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  • 13.02.2017
  • von Lena Schneider

Wenn eine Liebe stirbt

von Lena Schneider

Auch ohne Krach auseinander. Martin (Mathis Reinhardt) und Andreas (Mike Hoffmann) (v.l.) leben in einer thüringischen Kleinstadt. Ihre Liebe erlebt längst keine Höhen mehr und endet leise. Der Film ist für den „Teddy Award“ nominiert. Foto: Filmuniversität

Der Filmuni-Absolvent Chris Miera stellt in der Berlinale-Sektion Panorama seinen Debütfilm „Ein Weg“ vor

Eine Liebe kann auf viele Arten sterben. Sie kann zum Beispiel, und davon erzählt das Kino besonders gern, genickbrecherisch krachen gehen. Dann ist meistens eine neue Liebe im Spiel, oder das, was dafür gehalten wird. Betrug, Krankheit, Tod: Das sind die großen Liebestode, von denen wir alle nicht genug bekommen können, solange sie uns nicht selbst betreffen.

Die Wahrheit aber ist oft unspektakulärer. Manchmal, und das mag das eigentlich Tragische daran sein, stirbt die Liebe so leise, dass man gar nicht weiß, ob die Liebe sich nur, erschöpft von Alltagsdingen, kurz ausruht oder sich doch längst unwiederbringlich verzogen hat. „Ein Weg“, der Debütfilm des Babelsberger Filmuni-Absolventen Chris Miera, hat sich dieses stille, vielleicht quälendste Liebessterben vorgenommen. „Als ich den Film vorbereitete, habe ich viele getrennte Paare gefragt: Warum habt ihr euch getrennt?“, erzählt der Regisseur. „Viele wussten es gar nicht so genau. Genau das hat mich interessiert.“

Ganz bewusst also vermeidet sein Film jene „krassen Vertrauensbrüche“, die sich so effektvoll erzählen ließen. Auch Tränen und die Ahnung eines Zusammenbruchs zeigt „Ein Weg“. Vor allem aber zeigt er: zarte Berührungen, suchende Blicke, halb zu Ende gesprochene Dialoge. Alltagsmomente, über denen erst eine große Zärtlichkeit liegt, die dann, irgendwann zwischendrin, einer großen Einsamkeit weicht. Der Film umreißt die über ein Jahrzehnt dauernde Liebe eines Paares. Dass es sich um zwei Männer handelt, Andreas (Mike Hoffmann) und Martin (Mathis Reinhardt), wird nicht weiter thematisiert, es ist einfach so. Die beiden Männer haben kein Problem mit der Welt, in der sie leben, mit Vorurteilen oder Ausgrenzungen. Ihre Probleme liegen nicht draußen, sondern in den eigenen vier Wänden. Hier spielt der Film dann auch mehrheitlich: im Innern eines schönen Hauses irgendwo in der thüringischen Provinz. Ganz nebenbei räumt „Ein Weg“ mit vielen Klischees auf, darunter auch jenes, dass Schwule nur in hippen großen Städten leben.

Martin und Andreas scheinen sich auf einer selbst gewählten Insel zu bewegen, in einer Blase, in die die Außenwelt nur ganz selten eindringt. „Mir ist bewusst, dass man das durchaus als klaustrophobisch empfinden kann“, sagt Chris Miera. „Die Liebe ist ja etwas sehr Schönes und auch etwas sehr Beängstigendes. Und wie man die Nähe zwischen den beiden im Film empfindet, das kommt dann auf den Betrachter an.“ Dass die beiden Männer zusammen ein Kind großgezogen haben, auch das ist nicht Thema, sondern ganz einfach Teil der Geschichte. Bei Chris Miera gehört ein ganz offensichtlich wohl geratenes Kind zur Ausstattung dazu, zu dem Hintergrund, vor dem sich die eigentliche Geschichte abspielt – wie die immer wieder in den Blick rückende Werkstatt, die Bäume, das Meer.

