25.07.2017, 17°C
  • 08.08.2016
  • von Richard Rabensaat

Bitte noch größer!

von Richard Rabensaat

Schöne Schenkel? Kann man hier erkennen – auch, wenn es Wellen sind. Kunst ist frei.

Malerei und Skulptur von Bernhard Ailinger und Mikos Meininger im „sans titre“.

Zwei monumentale Skulpturen liegen auf dem Boden des Kunsthauses „sans titre“. Mehrere Meter lang, bronzefarben, große Bögen, die anmuten wie, na ja, geöffnete Frauenbeine. „Das ist die ,große Zwillingswoge’“, sagt der Künstler Mikos Meininger. Die Assoziation an Frauenbeine sei möglich, vielleicht auch nicht zufällig, aber der Name der Skulptur sei doch ein anderer. Und tatsächlich: Von der Seite betrachtet sind es zwei große, monumentale Wogen, die sich wie Wellen frei im Raum zu heben und zu senken scheinen. Sie korrespondieren aufs Schönste mit den Bildern von Berhard Ailinger, die keine Titel, aber doch ein Thema haben: den Körper, vorzugsweise der weibliche. Meist eher angedeutet, nur ein Ausgangspunkt für den Künstler, um beim Malen zu assoziieren. Er wird zu einem Fixpunkt in einem wilden Gefüge aus Farben und Formen.

Aber auch der männliche Körper hat die Beachtung der Künstler gefunden. Auf rotem Grund, souverän mit lockerer Hand gezeichnet, posiert da ein Männertorso von Meininger. Und im Zentrum eines großen Triptychons bei Ailinger: Jesus beim Abendmahl. Eine ganz eigene Interpretation hat der Maler dem bekannten Thema angedeihen lassen. Der Raum des Abendmahls löst sich auf, die Figuren werden zu auf der Leinwand schwebenden Schemen. Eine geisterhafte Stimmung entsteht, was ja nicht ganz verkehrt ist, schließlich war der Heilige Geist da mit im Spiel.

Die Bildern lassen einen eigenen Raum entstehen

Rot und Gelb, die bewegte Geste, die Freude am Material der Farbe zeigt sich in den Bildern von Ailinger. So entsteht ein eigener Klang, ein eigener Raum, in dem die Figur nur der Anlass für die Malerei ist. Eigentlich sind Ailingers Themen genau das – der körperliche Akt des Malens, die Bewegung und die Dynamik. Damit bewegt sich der Künstler auf Pfaden, die mit dem Informel – der gestischen Abstraktion – von Malern wie K.R.H. Sonderborg oder Fred Thieler in den 60er-Jahren gelegt wurden. Etwas Mythologie schwinge in den Bildern stets mit, sagt Ailinger. Wichtig sei aber auch seine Technik der Malerei: Auf ungrundierter Leinwand aufgetragen behielte der Farbauftrag eine Unmittelbarkeit und Direktheit, die nur so zu erzielen sei.

Auch die Haptik der Skulpturen von Meininger spiegelt einen sensitiven, unverstellten Umgang mit dem Material – der Bronze, dem Ton. Meist hätte er keine klare Zielvorstellung, wenn er mit einer Skulptur beginne, er lasse sich auf das Material ein und schaue, was entstehe, so Meininger. Häufig sind es schmale Stelen, in denen sich zwei Figuren, oder eine Doppelfigur verbergen. Die Dialektik der Zweisamkeit – der ewig unerfüllte Wunsch nach der Verschmelzung mit einer anderen Person, das Aneinander-gefesselt-Sein, ohne sich eigentlich unverhüllt und abstandslos begegnen zu wollen: Das zeigen die feinteilig gestalteten, schmalen Figuren.

Für die Zwillingswoge war aufwendige Feinarbeit nötig

Und dann ist da noch: die monumentale Zwillingswoge. „Bronze/Mischtechnik“ steht als Materialangabe bei der Plastik. Tatsächlich verbirgt sich in der Skulptur ein Styroporkern. Der ist in einem aufwendigen Verfahren nach einem kleineren Modell gefertigt. Das Modell hat der Künstler abscannen und dann im großen Maßstab aus einem Block fräsen lassen. Das so entstandene Paar hat Meininger dann mit viel Akribie zunächst in die nun vorliegende Form gebracht und dann mit aufwendiger Feinarbeit mehrere Schichten von Polyester und Bronzeanstrich aufgebracht. So ist die entstandene Plastik vom äußeren Anschein nach nicht von einer regulären Bronzeskulptur zu unterscheiden. Aber sie ist viel leichter, nicht tonnenschwer, weniger als hundert Kilo wiegen die beiden Einzelteile. So lassen sie sich von Hand bewegen und können an verschiedenen Orten gezeigt werden. Billig war das Ganze trotzdem nicht, etliche Tausend Euro waren notwendig.

Dennoch ist die vorhandene Skulptur nicht der Endpunkt, versichert Meininger. „Man darf ja träumen“, sagt der Künstler. Er will die Zwillingswoge demnächst bei der Artweek in Berlin zeigen, möchte das bereits hergestellte Objekt verkaufen und damit den Ausgangspunkt für eine wirkliche Monumentalskulptur aus Bronze setzen. Sechsmal so groß soll sie sein, wohl dreißig Meter lang. „Da kann man dann drunter hergehen“, sagt Meininger und macht sich auf die Suche nach Sponsoren und Förderern. Es ist ihm zu wünschen, dass die Umsetzung der Großskulptur gelingt. Zeugt schon das vorliegende, wohlgeformte Exponat von der liebevollen Hingabe und dem ästhetisch geschulten Blick des Künstlers, so wäre die Verwirklichung der „großen Zwillingswoge“ in Bronze eine großartige Feier von Körper und Schönheit.

Die Ausstellung „unsichtig“ im Kunsthaus „sans titre“, Französische Straße 18, ist bis zum 11. September zu sehen.

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