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  • 27.05.2016
  • von Sarah Kugler

Der lange Schatten der Nazis Das Schicksal der

von Sarah Kugler

Enkel von NS-Tätern

Die Familie oder die Wahrheit verletzen – eine Wahl, vor der viele Nachkommen von NS-Tätern stehen. Alexandra Senfft, die in ihrem Buch „Schweigen tut weh. Eine deutsche Familiengeschichte“ bereits die Nazi-Vergangenheit ihres Großvaters aufarbeitete, portraitiert nun in ihrem aktuellen Werk andere Kinder und Enkel mit einer ähnlichen Geschichte. Am vergangenen Mittwochabend stellte sie ihr Buch „Der lange Schatten der Täter. Nachkommen stellen sich ihrer NS-Familiengeschichte“ im Einstein Forum am Neuen Markt vor und sprach im Anschluss mit Direktorin Susan Neimann über die persönliche Verarbeitung der Vergangenheit.

Bei aller guten Aufarbeitung, die Deutschland betreibe, sei es für Betroffene trotzdem wichtig, sich auf einer persönlichen Ebene damit auseinanderzusetzen, so Senfft. Gerade in der ersten Nachfolgegeneration sei viel verdrängt und sich oft erst nach dem Tod der Eltern mit der jeweiligen Vergangenheit auseinandergesetzt worden. Aber auch Enkel von NS-Tätern hätten oft damit zu kämpfen, dass ihre Eltern das Thema totschweigen – oder sogar die Schuld der Eltern nicht anerkennen.

Auch bei der Arbeit zu ihrem Buch sei es vorgekommen, dass Protagonisten das Projekt dazu missbrauchen wollten, die angebliche Unschuld ihrer Familienangehörigen nachzuweisen. „Es kamen dann Sätze wie ,Mein Vater war möglicherweise ein Nazi, vielleicht auch nur ein Patriot’“, so Senfft. Eingelassen hat sie sich darauf nicht, das betreffende Kapitel wurde gestrichen. Übrig bleiben immer noch acht individuelle Familiengeschichten, die Senfft auf eine sehr persönliche Art reflektiert. Das Buch sei keine wissenschaftliche Sozialstudie, sondern vielmehr der Versuch einer Annäherung an Emotionen, die nicht selten von Schuld und Angst durchzogen sind, sagte sie.

So erzählte ihr etwa Stefan Ochaba, der sich selbst als „Nazi-Enkel“ bezeichnet, dass er oft sehr wütend sei, was mit der Trauer über das schwierige Verhältnis zu seinen Eltern zusammenhängt. Paula Albrecht, deren Vater Kriegsgefangene beaufsichtigte, wiederum engagiert sich heute in der Flüchtlingshilfe. Ein Wiedergutmachungsversuch? Schuld sei tatsächlich ein großes Thema bei den Nachkommen, das manchmal auch in eine Angst vor dem Fremden umschlüge. Etwa bei Stefan Ochabas Vater, der den Flüchtlingen, die nach Deutschland kommen, abweisend gegenübersteht. Woher diese Angst komme und ob die Nachfolgegenerationen tatsächlich eine gewisse Schuld hätten, konnte Senfft am Mittwoch nicht wirklich beantworten. Zumindest sei ihnen aber eine Komplizenschaft zuzuschreiben, wenn sie über das Vergangene schweigt und die Täter damit in den Schutz nimmt. Für Nachkommen, die sich selbst nur als Opfer stilisieren, hat Senfft wenig Verständnis. Sie persönlich habe sich irgendwann entschieden, nicht länger schweigen zu können – auch wenn das ihre Familie nicht guthieß.

„Es ist unsere Verantwortung, dass wir aufarbeiten und gerade auch jungen Menschen vermitteln, dass so etwas wie damals nie mehr geschehen darf.“ Gerade die individuellen Biographien könnten in der Hinsicht viel bewegen, da sie die Zuhörer auf einer emotionalen Ebene erreiche. Bei aller kritischen Auseinandersetzung mit der Vergangenheit sei es allerdings wichtig, sich auch wieder dem Leben in der Gegenwart hin zu wenden, betonte Senfft. Sarah Kugler

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