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  • 16.12.2016
  • von Andrea Lütkewitz

Buchvorstellung im Sputnik: Politischer Paradiesvogel

von Andrea Lütkewitz

Eigenwillig. Der Autor Ronald M. Schernikau verließ 1989 die BRD in Richtung DDR, um dort in einer Hellersdorfer Platte zu leben – und verwahrte sich auch sonst gegen einfache Zuordnungen. Literarisch war er der Rechten zu politisch, der Linken zu poetisch. Foto: privat

Ein neues Buch befasst sich mit dem Phänomen Ronald M. Schernikau.

Wer etwas über Ronald M. Schernikau herausfinden möchte, findet zahlreiche Einordnungen. Er begegnet einem als Schwulen- und Linken-Ikone, als jemand, der seiner Zeit voraus war, indem er Geschlechtergrenzen auslotete, als Paradiesvogel und als talentierter Schriftsteller, der noch vor dem Abitur sein erstes Buch über ein Coming-out veröffentlichte. Und dann ist da noch die Sache mit der Politik. Als bekennender Kommunist lässt Schernikau sich im Jahre 1989 – während Massen darauf drängen, ausreisen zu dürfen – als letzter Westdeutscher in die DDR einbürgern. Als er im Jahr 1991 mit nur 31 Jahren an Aids stirbt, hat er ein Leben hinter sich, das man als intensiv, bewegt und ungewöhnlich bezeichnen kann. Und eines, das nur auf den ersten Blick leicht einsortierbar erscheint.

Schernikau, der in den 1980er-Jahren mit seinem ersten Roman „kleinstadtnovelle“ in den westdeutschen Feuilletons gefeiert wird, gerät nach diesem Erfolg wieder in Vergessenheit – zumindest jenseits der Schwulenszene. Verlage lehnen seine Texte ab: zu radikal, zu politisch, heißt es auf der einen, eher konservativen Seite. Zu poetisch und sehnsüchtig, heißt es auf der anderen, linken Seite – der Schernikau selbst einmal vorwirft, sie wolle Texte vor allem politisch instrumentalisieren. Ein Blick auf das, was zwischen den Einordnungen zu Schernikau liegt, ist nicht nur interessant – er wird dem Autor vor allem gerecht.

Vor diesem Hintergrund, und um Schernikaus Texte zu bewahren sowie einem größeren Publikum als dreibändige Werkausgabe zugänglich zu machen, kommen im Jahr 2015 Autoren, Verleger, Journalisten, Musiker und Wissenschaftler zu einer Konferenz im Literaturforum des Brecht-Hauses in Berlin zusammen. „Die Schernikau-Renaissance ist voll im Gange“, schreibt dazu etwa die „taz“ angesichts der überdurchschnittlich gut besuchten Tagung. Die Dokumentation dieser Zusammenkunft erschien am gestrigen Donnerstag im Berliner Verbrecher Verlag: „Lieben, was es nicht gibt. Literatur, Pop und Politik bei Ronald M. Schernikau“. Herausgekommen ist eine über 350 Seiten starke Reflexion über Poetologie, Schreibweise, Vorbilder, literarisches Leben und Pop bei Schernikau. Vorgestellt wird das Buch heute im Potsdamer Buchladen Sputnik, auf dem Podium sitzt der Herausgeber Helmut Peitsch.

Die Texte, unter anderem von Dietmar Dath, Jens Friebe, Christian Jäger und Ursula Püschel, haben, so unterschiedlich ihre Herangehensweise an den Autor ist, eines gemeinsam: Sie bestätigen das Faszinosum Schernikau. So erfährt man etwa, dass dieser alles andere als ein vom DDR-Sozialismus verblendeter Geist war. Mehr als einmal kann man sich als Leser fragen, warum der Autor sich in die DDR einbürgern ließ. Wie ging deren Spießbürgerlichkeit, in der jedes Anderssein als „dekadent“ gebrandmarkt wurde, zusammen mit Schernikaus androgynem Auftreten, seiner Radikalität im Schreiben, offenen Homosexualität und zeitweise polyamorösen Lebensweise?

Stefan Ripplinger, Mitbegründer der Zeitung „Jungle World“, arbeitet etwa heraus, dass Schernikau keineswegs konfliktscheu war im Umgang mit den Anforderungen von Verlagen, dass es ein zweckgebundenes „Liefern“ seinerseits nicht geben konnte. War da nicht der Ärger mit dem DDR-Literaturbetrieb programmiert? Solche Skizzierungen kollidieren dann aber wieder mit anderen Aussagen Schernikows, wie etwa kurz vor seinem Tod, als er in einem Interview mit Erika Runge sagte: „Für mich hat der Zusammenbruch der DDR nichts geändert daran, dass ich die DDR liebe. Man kann auch etwas lieben, das es nicht gibt.“ Etwas lieben, das es nicht gibt – immer wieder wird man bei Schernikau feststellen, dass das für ihn eigentlich die gesamte Welt umfasst.

Wer also einfache Einordnungen mag, der möge sich mit Wikipedia begnügen. Wem es aber gefällt, auch mal nicht einordnen zu können und immer neue Fragen zu finden, die dann doch offenbleiben, wird sowohl Spaß daran haben, Schernikaus Werke (neu) zu entdecken, als auch zu lesen, wie sich andere in diesem Buch mit ihm auseinandersetzen.

„Lieben, was es nicht gibt?“ wird heute Abend um 19 Uhr im Buchladen Sputnik (Charlottenstraße 28) vorgestellt

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