffen zweier Kunstgrößen der verblichenen DDR. Ohne die Vermittlung der Galeristin wären sie vermutlich nie aufeinander getroffen. „Da ist ein anderer Blick auf die Historie entstanden. An sich stehen sich die beiden Künstler doch recht nahe. Bei beiden haben sie die kraftvolle Formensprache, die Verehrung für die Frauen und es finden sich die Spuren der Arbeit mit Fingern und Händen in den Kunstwerken“, stellt Sehmsdorf fest. Auf Messen stellt sie derzeit nicht aus, denn bei den Vernissagen des Kunstkontors zeige sich, dass der spezielle Blickwinkel der Galerie sich am besten im unmittelbaren Kontakt, im vertrauten Rahmen und im persönlichen Kontakt vermitteln lasse.

Die Galerie befindet sich auf einem Anwesen, das auf jedem Quadratzentimeter Kunst atmet, beseelt vom Geist einer Galeristin, deren Aktivitäten sich längst nicht in der Galerie erschöpfen, sondern ebenso Ausstellungen und Aufführungen in Museen und Parks beinhalten. Während aus einem hinteren Zimmer die musikalischen Übungen der Tochter vorbeischweben, denkt Sehmsdorf über kommende Projekte nach: „Aber das verrate ich noch nicht. Ich möchte erst sicher sein, dass es auch gelingen wird.“

Richard Rabensaat

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