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  • 25.01.2016
  • von Klaus Büstrin

Soname Yangchen und Rainer Speer in St. Nikolai: Besser singen als lesen

von Klaus Büstrin

Auch Soname Yangchen war Flüchtling. Aus ihrem von Chinesen besetzten Heimatland Tibet machte sie sich als 16-Jährige auf, in die Freiheit. Über den Himalaya kam sie nach Indien, schließlich nach Frankreich, Großbritannien und Deutschland. Die Sängerin und Autorin war am Samstagabend in der Nikolaikirche – mit ihren Liedern und dem neuen Buch „Klang der Wolken“, das im Integral Verlag München herausgekommen ist.

Vor allem begeistert sie mit ihrer Stimme. Die Lieder ihrer Kindheit, die Lieder Tibets, hat Soname einst spontan auf einer Hochzeitsfeier gesungen. Die Gäste waren begeistert, vermittelten einen Kontakt zu Musikern. Sie sang auf kleinen Festivals, dann auf größeren, nahm erst eine Platte auf, dann noch eine, und wurde bald von den Medien „Die Stimme Tibets“ genannt. Sie selbst mag das nicht. Das klinge so nationalistisch, hat sie in einem Interview gesagt. Der Freiheit ihres Volkes, seiner Selbstbestimmung, die die ungehinderte Religionsausübung und die Rückkehr des Dalai Lama miteinbezieht, sind ihre Lieder gewidmet.

Auch als Buchautorin hat sich Yangchen einen Namen gemacht. „Wolkenkind“ war ihr erstes Buch, das vor elf Jahren erschien und zum Spiegel-Bestseller wurde. Darin erzählt sie die bewegende Geschichte ihrer Kindheit und Flucht. Nun gibt es die Fortsetzung unter dem Titel „Klang der Wolken“, in dem es um das Sich-Einrichten in Europa geht, um Beziehungen zu Männern, die Reise nach Tibet, und wie es ihr gelang, ihre Tochter nach vielen Jahren der Trennung zu sich nach England zu holen. Zugleich gibt sie Einblicke in die Lehren des Buddhismus, ganz unmissionarisch. Ihre guten Ratschläge zu den Themen Geld, Zeit und menschliches Miteinander könnten für so manch hiesige Zeitgenossen etwas banal klingen, doch ein Stück tief geglaubter Buddhismus ist in ihnen enthalten.

In der Nikolaikirche las Brandenburgs früherer Innenminister Rainer Speer Ausschnitte aus Yangchens neuem Buch. Aus künstlerischen Gründen kann die Einladung an Speer wohl nicht erfolgt sein. Die Freundschaft mit dem Agenten der Sängerin ließ ihn an diesem Abend zum Vorleser werden. Es genügt aber nicht, in Tibet gewesen zu sein und einigermaßen deutlich zu sprechen. Man benötigt für solch ein künstlerisches Unternehmen eine geschliffene Sprechkultur. Ansonsten macht man jedes gut gemeinte Engagement für den Text zunichte.

Nach der Lesung sang Yangchen, begleitet von dem brasilianischen Gitarristen Charlson Ximenes, ihre Lieder. Sie strahlte eine Ruhe und Freundlichkeit aus, die wohl nur Menschen erreichen, die nicht nur vom inneren Frieden sprechen und schreiben, sondern ihn gefunden haben. In einem ZDF-Kommentar hieß es, ihr Gesang sei „außergewöhnlich, außergewöhnlich schön“. Das war auch in St. Nikolai zu hören. Mit ihrer Stimme, die über viele Farben verfügt, die sich in himmlische Höhen aufschwingen und in dunkle Tiefen bewegen kann, trägt sie die alte Kultur Tibets in unsere Welt. Ihre Texte erzählen Spirituelles, aber auch über den Alltag der Menschen ihrer Heimat: Witziges und Nachdenkliches. Man hätte sich über eine deutsche Übersetzung gefreut, denn nicht jeder Zuhörer verstand die englische Ansage. Ihre Lieder harmonisieren das Alte mit dem Neuen, die östliche mit der westlichen Musiktradition. Die freie schamanische Rhythmik der Tibeter vereint sie mit unserer Popmusik ungewöhnlich souverän. Yangchen gewann die Herzen ihrer Zuhörer ganz schnell. Klaus Büstrin

 

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