17.12.2017, 2°C
  • 20.04.2017
  • von Andrea Lütkewitz

Ausstellung im Kunstraum Potsdam: Sehnsuchen

von Andrea Lütkewitz

Doppelgängerin. Künstler sind immer Heimatsuchende, sagt Alex Lebus – und ihre Kunst ein „Sehnsuchen“. Zusammen mit der Potsdamerin Susanne Ramolla stellt sie unter dem Titel „Paare & Passanten“ im Kunstraum aus. Foto: Manfred Thomas

Die Arbeiten von Alex Lebus und Susanne Ramolla im Kunstraum Potsdam begeben sich auf Heimatsuche – auf sehr unterschiedliche Weisen.

Brücken über Flüsse und Seen sind vor allem Übergänge, verbinden einen Ort mit dem anderen. Doch auf ihnen stehen bleibt der, der innehalten, genauer hinsehen will: was die Wasseroberfläche reflektiert, was darunter liegt. Ein Sog kann das sein, der jeweiligen Resonanz nachzuspüren, sich vielleicht gar fallenzulassen.

Der Blick über die Balustrade im Obergeschoss des Kunstraum Potsdam ist ab heute, wenn die Ausstellung „Paare und Passanten“ eröffnet, auch solch ein Platz. Die in Berlin lebende bildende Künstlerin Alex Lebus hat den lichtdurchflutetsten Raum im Gebäude mit Blick zur Straße mit 20 unterschiedlich großen Spiegeln ausgelegt. Deren viele Reflektionen kommen mal einem Wellengang, mal Eisschollen auf dem Meer, dann wieder einem Abgrund gleich. „Heimweh“ ist auf den Spiegeln zu lesen, ein Wort, das aus den von hinten ausgekratzten Flächen entsteht. „Sehnsuchen“ nennt sie das – der Künstler sei eben immer auf der Suche nach einem Zuhause, sagt Lebus. Vor Kurzem erst hatte sie wieder Hermann Hesses „Steppenwolf“ in den Händen. Danach kam ihr die Idee dazu.

Paare voller Licht und Schatten

Umgeben und nahezu umschwebt wird das beschichtete Glas auf dem Boden von mit Schellack oder Klavierlack gemalten Schemen, die die in Potsdam lebende und arbeitende Susanne Ramolla an den Wänden spazieren lässt. Sie nennt diese Paare „Lichtgestalten“, Sinnbilder des hellen Seins – der Liebe, der Harmonie, in unterschiedlichen Farben, die zusammenlaufen, sich vereinen, zu hellen Köpfen, glücklichen Paaren, wie sie sagt. Doch wo Licht ist, ist bekanntlich auch Schatten, und deshalb zeigen andere Paare „Schattengänge“: Dunkles, wo das Herz sein könnte, Schweres, wo die Beine tragen. Soll sich jeder dort treffen lassen, wo er will, sagt Ramolla, viele Augen tragen viele Schmerzen hinter der Stirn.

Ganz und gar den Kopf verliert der Betrachter hingegen im von Alex Lebus zum Spiegelsaal gewachsenen Teil des Untergeschosses. Hier hängen schmale und sehr zerbrechlich wirkende Spiegel, die an Garderoben in Hausfluren erinnern. Vielleicht hingen sie dort sogar einmal, die Künstlerin verwendet ausschließlich gebrauchte Spiegel, die sie im Internet oder über Bekannte kauft. Hier werden sie von Spanngurten gehalten, stürzend im 60-Grad-Winkel. Der Betrachter blickt auf Fragmente, nur eben auf eine viel direktere Reflexion des Selbst, nicht auf malerische Sinnbilder. Das eigene Abbild ausblendend, lässt dies aber auch Blicke auf Landkarten, ganze Erdteile oder Eisschollen zu, nur eben nicht auf ein vollständiges Ganzes. Vergeblich sucht man diese Vollständigkeit auch im größten Werk der Ausstellung, dem „Kleinen All“, wie Susanne Ramolla es nennt. Aus einem einzelnen Bild im A3-Format entstand durch viele, wie in einem Puzzle aneinandergesetzte Blätter ein meterlanges Bildwerk, das kein Ende zu finden scheint. Es besteht aus Elementen der Naturwissenschaften, aus Samenkapseln, Pflanzen, Zellen. Wie ein Lebewesen ist es gewachsen.

Die Werke der beide Künstlerinnen ergänzen sich

Spätestens hier lässt sich feststellen, in welch fließender Ausstellungskomposition sich der Besucher befindet: In ihrer Fragilität und Suche nach dem Körperlichen ergänzen sich die Arbeiten der beiden Frauen bis ins Detail. Sie lassen dabei viel Platz für die Erkenntnis, dass kein Wesen, keine Form als etwas Einzelnes betrachtet werden kann. Immer gibt es etwas, das gerade nicht im Sichtfeld ist – und das, was sichtbar ist, ist nur Teil eines Ganzen. Auch in der Technik scheinen sich die Künstlerinnen zu treffen. Beide machen Räume auf und reduzieren diese zugleich wieder: Alex Lebus nimmt der Reflexion Fläche, die Paare von Susanne Romalla drücken auf minimalistischste Weise ihre Schatten und Lichtseiten aus.

Unbefriedigt verlässt man diese Ausstellung trotz der vielen und sehr bewusst gesetzten Lücken am Ende nicht – gerade weil die Suche bleibt. Es bleibt der Eindruck, dass die Werke der beiden Künstlerinnen eine Heimat in ihrem Zusammenspiel gefunden haben.

Alex Lebus & Susanne Ramolla: „Paare & Passanten“ im Kunstraum Potsdam in der Schiffbauergasse 4d. Die Ausstellung läuft bis 21. Mai. Die Vernissage ist am 20. April um 19 Uhr.

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