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  • 15.10.2016
  • von Sarah Stoffers

Ein Gespräch zur Rolle der DDR-Theaterszene: Provokation unter Beobachtung

von Sarah Stoffers

Diesen Theaterabend hat keiner vergessen, der dabei war: Heiner Müllers Stück „Wolokamsker Chaussee“ stand am 8. März 1989 auf dem Programm am Hans Otto Theater. Aber Theater gab es nicht nur auf der Bühne, wie sich Christian Steyer, damals Schauspieler und Komponist, erinnert: Angehörige der Stasi-Hochschule in Golm störten die Aufführung, wurden handgreiflich und äußerten Drohungen wie „Das habt ihr nicht umsonst gemacht, ihr Schweine“. Das Ensemble sei zutiefst schockiert gewesen.

Steyer war am Donnerstagabend gemeinsam mit Schauspiel-Kollegin Jutta Wachowiak und der Historikerin Jutta Braun vom Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam (ZZF) zu Gast in der Gedenkstätte Lindenstraße 54. Unter dem Titel „Von der Bühne auf die Straße. Theater und Friedliche Revolution in der DDR“ sprachen sie über die Bedeutung des Theaters für die Protestbewegung.

Der Eklat um das Müller-Stück in Potsdam war kein Einzelfall. In den 80er-Jahren fielen in der DDR zahlreiche Stücke der Zensur zum Opfer. In Potsdam betraf das 1989 auch Gogols „Revisor oder Katze aus dem Sack“. Der Dramaturg Jürgen Groß hatte die Handlung auf die DDR übertragen. Gerade einmal drei Aufführungen erlebte die Satire am Hans Otto Theater. Im Mai 1989 wurde sie auf Anordnung der örtlichen SED-Führung abgesetzt. Zu sehr ähnelten einige Kostüme den Uniformen der Staatsmacht, die zudem in dem Stück nicht besonders gut dargestellt wurde. Die Absetzung geriet im Nachgang zum Possenspiel, als die SED-Kreisleitung eine Erziehungsmaßnahme für die Mitarbeiter des Hans Otto Theaters anordnete, die Letztere von ihren falschen Ansichten über die SED-Funktionäre überzeugen sollte. Die Anordnung wurde zum Stadtgespräch.

Dabei war das Theater in der DDR voller Widersprüche. Auf der einen Seite wurden in teils provokanten Inszenierungen gesellschaftskritische und politische Themen aufgegriffen. Andererseits war das Theater staatliche Institution und stand als solche unter der Beobachtung von Partei und Staatssicherheit. Texte und Plakate wurden vorsorglich geändert, Programme komplett verboten. So erinnert sich Jutta Wachowiak, die unter anderem am Hans Otto Theater in Potsdam, am Deutschen Theater Berlin sowie in Film- und Fernsehproduktionen mitwirkte, an die gescheiterte Inszenierung von „Die Legende von Paul und Paula“ 1979 am Deutschen Theater. Mitten in den Proben wurde das Stück abgesetzt.

Die zahlreichen provokanten Inszenierungen in den 80er-Jahren waren jedoch häufig große Publikumserfolge und verfehlten, trotz oder gerade wegen der Zensur, ihre Wirkung nicht. Das Theater der DDR war Ort für recht unverblümte Gesellschaftskritik und bot Zündstoff für heftige Diskussionen.

Und es spielte noch im Wendeherbst eine Rolle, die heute weitgehend in Vergessenheit geraten ist: Am 4. November 1989 versammelten sich bei der größten nicht staatlich gelenkten Demonstration der DDR-Geschichte viele Hunderttausende Menschen auf dem Alexanderplatz in Ost-Berlin, um gegen das SED-Regime zu protestieren. Während das Datum als Markstein der Friedlichen Revolution Eingang in die Geschichtsbücher gefunden hat, weiß kaum noch jemand, dass der Protestzug vor allem der ostdeutschen Theaterszene zu verdanken ist. Die Initiative und Organisation war von Theaterleuten wie der Schauspielerin Jutta Wachowiak ausgegangen, die am 15. Oktober 1989 auf einer Versammlung im Deutschen Theater den Vorschlag für die Demonstration verbreitete. Sarah Stoffers

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