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  • 24.10.2016
  • von Steffi Pyanoe

"See you"-Ausstellung im Bildungsforum Potsdam: Man sieht sich

von Steffi Pyanoe

Sieh dich selbst! Szenen in ihrer Unterkunft und bei Spaziergängen haben die jungen Männer aus Afghanistan im Projekt „See You!“ fotografiert, begleitet von Fotograf Michael Lüder (l.). Junge Frauen nahmen ebenfalls teil, allerdings in einem reinen Mädchenkurs in Teltow. Ihre Bilder sind in der Ausstellung auch zu sehen (Foto oben). Fotos: Andreas Klaer

„See you!“ heißt eine Ausstellung mit Bildern, die Flüchtlinge in Fotokursen gemacht haben. Sie ist jetzt im Bildungsforum zu sehen.

Potsdam - Zum ersten Mal sind sie hier oben, schauen aus den großen Fenstern hinunter auf die alte Fachhochschule und das neue Stadtschloss. Die Wissenschaftsetage im Bildungsforum ist Freitagnachmittag leer, kein Publikum. Nun aber hängt hier die Fotoausstellung „See you!“, etwa 100 Bilder von Flüchtlingen, entstanden in Zusammenarbeit mit Fotografen, Kunstschulen, Dozenten. Ein gefördertes Projekt des Verbands der Musik- und Kunstschulen Brandenburg (VdMK). Auch Potsdamer Teilnehmer waren dabei, die an diesem Nachmittag zunächst ihr neues Zuhause aus dieser ungewohnten Perspektive betrachten, am Horizont dreht sich das Riesenrad.

Es geht um verschiedene Sichtweisen und sich sichtbar machen

Dann sehen sie sich die Ausstellung an. Ihre eigenen Bilder und die der anderen Gruppen. „See you!“ heißt das Fotoprojekt. Könnte man übersetzen mit „Man sieht sich!“, oder wörtlich, „Sieh dich selbst!“. Englisch kann aber keiner aus der Truppe. Doch dass es ums Sehen geht, das haben sie schon verstanden. Um verschiedene Sichtweisen, Standpunkte, um Sichtbares und das, was man sichtbar machen möchte – oder auch nicht. Das Fotografieren ist dabei ein Medium, das weitgehend ohne Sprache funktioniert. Hier muss man keine deutsche Grammatik können.

In Potsdam hat der Fotograf Michael Lüder den temporären Workshop geleitet. Der Beginn war holprig. Verbindliche Verabredungen zu treffen, fällt vielen noch schwer, oft fehlte ein Dolmetscher. Zudem musste Lüder erst mal erklären, worum es ging: Bilder machen. Einfach so. Ihr Lebensumfeld, ihr Potsdam, so wie sie es sehen, fotografieren – für sich selbst und ein Publikum. Damit die Welt auch mal was anderes sieht als die typischen problem- oder klischeebeladenen Bilder der Medienwelt, die üblichen Flüchtlingskrisenszenarien.

Die neue Freiheit braucht Zeit

Lüder hatte gesponserte Kameras dabei und einen Kollegen aus der Kunstschule Potsdam. Schließlich zogen sie los, ein reiner Männertrupp aus Afghanistan. Zwei Mädchen aus Syrien kamen nur am ersten Tag und blieben dann weg. Die neue Freiheit braucht Zeit. In Teltow löste man das Dilemma, indem man einen reinen Mädchen-Fotokurs gründete, sagt Tina Balla vom VdMK. Deren Selbstporträts sind kleine, inszenierte Kunstwerke geworden, die jungen Männer aus dem Potsdamer Kurs finden sie gut, nicken anerkennend.

Ihre eigenen Bilder zeigen Szenen aus dem Heim und von ihren Spaziergängen draußen in der Stadt. Vater und Sohn, Mohnad, 40 Jahre alt, und Reza, acht Jahre alt, im Schneidersitz auf einem dicken weißen Teppich. Ruhe und seltsamer Fokus umgibt sie. Nichts lenkt ab, der Blick kann nur auf die beiden Menschen fallen. Im Park Sanssouci fotografierten sie, was alle dort fotografieren: Schloss Sanssouci und die Terrassen davor. Die Gedanken dazu muss Michael Lüder erzählen. „Sie fragten, ob sie die Königin mal besuchen dürfen“, sagt er. Das habe ihn überrascht – wer denke denn an so etwas?

Gemeinsames Essen verbindet

Und so ist der Fotokurs auch Gelegenheit, sich ein Stück weit näher zu kommen, kennenzulernen, Fragen zu stellen. Unbedingt gehörte das gemeinsame Essen dazu, in allen Foto-Gruppen, sagt Projektleiterin Tina Balla, habe sich das so spontan entwickelt, dass man zusammen kochte. Mohnad, der sonst das Kochen den Frauen überlässt, hat sich also beim Pizzamachen fotografieren lassen, und ein anderes Bild zeigt ein Handy mit diversen Tierbildern auf dem Display. „Da haben wir uns gegenseitig gezeigt, was wir essen oder eben nicht essen wollen“, sagt Lüder. Er hat an einem Abend die Gruppe zu sich und seiner Familie eingeladen. Es wurde gekocht und dann gemütlich im Garten beisammen gesessen. „Die müssen doch auch mal sehen, wie man in Deutschland so wohnt“, sagt er.

Umgekehrt zeigten die Afghanen Lüder, wie es in ihrem Heimatland aussieht. Immer wieder holten sie ihre Handys raus, auf denen sie ganze Fotoalben gespeichert haben. Ihr Leben vor der Flucht. Bilder eines Alltags in einem noch nicht zerstörten Land. Zum Beispiel junge Männer auf Motorrädern, posierend in einer Straße mit grünen Bäumen. Sie erzählen von ihren Berufswünschen, von ihren Hobbys. Es tut beiden Seiten gut, etwas zeigen beziehungsweise sehen zu können. Die Fotos sind eine neue Ebene, auf der man sich trifft. Auf Augenhöhe begegnet.

Die Potsdamer Gruppe will weiter machen, in Kontakt bleiben. „Wir ziehen demnächst noch mal zusammen los, oder?“, fragt Michael Lüder.

Bevor sie am Freitag nach Hause gehen, schauen sich die Jungs noch mal die Bilder der Mädchen an. Mädchen, die ihre Gesichter groß zeigen und sich dabei mit Dingen umgeben, die ihnen etwas bedeuten. Tina Balla zeigt auf die Namen der Fotografinnen am Bildrand. „Die kommen auch aus Kabul. Wie ihr“, sagt sie. Eine belanglose Erkenntnis, mag man meinen. Aber hier, in Potsdam, in der Wissenschaftsetage, hebt sie damit Jungs und Mädchen auf ein Level. Wie das eben so ist in der neuen Welt.

„See you!“ in der Wissenschaftsetage im Bildungsforum, Am Kanal 47, ist bis zum 26. November zu sehen. Geöffnet ist Montag bis Freitag von 10 bis 18 Uhr, Samstag von 10 bis 14 Uhr. Die Vernissage findet am heutigen Montag um 18 Uhr statt

 

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