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  • 25.06.2016
  • von Sarah Kugler

„König Lear“ im T-Werk: Der reinste Wahnsinn

von Sarah Kugler

Kurz vorm letzten Tanz. Andreas Erfurth (l.) überzeugt als tragikomischer König Lear, der gegen den Wahnsinn einer Demenz kämpft. Auf seinem Weg voller seltsamer Entscheidungen bleiben schließlich nur Leichen übrig. Auch Saro Emirzes Graf von Gloster wird am Ende mehr als nur sein Augenlicht verlieren. Foto: Neues Globe Theater

Das Neue Globe Theater inszeniert „König Lear“ im T-Werk als punktgenaue Tragikomödie.

Der König tanzt – und zwar zu dem 1980er-Jahre-Hit „It’s Raining Men“ der Weather Girls. Völlig frei und ungezwungen hüpft er auf der Bühne herum, schmeißt seine Klamotten von sich und gibt sich ganz dem Augenblick hin. Es ist der Höhepunkt des Wahnsinns, den das Neue Globe Theater in seiner Inszenierung von Shakespeares „König Lear“ mit dieser Szene präsentiert. Ein Akt der personifizierten Verrücktheit dieser Welt, der am vergangenen Donnerstag bei der Premiere im T-Werk in der Schiffbauergasse mit jubelndem Szenenapplaus gefeiert wurde. Zu Recht. Denn so klamaukig die Szene wirkt, so sehr bringt sie die Interpretation von Regisseur Kai Frederic Schrickel auf den Punkt.

Der erzählt den tragischen Stoff um den alternden König Lear als Demenzgeschichte, als Porträt eines Mannes, dessen Handlungen nicht mehr berechenbar sind. Eine treffendere Erklärung kann es kaum geben, denn warum der alternde König seine ehrliche Tochter Cordelia verbannt, den älteren verlogenen Töchtern das Reich vermacht und so manch andere fragwürdige Entscheidung trifft, lässt sich aus heutiger Sicht nur schwer nachvollziehen. Die Welt, die Schrickel – vor allem in der ersten Hälfte der Inszenierung – dabei zeichnet, ist voller Verrücktheiten, die der alternde Mann weder durchblickt, geschweige denn im Griff hat. Immer wieder gibt es zotige Einlagen mit Musik und obszönen Gesten. Und natürlich darf auch das für das Neue Globe Theater so typische Augenzwinkern nicht fehlen, mit dem es immer wieder das Stück dekonstruiert. So wird mal eben ein Familienfoto geschossen oder ein Darsteller schafft den Kostümwechsel eben mal nicht rechtzeitig. Dabei steht das Stück immer kurz, davor in den Klamauk abzurutschen, so wie Lear immer am Rande des Wahnsinns entlang balanciert. Bis es dann eben passiert und der Geist des Königs verloren scheint.

Getragen wird dieser genial-verrückte Reigen von einem starken Ensemble, das ganz im Zeichen Shakespeares nur aus männlichen Darstellern besteht. Allen voran brilliert Andreas Erfurth als König Lear. Er schafft es, den in der Demenz versinkenden Mann in all seinen Nuancen zu geben, ohne ihn dabei der Lächerlichkeit preiszugeben. Sein Spiel zwischen aufbrausendem Machtmenschen, tief gebrochenem Vater sowie entrücktem Wahnsinnigen ist gleichzeitig urkomisch und tief traurig. Dicht gefolgt wird er dabei von Killian Löttker, der den darstellerischen Spagat zwischen sittsam verzweifelter Tochter Cordelia und durchgeknallt klugem Narr mehr als überzeugend auf die Bühne bringt. Und auch der Rest des Ensembles beweist einmal mehr, dass es Shakespeare sowohl in seinen komischen, als auch in den ernsten Tönen verstanden hat. So ist Paul Maresch eine herrlich aristokratische Goneril, Dierk Prawdzik ein unerschütterlicher Graf von Kent und Robert Seiler vor allem ein ekelhafter Herzog von Cornwall. Till Artur Triebe überzeugt gleich in drei Rollen, erspielt sich aber am meisten als Haushofmeister Oswald die Sympathien des Publikums. Während Sebastian Bischoff als durchtrieben gelangweilter Regan in einem schrillen Kostüm nach dem anderen die Bühne in jedem seiner Momente beherrscht, hat Saro Emirze als Herzog von Albany und Graf von Gloster vor allem am Ende des Stückes seine starken Momente. Seine Stimme und Mimik halten jede Emotion noch lange im Raum. Trotzdem ist es Andreas Erfurth, der den finalen Moment beherrscht. In einem letzten klaren Moment Lears ist das Brechen seines Herzens quasi zu hören. Ein letztes schmerzhaftes Aufbegehren gegen den Wahnsinn, bevor sein Tanz endgültig zu Ende geht.

„König Lear“ im T-Werk, Schiffbauergasse 4e, wieder am heutigen Samstag und morgigen Sonntag um 20 Uhr sowie zu den Schirrhofnächten ab 25. August

 

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