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  • 17.02.2017
  • von Klaus Büstrin

"Nathan der Weise" am Hans Otto Theater: Nathans Töchter

von Klaus Büstrin

Der Klassiker "Nathan der Weise" ist ein Plädoyer für religiöse Toleranz. Foto: HL Böhme/Hans Otto Theater

Heute hat „Nathan der Weise“ am Hans Otto Theater Premiere. Anlass für einen Blick in die Aufführungsgeschichte in Potsdam nach 1945.

Potsdam - Landauf, landab setzen die Theater derzeit Gotthold Ephraim Lessings dramatisches Gedicht über den über allen Streit erhabenen Juden mit Namen Nathan auf den Spielplan. Auch das Hans Otto Theater reiht sich unter der Regie von Intendant Tobias Wellemeyer in den aktuellen Aufführungsreigen von „Nathan der Weise“ ein. Heute Abend ist Premiere. Das Schauspiel aus dem Jahr 1779, das den Humanismus und den Toleranzgedanken ins Zentrum rückt, wirkt vor den gegenwärtigen aktuellen politischen Entwicklungen, den Debatten zu Flüchtlingsproblemen, aktueller denn je.

Lessing siedelte sein Stück in der Zeit der Kreuzzüge vor rund 800 Jahren an. Als der reiche Kaufmann Nathan von einer langen Reise zurückkehrt, erfährt er, dass es in seinem Haus gebrannt hat. Seine Ziehtochter Recha konnte nur durch das Eingreifen eines christlichen Tempelherrn der Katastrophe entgehen. Dieser verdankt sein Leben wiederum dem muslimischen Herrscher Saladin. Den plagen Geldnöte. Angetrieben durch seine Schwester Sittah und das Wissen um Nathans Vermögen, will Saladin ihn um einen Kredit bitten. Um zunächst vom Geschäftlichen abzulenken, testet er Nathans Weisheit und fragt ihn, welche Religion die einzig wahre sei. Nathan antwortet mit der berühmten Ringparabel von der Gleichheit der drei Weltreligionen.

"Nathan der Weise" wieder 1954/55 am Hans Otto Theater gespielt

Am Hans Otto Theater kam das Stück, das in der Zeit der Schreckensherrschaft der Nationalsozialisten nicht gespielt wurde, erstmals in der Spielzeit 1954/55 zur Aufführung. Regisseur Kurt Rabe inszenierte es im Theaterprovisorium in der Zimmerstraße. Paul Lipinski war der erste Potsdamer Nathan nach 1945. Recha, die Pflegetochter des jüdischen Kaufmanns, wurde gespielt von Waltraut Kramm.

Die in Babelsberg lebende Schauspielerin, die in vielen Film- und Fernsehrollen zu erleben und in Hörspielen zu hören war, hatte ab 1952 sechs Jahre lang ein Engagement am Hans Otto Theater. „In ihm erlebte ich zumeist eine erfüllte Zeit“, sagt sie heute. Sie erinnert sich, dass die Nathan-Inszenierung vom Publikum sehr gemocht wurde. Das Theater wurde zu einem Gastspiel nach Hamburg eingeladen. „Vielleicht war die Darstellung meiner Recha vor 60 Jahren zu brav und zärtlich. Doch sie bettete sich ein in den hohen Ton der märchenhaft-moralisierenden Inszenierung. Die Regie-Ästhetik war eben eine andere als heute. Doch ich glaube, dass Lessings Vision von einer zunehmenden Menschlichkeit und wachsenden Toleranz unter den Menschen die Zuschauer erreichte.“

