18.10.2017, 18°C
  • 01.04.2017
  • von Sarah Kugler

PNN-Serie "Potsdamer Schreibtische": Die Tausendsassarin

von Sarah Kugler

Die Potsdamer Autorin Christine Anlauff auf ihrem Balkon. Der Prozess des Schreibens sei für sie harte Arbeit, sagt die Schriftstellerin. Einfach hinsetzen und loslegen geht nicht. Die beste Zeit zum Schreiben ist für sie vormittags zwischen 10 und 14 Uhr, wenn ihre Kinder in der Schule sind. Foto: Andreas Klaer

In der Serie „Potsdamer Schreibtische“ stellen die PNN Autorinnen und Autoren aus Potsdam vor. Heute: Christine Anlauff, die sich gerne immer wieder neu ausprobiert und trotzdem Katzen mag.

Bevor Christine Anlauff mit dem Schreiben beginnen kann, muss sie sich vorbereiten. Einfach hinsetzen und loslegen geht nicht – zumindest bei kälteren Temperaturen. Denn Anlauff schreibt auf ihrem Balkon. Da sind je nach Jahreszeit schon mal mehrere Decken nötig, eine dicke Jacke sowieso, manchmal auch eine Skihose. Nur wenn die Temperaturen unter minus zehn Grad fallen, zieht sie in die Küche um, wie die 45-Jährige erzählt. Ansonsten sitzt sie draußen. Die Beine hochgelegt, den Laptop auf dem Schoß, die Zigarette in der Hand. In ihrem Kiez in Potsdam West ist sie dafür bekannt. Die Nachbarn winken, einer hat sogar schon Fotos von ihr gemacht.

Keine richtige Ordnung - und doch hat alles seinen Platz

Einen richtigen Schreibtisch gibt es nicht in ihrer Altbauwohnung. Irgendwie würde das auch nicht zu der Kiezschriftstellerin passen, deren Wohnzimmer ein buntes Sammelsurium ihres Lebens zu sein scheint: Dort steht ein großer nostalgischer Reisekoffer, gegenüber hängt eine alte Landkarte mit allerlei Reisemarkierungen und zur Weihnachtszeit wird eine Sammlung kleiner „Herr der Ringe“- Figuren zur Krippe umfunktioniert. Nichts scheint hier geordnet und doch hat alles seinen Platz. Auch Anlauffs Notizhefte, die überall im Regal über und neben den vielen Büchern verteilt liegen. Darin sind Ideen festgehalten. Stichwörter, Eindrücke, manchmal schon ausformulierte Sätze. „Bei einigen weiß ich hinterher nicht mehr, was ich gemeint habe“, sagt sie lachend und schlägt eine der Seiten auf. „1,65 groß mit Kopf“ heißt es dort. „Ich glaube, das war für einen der Katzenkrimis“, überlegt sie. Ganz sicher ist sie aber nicht.

Auch an ihrem Kühlschrank hängen Notizzettel. Darauf stehen die Gedanken, die später ins Notizheft kommen und irgendwann vielleicht in ein Buch. Ideen bekommt sie von überall her. Vor allem draußen, beim Radfahren, beim Schwimmen im Heiligen See und in Gesprächen. „Zu mir kommen auch ständig Leute, die meinen, sie hätten eine total interessante Idee“, erzählt sie. Meistens sei nichts dabei, vor einigen Monaten dann aber doch. Ein befreundeter Therapeut erzählte von einem besonders außergewöhnlichen Fall, die Idee für einen Psychothriller war geboren. Die ersten Seiten entstanden relativ schnell. Im Moment muss sie die Arbeit an dem geplanten Buch jedoch kurzzeitig für andere Projekte zurückstellen. Etwa für eine Ohrenbär-Geschichte für den rbb, die am 15. Mai ausgestrahlt wird. Die schreibt sie nämlich auch. Nicht nur Kriminalgeschichten, wie zuletzt die beiden Potsdam-Krimis um den Ermittler Just Verloren: „Der Fall Garnisonkirche“ und „Gestorben wird immer“ oder die Fälle um den Kater Serrano. Gerade für Letztere ist sie bekannt, wurde dafür mit dem Katzenkrimipreis ausgezeichnet. Dabei standen die tierischen Ermittlungsfälle nie auf ihrem Plan: „Es ist ja bekannt, dass mein erster Katzenkrimi ursprünglich weder eine Katze als Hauptfigur hatte, noch ein Krimi werden sollte“, erzählt sie. Der Verlag sah das anders, Kater Serrano war geboren, es entstanden drei Bände. Inzwischen sei er ihr auch ans Herz gewachsen sei, wie sie sagt. Und die Fans verlangen nach mehr: Ein weiterer Teil ist in Planung, die ersten drei Bände erscheinen ab Juni noch einmal im E-book-Verlag dotbook.

