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  • 13.03.2017
  • von Lena Schneider

"Gehen und Bleiben" am Hans Otto Theater Potsdam: Die Sprachkanoniere

von Lena Schneider

Will zurückschießen. Damit Sprache nicht nur die, die am lautesten schreien, bestimmen, brauchen wir starkes Sprechtheater, sagt die Autorin Maxi Obexer. Mit „Gehen und Bleiben“ zeigt sie in Potsdam, wie das aussehen kann. Foto: Gezett

Maxi Obexer schrieb für das Hans Otto Theater ein Stück über Flüchtlinge.

Als die Autorin Maxi Obexer begann, sich für Flüchtlinge zu interessieren, war das noch kein Thema, das die Theater Land auf Land ab auf die Bühne holten. 2007 kam ihr Stück „Das Geisterschiff“ in Jena zur Uraufführung. Es erzählt die wahre Geschichte von einem Schiff, das 1996 vor der sizilianischen Küste sank, an Bord 283 illegale Flüchtlinge. Nur sieben überlebten. Italienische Fischer fischten danach Leichenteile aus dem Wasser, warfen diese aber zurück ins Meer.

Dass das nicht richtig war, ist aus heutiger Sicht schnell gesagt. Was die Sache aber komplizierter macht: Im Sinne der italienischen Gesetzgebung taten die Fischer genau das Richtige. Was wiegt nun schwerer, nationale Gesetzgebung oder Menschenrecht? Dieser Konflikt ließ die aus Südtirol stammende Autorin seitdem nicht mehr los. Welchen Gesetzen beugen wir uns – und haben wir vielleicht sogar die Pflicht, selbst zu entscheiden, welchem Gesetz wir uns beugen?

Es sind die alten Theater-Fragen, schon „Antigone“ stellt sie. Auch Maxi Obexer griff sie in ihrem späteren Stück „Illegale Helfer“ wieder auf. Im Juni letzten Jahres kam es hier zur deutschen Erstaufführung – begleitet von einer bundesweiten Vorberichterstattung, eine Seltenheit für Potsdamer Premieren. Zu verdanken war die Aufmerksamkeit zum einem dem Thema: Menschen, die keine Scheu vor der Illegalität haben, um Geflüchteten zu helfen. Eine rechtspopulistische Partei regte an, das Stück absetzen zu lassen. Das war vor allem entblößend für die, die das forderten – und der zweite Grund für die große Aufmerksamkeit.

Wie uneingeschränkt Tobias Wellemeyer als Potsdams Intendant im letzten Jahr „Illegale Helfer“ öffentlich verteidigte, fand Maxi Obexer „einfach nur großartig“: „Das ist nicht selbstverständlich.“ Dieser Rückhalt dürfte auch ein Grund dafür sein, dass sie jetzt ein Stück für das Hans Otto Theater geschrieben hat. „Gehen und Bleiben“ heißt der neue Text, er ist gemeinsam mit zwölf Menschen entstanden, die in Potsdam leben, aber nicht hier geboren sind. Geflüchtete sind dabei, aber auch die Französin Angélique Préau, die zusammen mit dem Syrer Jalal Mando im Herbst am T-Werk bereits ein Stück vorstellte. Auch Jalal Mando selbst wird in „Gehen und Bleiben“ zu Protokoll geben, was für ihn von dem Land, in dem er zwei Jahre im Gefängnis saß, blieb. „Die Narben“, wird er sagen. „Die Worte der Folterknechte.“

Nicht immer werden die Sätze, die in „Gehen und Bleiben“ fallen, auf der Bühne von denen gesprochen, die sie ursprünglich gesagt haben. Dies ist eine der Strategien, die Maxi Obexer und Regisseur Clemens Bechtel gefunden haben, um kein Betroffenheitstheater zu machen, die „Authentizitätsfalle“ zu vermeiden, wie Bechtel es nennt. Eine andere Strategie hängt eng mit der Arbeitsweise von Maxi Obexer zusammen. „Nicht die Geschichten der Beteiligten als solche sind relevant, sondern einzelne Momente daraus, Momente, durch die so etwas wie eine Spannung oder ein Konflikt entsteht.“ So kommen in „Gehen und Bleiben“ Dinge vor, die während der Proben nur nebenbei erzählt wurden, als Scherz zum Beispiel. Der Text zeigt deutlich den künstlerischen Zugriff der Autorin, eine durchdachte Dramaturgie. Dokumentartheater oder nicht? Unwichtig, findet Maxi Obexer: „In Deutschland wird ohnehin viel zu sehr an dieser strengen Unterscheidung zwischen Dokumentartheater und anderem Theater festgehalten. Hinter jedem Stück steht eine Recherche. Man kann als Autor nie nur aus sich selbst schöpfen.“ Seit 2014 macht sie sich im selbst gegründeten Institut für neues dramatisches Schreiben für die Suche nach neuen Formen im Sprechtheater stark.

Populisten wie die, die „Illegale Helfer“ in Potsdam untersagen wollten, sind für sie ein wichtiger Grund, für das Sprechtheater zu kämpfen, auch und gerade im Umgang mit Themen wie Migration und Flucht. Hier dürfe das Theater sich nicht auf Ausdruckstanz als Form beschränken. „Wir dürfen doch die Verführungskunst der Sprache nicht den Populisten überlassen. Nicht nur die sollen die Sprachkanone bedienen. Wir müssen mit einer künstlerischen Sprache, mit extremer Genauigkeit antworten.“

Während der Proben zu „Gehen und Bleiben“ sagte einer der aus Syrien Geflüchteten auch: „Ich will euch nichts sagen. Es gibt nichts zu sagen, nichts zu durchdringen.“ Diese Position kommt auch im Text vor. Die Aufgabe des Theaters, hatte Maxi Obexer gesagt, ist es doch, Konflikte so genau wie möglich zu zeigen – vor allem in ihrer Unlösbarkeit.

„Gehen und Bleiben“: Die Premiere am Freitag, dem 17. März, in der Reithalle ist ausverkauft. Für die Folge-Vorstellungen am 18. und 23. März gibt es noch Karten

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