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  • 09.07.2016
  • von Steffi Pyanoe

PNN-Serie: Hinter den Kulissen - Die Requisite: Das, wonach es aussieht, ist es nie

von Steffi Pyanoe

Gedöns für alle Fälle. Nichts, was es nicht gibt in der Requisite. Robin Struhl weiß, wo die passenden Wischeimer für jede Epoche sind. Fotos: Andreas Klaer

In der Requisite des Hans Otto Theaters werden Kaffeegeschirr und Revolver präpariert, Kunstblut und Kotze angerührt. Ein Blick hinter die Kulissen.

Zwei Herzen schlagen in seiner Brust, sagt Robin Struhl. Als Theaterkonsument, als Zuschauer, mag er puristische Inszenierungen. „Ein gutes Spiel braucht wenig Kram auf der Bühne“. Als Requisiteur wäre er dann allerdings bald arbeitslos. „Und ich bastel schon ganz gerne.“

Seit 2004 ist er am Hans Otto Theater Chef der Abteilung Requisite. Und will hier nicht mehr weg. „Es ist die schönste Requisite der Republik“, sagt Struhl. Während man an anderen Häusern aus der Requisitenkammer oft in irgendwelche Hinterhöfe schaut, haben Struhl und seine vier Kollegen viel Platz, Büro und Werkstatt mit Seeblick. Im Büro stehen die Rechner, mit denen heute die Recherche stattfindet, in Bibliotheken geht man schon lange nicht mehr. Hier suchen sie nach speziellen Dingen und schauen, was es weltweit Neues gibt. Zum Beispiel grüne Weinflaschen, die täuschend echt aussehen. „Danach haben wir lange gesucht, sagt Struhl.“ Man darf sie nur nicht fallen lassen, dann hopsen sie unversehrt über den Boden, der Schwindel fliegt auf. „Man muss sich entscheiden: Will ich Sicherheit? Oder will ich es authentisch?“

Für alle Entscheidungen ist die Regie zuständig. An Struhl gehen dann die Wünsche. Und es kommt schon mal vor, dass er sich dann an den Kopf greift und flucht: Wie soll er das jetzt wieder machen? Wo mal eben einen 50er-Jahre Cellokasten herbekommen? Dabei haben sie ja fast alles, was man nur irgendwie aufheben kann. Was man nur in irgendeinem Stück gebrauchen könnte. Alles, was nicht zum festen Bühnenbild und zum persönlichen Kostüm des Schauspielers gehört, ist Requisite. Alles, was man bewegen und wegtragen kann. Die Brille, die immer zur Rolle gehört, ist Kostüm. Wird sie im Stückverlauf aus einer Handtasche geholt, fällt sie unter Struhls Verantwortung. Und muss bei jeder Aufführung zur richtigen Zeit am richtigen Ort sein. Der Schauspieler muss blind danach greifen können. Eine große Verantwortung.

Damit alles gut Hand in Hand geht, befinden sich die Räume für die Requisite direkt in Bühnennähe. Mittags schiebt Struhl seinen Rollwagen in den kleinen Fundus im Haus, wo all das lagert, was aktuell im Spielplan steht. Lädt ein, was zum Stück gehört, präpariert, bereitet vor, legt es auf oder hinter der Bühne bereit. Nach der Vorstellung wird alles sauber gemacht und geht retour. Denn schon am nächsten Morgen gegen 7 Uhr kommt die Crew der Bühnentechnik für den nächsten Aufbau, da muss alles weg sein.

Was nicht aktuell gebraucht wird, lagert im großen Fundes. Im Keller unter der Probebühne befinden sich ganze Welten, aus denen die Requisite schöpft. Unmöglich, alles aufzulisten, die Gegenstände aus Jahrzehnten und Jahrhunderten, die hier auf den Moment warten, da jemand vor ihnen stehen bleibt und genau diese Kaffeekanne, diesen Krückstock, diese Spielzeugpuppe aussucht. Hier lagern Haushaltsgeräte und Rodelschlitten, Putzutensilien, leere Medikamentenpackungen, Koffer und Weihnachtsschmuck, falsche Würste, antike Telefone, ein DDR-Parteiemblem und eine Marienstatue, Körperteile, ausgestopfte Tiere, Putzeimer, Schwerter und Pistolen, Kleinmöbel, Musikinstrumente und, und, und. Und fast immer weiß Struhl, wo was ist. Zumindest findet er sich zurecht.

Was es nicht gibt oder nicht passt, wird gebaut. Im Team von Robin Struhl gibt es Tischler, Pyrotechniker, eine Schauwerbegestalterin und eine Kollegin, die gut mit Tieren kann. Der Chef ist gelernter Modellbauer. Lieblings-TV-Sendung: „Die Sendung mit der Maus“. Sein erstes Bastelprojekt: eine Wolke aus Hasendraht und Pappmaché für den Ballettauftritt seiner kleinen Schwester. Als später in der Schule Fingerpuppen gebaut werden, ist er schneller fertig als die anderen und baut gleich noch eine Marionette, hat bald ein eigenes Marionettentheater. Später studiert er Maschinenbau, aber er spürt: Das Handwerkliche liegt ihm mehr als reine Mathematik. Er macht eine Ausbildung als Modellbauer und geht anschließend für sechs Jahre ans Deutsche Theater, bevor er sich auf die ausgeschriebene Stelle in Potsdam bewirbt.

Jetzt schraubt, klebt und lötet er in seiner Werkstatt direkt hinter der Bühne. Die auch mit einer kompletten Küchenzeile ausgestattet ist, allerdings nicht für die Mittagsverpflegung der Mitarbeiter. Hier werden derzeit die Laugenbrezel für das Musical „My Fair Lady“ aufgebacken. Die müssen echt sein, weil „Eliza“ sie im Publikum verteilt. Und hier rührt Robin Struhl auch mal Motoröl aus medizinischem Ultraschall-Gel an oder stellt Kunstblut her, Rote-Bete-Saft mit Gelatine, aber nur, wenn der Schauspieler kein Veganer ist. Soll es richtig echt aussehen, wird es online bestellt. „Ist aber sehr teuer, 30 Euro pro Liter mindestens.“

Dann lieber selber machen. Ein Requisiteur muss nicht nur mit Werkzeug umgehen können, sondern sich auch mit Lebensmittelchemie auskennen. „Das, wonach es aussieht, ist nie drin“, sagt Struhl. Säfte oder Wein sind gefärbtes Wasser, damit nichts klebt auf der Bühne. Damit keine Ameisen kommen. Alles Erfahrungssache. Müssen im Stück Kekse gegessen werden, gibt es eine bestimmte Sorte, die gut und schnell zu kauen ist. Und wird auf der Bühne gekotzt, rührt Struhl auch dieses an. Haferflocken und Milchpulver sind das Rezept der Wahl, nicht fettend, nicht zuckerhaltig, siehe Ameisen.

Obwohl sich Struhl für die Möglichkeiten der Requisite endlos begeistern kann, ist er doch ein Anhänger des Minimalismus, er mag lieber weniger Gedöns auf der Bühne. Natürlich hilft das eine oder andere Stück auch dem Schauspieler, die Illusion zu spüren. Es ist ein Unterschied, ob man in einem russischen Stück irgendeine oder eine echte russische Zeitung in der Hand hält. Und wenn ein Koffer getragen wird, sollte er schon etwas Gewicht haben. Struhl packt meist noch ein Holzgerüst rein. „Denn es kommt irgendwann der Moment, da setzt sich der Schauspieler drauf. Und dann sollte der Koffer natürlich nicht zusammenfallen.“

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