40 Jahre vergingen, bis "Nathan der Weise" wieder in Potsdam gespielt wurde

In den folgenden Jahren kam das Aufklärungsstück nicht mehr auf die Bühne in der Zimmerstraße. Konnte man mit dem Plädoyer für religiöse Toleranz zu wenig anfangen? Hat die ständige Zwangslektüre in der DDR-Schule einen Schatten auf das Interesse des Stückes gelegt? Jedenfalls vergingen 40 Jahre, ehe 1995 „Nathan der Weise“ in Potsdam wieder gespielt wurde. Etwas blass geriet dann die Interpretation (Regie: Dietmar Rahnefeld) in der „Blechbüchse“ auf dem Alten Markt, in der Roland Kuchenbuch als Nathan agierte. Die Recha war mit Susanne Kubelka besetzt. In der Eröffnungswoche des Neuen Theaters am Tiefen See im September 2006 kam eine weitere Neuinszenierung zur Aufführung. Diesmal führte Intendant Uwe-Eric Laufenberg Regie. Das besorgniserregende politische Klima und der Fundamentalismus in arabischen Ländern wurde temperamentvoll unter die Lupe genommen. Günther Junghans und Javeh Asefdjah waren Nathan und Recha.

Waltraut Kramm, die fast jede Inszenierung des Hans Otto Theaters kennt, ist gespannt auf den neuen „Nathan“. „Ich freue mich auf ihn, auch deswegen, weil ich das Ensemble sehr schätze.“ Juliane Götz, die Potsdamer Recha von 2017, ist immer wieder gern am Potsdamer Theater. Dass sie mit solch tollen Schauspielerkollegen wie Jon Kaare Koppe (Nathan) und Rita Feldmeier (Daja) auf der Bühne stehen darf, macht die junge Schauspielerin glücklich. Direkt nach dem Studium an der Babelsberger Hochschule für Film und Fernsehen blieb sie in Potsdam und war ab 2009 vier Jahre lang am Theater der Landeshauptstadt engagiert, danach als Gast. Sie spielte hier auch die Wunsch-Klassikerrolle für junge Schauspielerinnen, Shakespeares Julia. „Aber die Mischung macht’s“, sagt Juliane Götz. „Neben den Klassikern stehe ich gern in Gegenwartsstücken auf der Bühne, auch für Kinder zu spielen macht immer wieder Spaß.“ In der erfolgreichen Theaterfassung von Wolfgang Herrndorfs Roman „Tschick“ war sie bisher 70 Mal zu sehen. Juliane Götz: „Das könnte so weiter gehen, denn ,Tschick’ ist toll.“

Das gemeinsame Erarbeiten mit Regisseur und Kollegen bringt Gewinn

Die auf der Insel Usedom Aufgewachsene erinnert sich nicht gern an die Vermittlung von Klassiker-Stoffen in der Schule. „Das Interesse daran wurde mir genommen, denn der Absolutheitsanspruch der Lehrer in ihrer Stücke-Interpretation war ätzend. Erst später beim Szenenstudium an der Filmhochschule bekam ich Lust auf Klassik“, erzählt die Schauspielerin. Nun ist sie die Recha. Vom schönen Nachvollziehen einer Geschichte, einer Rolle, die nicht herausfordert, will sie nichts wissen. Das gemeinsame Erarbeiten mit Regisseur und Kollegen aber bringt Gewinn, aktuell bei „Nathan der Weise“.

Die Recha, wohlbehütet von ihrem Vater und von ihrer Gesellschafterin Daja, wächst in Jerusalem, der Stadt der drei Weltreligionen, auf. Hier stehen Intrigen und Machtkämpfe zwischen Saladin, dem muslimischen Sultan, und dem christlichen Patriarchen in Zeiten des Hasses, der Intoleranz, der Verfolgung und eines zerbrechlichen Waffenstillstandes auf der Tagesordnung. Diese Zustände gehören für Recha zum Alltag. Sie entdeckt ihre erste Liebe zu einem Tempelherrn und möchte das Wohlbehütetsein in Nathans Haus nicht missen.

Am Ende des Stücks entwirft Lessing im Sinne der Aufklärung einen Idealzustand der Gesellschaft, eine harmonische Welt. War Lessings Vision nicht umsonst, wenn in unserer Zeit terroristische Anschläge, Krieg, Flüchtlingsströme und Werteverfall an der Tagesordnung sind? „Klar, auch diese Frage hat uns während der Probenarbeit stark beschäftigt“, sagt Juliane Götz.

Premiere ist am heutigen Freitag, dem 17. Februar (ausverkauft). Weitere Vorstellungen am 25. und 26. Februar, jeweils um 19.30 Uhr im Neuen Theater (Schiffbauergasse 11)

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