„Ich mag das Thema Politik überhaupt nicht“, sagt der Regisseur. Und weiß doch, dass sein Film natürlich ein politischer ist. Dass hier ein Junge ohne Probleme von zwei Männern aufgezogen wird und das nicht weiter der Rede wert ist, ist natürlich sehr wohl der Rede wert. Das weiß Chris Miera. So ist es kein Zufall, dass er sich für ein schwules Filmpaar entschied – obwohl das lange nicht wichtig war, er in Frühfassungen des Drehbuchs auch mal eine „Andrea“ stehen hatte. Letztlich, sagt er, war ihm das schwule Paar dann einfach näher.

Eine Konstante in den gut zehn Beziehungsjahren, die „Ein Weg“ umspannt, ist das Meer. Als frisch Verliebte fahren Andreas und Martin hierher, als Paar in der Krise – und zuletzt als Paar, das keines mehr ist. In den am Meer gefilmten Szenen geht die Kamera weg von den Nahaufnahmen, den Nacken, Blicken und Händen der Protagonisten, die sie daheim im thüringischen Dorf umkreist, und zeigt stattdessen die prächtige, winterliche Meereslandschaft in der Totalen. Der Mensch, seine Sorgen, seine Gefühle, werden plötzlich winzig klein, sind nichts als ein schwarzer, vorüberziehender Schatten.

Für Chris Miera hat das Meer eine „fast mystische Dimension“, die er aber nicht mit Esoterik verwechselt sehen will. Seine Protagonisten immer mal wieder von außen zu zeigen, im Zurückgeworfensein auf sich selbst, das war ihm wichtig. Im Film erinnert das optisch bis in die Farbtöne hinein an Bilder von Caspar David Friedrich. Tatsächlich ist Miera, 1986 geboren in Schwedt, schon früh, als kleines Kind, durch Kunstmuseen gerannt. „Ich habe das immer wahnsinnig schnell aufgesaugt“, sagt er. Schon als Fünfjähriger hat Chris Miera ständig kleine Filme aufgenommen. Er wächst in Berlin auf, die Berlinale ist – räumlich – nie weit. Aber erst als sein Stiefvater aus Arbeitsgründen für zwei Jahre mit der Familie nach Peking zieht, beginnt Chris Miera, ausführlicher zu filmen. Dort lernt er den Blick von außen kennen, sieht sich, weil er die Sprache nicht spricht, im Alltag auf das Sehen zurückgeworfen.

So ist auch die Geschichte in „Ein Weg“ erzählt: über die genaue Beobachtung, nicht über die Dialoge. Zwar gab es ein Drehbuch, aber auf dessen Basis wurden viele der Szenen von den Schauspielern improvisiert. Dass das als Arbeitsweise funktionieren kann, lernte Chris Miera unter anderem bei Andreas Dresen, bei dem er ein Seminar an der Potsdamer Filmuni belegt. Dessen Film „Halbe Treppe“ beschreibt er als eine Art AhaErlebnis: Auch so, unkompliziert, mit kleinem Team, kann man also Filme machen. So ist „Ein Weg“ entstanden. Als sie vor einem Jahr zu fünft auf einem thüringischen Berg filmten, hätten sie sich nicht träumen lassen, dass sie ein Jahr später bei der Berlinale sein würden. Nominiert für den „Teddy Award“ zumal, den queeren Filmpreis des Festivals.

Dass sein Film jetzt im Rahmen der „Perspektive Deutsches Kino“ gezeigt wird, findet Chris Miera, natürlich, höchst erfreulich. Aber irgendwie auch lustig: Er selbst ist halb Portugiese und „zu einem Viertel“ russisch. Es passt zu Chris Miera, wie er auch hier mit festgefahrenen Vorstellungen aufräumt: ganz nebenbei. Wie die Liebe von Andreas und Martin, die so leise geht, dass sie irgendwie auch noch da ist, als die beiden sich schon entschieden haben, ihren Weg nicht mehr gemeinsam zu gehen. Das ist letztlich die bei aller Melancholie optimistische Einsicht dieses erstaunlich reifen Debütfilms: Jeder Weg ist immer nur einer von vielen möglichen.

„Ein Weg“: Berlinale-Premiere heute um 19.30 Uhr im CinemaxX 3, Berlin. Im Filmmuseum Potsdam zu sehen am 24. Februar um 19.45 Uhr

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