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  • 24.11.2016
  • von Grit Weirauch

Die Stunde des Verweigerers

von Grit Weirauch

Lieber nicht. Mit seinem legendären Satz „I would prefer not to“ übte sich Melvilles Schreiber Bartleby, der einfach nicht mehr mitmacht im Büroalltag, in der seltenen Kunst der höflichen Revolution. Die Adaptation von Ton & Kirschen mit Stefano Armori (l.) hat heute Abend um 20 Uhr in der fabrik Premiere. Foto: Jean-Pierre Estournet

fabrik-Premiere: Ton & Kirschen setzt mit „Bartleby, der Schreiber“ auf die Kunst des Neinsagens

Manchmal dauert eine Geburt 20 Jahre. So wie im Falle der Inszenierung „Bartleby, der Schreiber“. Im Jahre 1986 haben Margarethe Biereye und David Johnston ihre Adaption von „Der Meister und Margarita“ aufgeführt, damals noch als Mitglieder der berühmten britischen Compagnie Foodsbarn Travelling Theatre. Sie tourten mit ihrer Adaption des Stücks von Bulgakow durch Frankreich und der Regisseur François Tanguy schaute zu. Er war begeistert von ihrer Art, Theater zu machen – Gauklerei und Groteske, immer existenziell. „Ihr müsst Bartleby lesen“, sagte er zu ihnen.

Und Bartleby ließ sie nicht mehr los. „Das schwang all die Jahre mit“, sagt Margarete Biereye, die Mitbegründerin des Ton & Kirschen Wandertheaters. „Wenn er so einen Vorschlag macht, bleibt das stecken“. Zur Welt gekommen ist Bartleby aber erst jetzt. Denn für eine Inszenierung braucht es auch den richtigen Schauspieler, der dieser Figur Leben einzuhauchen vermag. „Nicht jeder kann Bartleby spielen“, sagt sie. Im vergangenen Sommer sahen sie und David Johnston im Rahmen eines Theaterfestivals den Schauspieler Stefano Armori. „Das ist Bartleby“, sagte er zu ihr.

Heute hat das Stück von Herman Melville „Bartleby, der Schreiber“ Weltpremiere in Potsdam. Die Wandertheatergruppe Ton & Kirschen aus Glindow zeigt es mit Stefano Armori in der Titelrolle bis zum Sonntag in der fabrik.

Die Geschichte ist in New York angesiedelt. Der Besitzer einer Kanzlei in der Wall Street stellt eines Tages einen zusätzlichen Schreiber ein – einen blassen, höchst unscheinbaren, aber höflich und zuverlässig wirkenden Mann namens Bartleby. Für den Notar eine passende Ergänzung zu seinen beiden anderen Schreibern, die er beschäftigt – den nachmittags cholerischen Turkey und den von Indigestion geplagten Nippers. Wie die anderen lässt sich Bartleby Ingwerkekse vom Laufburschen Ginger Nut bringen, aber verlässt sonst nie das Büro und beteiligt sich auch nicht an den alltäglichen Ritualen seiner Kollegen. Eines Tages weigert er sich, Abschriften der anderen Korrektur zu lesen. Er sagt das mit einem Satz, den er fortan immer wieder benutzen wird, um sich ihm übertragenen Aufgaben und Aufforderungen entgegenzustellen – sagt es mit diesen ungemein sanften Worten der Verweigerung, die in die Literaturgeschichte eingegangen sind: „I would prefer not to“. Ich möchte lieber nicht.

Bartleby führt dieses Neinsagen radikal bis zum bitteren Ende. Der Amerikaner Herman Melville schrieb den ausgiebig interpretierten und doch geheimnisvoll bleibenden Text 1853, in der Zeit des Frühkapitalismus. Die Erzählung gilt als seine beste, der Erfolg war dem in Armut verstorbenen Autor allerdings nicht vergönnt. Heute wird „Bartleby“ als einer der Schlüsseltexte der Moderne gerühmt und eine direkte Linie von Bartleby zu Figuren Kafkas gezogen.

Ton & Kirschen werden in ihrer Inszenierung nah am Original bleiben. Keine Modernisierung der für manchen verstaubt anmutenden Sprache. Er schreibe so schön, sagt Margarete Biereye: „Für mich war dieser Melville eine Entdeckung.“ Figuren wie bei Charles Dickens und doch von der Ernsthaftigkeit her anders. Bartleby sei wie die Hauptfigur Ismael in Melvilles „Moby Dick“, „ein Wrack auf dem Atlantik, ganz allein“, so die Schauspielerin. Nur wird der Schreiber anders als der Walfänger nicht gerettet. Selbst wohlmeinende Versuche des Notars bleiben erfolglos. Denn Bartleby lässt sich nicht retten, schließlich gibt es auch nichts mehr zu retten, er verschwindet inmitten dieser Welt.

Ton & Kirschen orientieren sich in ihrer Interpretation an dem französischen Philosophen Gilles Deleuze, der als einer von vielen das Rätsel des Bartlebys zu lösen suchte. Demnach sei „Bartleby nicht der Kranke, sondern der Arzt eines kranken Amerikas“, so Deleuze. Für David Johnston liegt darin auch die Aktualität des Stückes begründet. Bei dem gebürtigen Engländer klingen die Worte so freundlich wie bei Bartleby, nur ist die Wut dahinter deutlich zu hören, wenn er sagt: „Ich möchte lieber nicht dabei sein in den Finanzmärkten, in der Politik, beim Brexit-Referendum …“ Es ist ein Rundumschlag gegen eine Welt, wie sie ihn in der Ferne – „… Kolumbien, Trump in Amerika“ und aus nächster Nähe trifft: „Ich möchte lieber nicht, dass die AfD eine solche Präsenz hat.“

Vielleicht ist deswegen auch die Stunde des Bartleby gekommen. Denn diese Figur verkörpert beides: die Auflösung eines Common Sense, wie sie eine Provokation vom Rande der Gesellschaft darstellt, der durch nichts Gutgemeintem zu helfen ist. Und eben auch eine Art des Neinsagens, wie sie passender für das Glindower Wandertheater und unsere Zeit nicht sein kann. Diese beharrliche Sanftmut ist vielleicht das letzte Mittel – für Ton & Kirschen, aber vor allem das Mittel der Wahl in einem allgegenwärtigen Getöse.

Die Glindower Kompanie setzte zwar noch nie auf lauten aktionsreichen Widerstand. Aber gerade derzeit sind die kraftmeiernden anderen eh schon viel zu laut. Umso wichtiger scheint da das Leise zu sein. Und auch machtvoller – wenn das Stille denn so unerbittlich und entwaffnend ist wie bei Bartleby.

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