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  • 12.09.2016
  • von Grit Weirauch

„Auf Augenhöhe“: Klein, aber nicht niedlich

von Grit Weirauch

Idee aus dem Friseursalon. Die Potsdamer Regisseure von „Auf Augenhöhe“, Evi Goldbrunner und Joachim Dollhopf. Sie sind Absolventen der Babelsberger Filmuniversität. Foto: Manfred Thomas

Das Langfilmdebüt „Auf Augenhöhe“ der Potsdamer Regisseure Evi Goldbrunner und Joachim Dollhopf

Klein zu sein ist derzeit ganz großes Kino: Da laufen seit Anfang September die Großproduktion „König Laurin“ über den gleichnamigen Zwergenkönig und „Mein ziemlich kleiner Freund“ – eine französische Liebeskomödie über einen weiblichen Single, der sich in einen 1,40 Meter messenden Mann verliebt. Allerhand technische Tricks werden für das Kleinwüchsige auf der Leinwand angewendet, in beiden Streifen ist aber Kleinsein gleichbedeutend mit irgendwie komisch und doch niedlich, auf alle Fälle liebenswert.

Auch der Film „Auf Augenhöhe“, der am Sonntag Vorpremiere im Babelsberger Kino Thalia hatte und ab Donnerstag bundesweit gezeigt wird, spielt mit diesem Thema. Er aber kehrt die herkömmlichen Assoziationen in ihr Gegenteil um. Denn das Kleine ist hier erst mal der blanke Horror und raue Realität: Der zehnjährige Michi (Luis Vorbach) lebt im Kinderheim, seitdem seine alleinerziehende Mutter gestorben ist. Ihr Tod ist so lange her, dass er sich an sie nicht mehr erinnert. Auf der Suche nach seinem leiblichen Vater trifft ihn der Schock: Er ist Sohn des kleinwüchsigen Tom (Jordan Prentice). Der ist sogar kleiner als er. Der Traum einer starken und machtvollen Vaterfigur ist damit also geplatzt. Stattdessen wird er von anderen Heimkindern aufs Äußerste gemobbt und ihm bleibt nichts als die Flucht aus seinem Zuhause – hin zu seinem Vater Tom.

Es ist der erste 90-minütige Spielfilm der Potsdamer Regisseure und Absolventen der Babelsberger Filmuniversität Evi Goldbrunner und Joachim Dollhopf. Die Idee für das Drehbuch lieferte ihnen ein Besuch in einem Potsdamer Friseursalon. Es war noch zu Studienzeiten, als sie als Seminaraufgabe das Alltägliche filmisch begleiten sollten. „Es war nichts los in dem Laden“, erinnert sich Evi Goldbrunner. Das änderte sich erst, als eine kleinwüchsige Frau den Salon betrat. Plötzlich sei da ein anderer Umgang zwischen den Menschen gewesen, so die Regisseurin. Behutsamer, höflicher, sanfter und liebevoller. „Das war ein toller Moment.“ Sie fingen die Szene für ihre Dokumentarübung ein, sie ließ sie nicht mehr los.

Als Abschlussarbeit gedacht, aber nicht realisiert, schrieben beide das Drehbuch für einen Film über einen Jugendlichen, der auf seinen andersartigen Vater trifft. Ein Produzent interessierte sich für den Stoff, im Mittelpunkt sollte aber unbedingt ein Kind stehen. Schließlich sei so die tiefe Emotionalität viel stärker, sagt Joachim Dollhopf. „Ein Kind sieht das alles viel schlimmer.“ Und so ist aus der Coming-of-Age-Geschichte ein bewegender Kinderfilm geworden, der seine Protagonisten und den Zuschauer durch viele Gefühlswelten schickt. „Wir hatten vorher nie Ambitionen, einen Kinderfilm zu machen“, sagt Evi Goldbrunner. Letztlich konnte ihnen aber nichts Besseres passieren. So sieht es zumindest Joachim Dollhopf. Die Drehs sind nicht länger als drei Stunden am Stück und deutlich entspannter, schließlich gilt am Set das Jugendschutzgesetz.

Und es hatte noch einen Vorteil für die beiden: Es gab Geld für die Produktion. Angesichts der Drehvorgaben sind Kinderfilme vergleichsweise teuer und damit schwieriger zu finanzieren. Auch deswegen wurden in den vergangenen Jahren vorrangig literarische Vorlagen verfilmt, die Kinoerfolge versprachen. Die Folge: Originäre Stoffe landeten kaum noch auf der Leinwand. Die Initiative „Der besondere Kinderfilm“ steuert seit einigen Jahren gegen diesen Trend, mit Geldern vor allem des Bundes und der Rundfunkanstalten. Goldbrunners und Dollhopfs Film wurde gefördert und hatte ein Budget von deutlich mehr als einer Million Euro für die Produktion zur Verfügung.

Natürlich ist so eine Förderung nicht ohne Tücken, dessen sind sich auch die Regisseure bewusst. Denn so einer Inklusionsgeschichte lässt sich kaum anders als mit politisch korrektem Wohlwollen begegnen. Der vermeintlichen Normalität von Kleinwüchsigkeit entgehen sie aber, indem sie versuchen, aus dem Blick der Kinder heraus zu erzählen. Und für diese ist das überhaupt nicht normal.

„Auf Augenhöhe“ gewann bereits auf dem Kinderfilmfestival „Goldener Spatz“ den zweiten Preis – hinter „König Laurin“ – und beim Münchner Filmfest den Publikumspreis. Auch auf der deutschen Longlist für den Oscar ist er vertreten.

Doch Evi Goldbrunner und Joachim Dollhopf sind zu realistisch und zu bescheiden, um an den großen Kinoerfolg zu glauben. Im Vergleich zu Abenteuer-Fantasy wie „König Laurin“ werden die Zuschauerzahlen sicher gering bleiben. Und auch auf maue Zeiten im Filmgeschäft haben sie sich eingestellt. Denn nicht immer gibt es so viel Geld und glückliche Zufälle. Mithilfe der Filmuniversität haben sie eine App für Drehbuchautoren entwickelt und sich so gewappnet für den möglichen finanziellen Leerlauf zwischen den Produktionen.

„Auf Augenhöhe“ ist ab Donnerstag, dem 15. September, im Thalia Kino in Babelsberg zu sehen. Am Sonntag, dem 18. September, sind die Regisseure zum Publikumsgespräch geladen. Die Vorführung beginnt um 14.30 Uhr. Die PNN verlosen Freikarten für den Film. Wer gewinnen möchte, ruft heute ab 10 Uhr unter Tel.: (0331) 23 76 116 an

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