Immer wieder Neues ausprobierren

Trotzdem müsse bei ihr immer wieder etwas Neues her. „Ich langweile mich sehr schnell, wenn ich immer die gleichen Dinge mache“, sagt die gebürtige Potsdamerin. Vielleicht deswegen der Ausflug in die Politik bei der Fraktion Die Andere. Aber auch sonst hat die Schriftstellerin schon viel abseits der Schreiberei ausprobiert. Zunächst hat sie eine Ausbildung zur Buchhändlerin absolviert, fand keinen wirklichen Job, studierte dann erst Unterwasserarchäologie, später Geschichte, Literatur und Romanistik. Als Stadtführerin hat sie gearbeitet, als Ankleiderin im Hans Otto Theater, sitzt dort inzwischen im Kuratorium und verkauft derzeit einige Tage in der Woche Bücher im Viktoriagarten, der Kiezbuchhandlung in Potsdam West. Ab Anfang Mai leitet sie außerdem eine Schreibwerkstatt in der Urania.

Geschrieben hat sie immer, an vielen Wettbewerben teilgenommen, sich in verschiedenen Genres ausprobiert. In der studentischen Literaturzeitschrift „schreib“ veröffentlicht sie bis etwa 2011 Gedichte und Kurzgeschichten, 2005 erscheint ihr erster Roman „Good Morning Lehnitz“. Er ist ein Erfolg. Trotzdem folgen danach „drei Jahre Saure-Gurken-Zeit“, wie sie sagt. „Der Druck war enorm hoch, ständig saß mir etwas im Hinterkopf, schreiben ging nicht.“ Aufhören aber auch nicht. Dafür liebt sie das Beobachten zu sehr – und die Menschen. Sie sind immer Mittelpunkt ihrer Texte, immer besondere Typen, lebensnah und individuell gezeichnet. Egal ob in den früheren Kurzgeschichten, den Romanen, ja selbst in den Gedichten. Nie wirkt etwas verschnörkelt oder dramatisiert. Anlauff schreibt, wie sie ist: direkt, neugierig, klar. Das zeichnet sie aus, dafür wird sie besonders in Potsdam geliebt. Wenn sie in ihrem Kiez liest, bleibt kein Sitz leer. Und sie ist immer hungrig nach Neuem.

Schreiben ist harte Arbeit

„Am liebsten würde ich alle Genres einmal abarbeiten“, sagt sie. Sie habe Lust mal einen richtig guten Liebesroman zu schreiben, vielleicht auch eine Fortsetzung des Lehnitz-Romans. Doch dafür müsse sich erst ein Verlag finden lassen. Und das sei nicht immer so einfach. Aus dem Fakt, dass der Verlag auch ihren Arbeitsrhythmus beeinflusst, macht sie kein Geheimnis. „Man bekommt Seiten- und Zeitvorgaben, da muss man sich irgendwie dran halten.“ 320 Seiten in einem halben Jahr musste sie für „Gestorben wird immer“ abliefern. Schaffbar, sagt sie. Aber es gebe eben auch Tage, an denen sie nur fünf Zeilen zu Papier beziehungsweise auf den Bildschirm bringe, kurz vor Abgabe können es dann auch mal 10 Seiten pro Tag sein. Die beste Zeit zum Schreiben sei vormittags, wenn die Kinder – Anlauff ist vierfache Mutter – in der Schule sind. Zwischen 10 und 14 Uhr. Im Sommer geht sie manchmal zum Schreiben in ihre Zweitwohnung in der Nachbarstraße. Wenn es sein muss, bleibt sie auch über Nacht. Der Prozess des Schreibens ist für sie harte Arbeit, wie sie sagt. Richtig Spaß mache es erst, wenn sie kürzen oder bearbeiten darf.

Beim Heraussschälen des endgültigen Textes helfen ihr Bekannte, Freunde. Die Familie weniger. Nur der älteste Sohn sei ein guter und ehrlicher Testleser. Kritik könne sie gut annehmen, anders ginge es nicht, man müsse die Leser schließlich ernst nehmen. Deswegen werden dann auch zusätzliche Stunden auf dem Balkon eingeschoben – die Decken liegen dafür immer griffbereit.

ZUR PERSON: Christine Anlauff wurde 1971 in Potsdam geboren. 2005 erschien ihr Debütroman „Good Morning Lehnitz“. Überregionale Aufmerksamkeit erhielt sie durch einen Essay im Journal Das Magazin, in dem sie beschreibt, wie ihr Antrag auf Wohngeld aufgrund eines zu geringen Einkommens abgelehnt wurde. 2010 erschien ihr erster Katzenkrimi, der mit dem Deutschen Katzenkrimipreis des Börsenblattes ausgezeichnet wurde. Daneben sind von ihr regelmäßig Kindergeschichten im Ohrenbär des rbb/NDR zu hören.

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Lesen Sie auch in der Serie "Potsdamer Schreibtische", wie der Schreibplatz der Autorin Helga Schütz aussieht und woraus sie ihre Ideen schöpft.

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