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  • 25.01.2016
  • von Oliver Dietrich

„Bilder deiner großen Liebe“: Premiere im Hans Otto Theater: Heiß geliebte Psychose

von Oliver Dietrich

Amok der Seele. Keine gute Idee, jemandem wie der psychotisch-manischen Isa (Nina Gummich) eine Waffe in die Hand zu geben. Aber keine Angst, benutzen wird sie die nicht: Wer so am Leben hängt wie Isa, braucht nur einen, der zuhört. Und ab und zu ein paar starke Medikamente. Foto: HL Böhme

„Bilder deiner großen Liebe“ wird bei Tobias Wellemeyer zur großartigen Solo-Show für Nina Gummich - und zum herzzerreißend lebensbejahenden Tanz über den Abgrund.

Potsdam - Manchmal fällt Isa einfach in sich zusammen. Als ob sie gleich vor Erschöpfung einschlafen würde, die Knie werden weich, die Augen schwer, weil so eine Flucht vor sich selbst ganz schön schwer ist für eine 14-Jährige. Aber sie kann es einfach nicht, dieses Loslassen: Sie springt auf, rast über die Bühne, ihre Augen leuchten, alles sprudelt aus ihr heraus, weil sie so viel zu sagen hat.

Bis zuletzt hat Wolfgang Herrndorf an seinem Roman „Bilder deiner großen Liebe“ gearbeitet, der in seiner Suchen- und-Finden-Struktur ganz bewusst an „Tschick“ anschließt – bis der Druck seiner Krankheit so groß wurde, dass er darum flehte, dass ihm jemand helfen möge, diese Geschichte zu Ende zu erzählen, bevor der Tod ihn von seiner schweren Krankheit befreien kommt. Am Ende wählte Herrndorf im August 2013 den Freitod, wohl um seinem Hirntumor nicht das letzte Wort zu überlassen.

Das Stück musste einfach bejubelt werden

Sein Roman dagegen blieb Fragment, eine unvollendete Geschichte. Der Dresdner Dramaturg Robert Koall, der mit Wolfgang Herrndorf eng befreundet war, nahm sich der Erzählung an und dampfte sie zu einem Zwei-Personen- Stück bühnentauglich zusammen. Am vergangenen Freitag hatte das Stück in der Inszenierung von HOT-Intendant Tobias Wellemeyer Premiere in der Reithalle – und es konnte, nein: es musste einfach bejubelt werden.

Es ist Nina Gummich, der Neuzugang des Ensembles, die der Figur der Isa mit ihren psychotischen Ausbrüchen und der manischen Verzweiflung eine solche Intensität verleiht, dass man ganz hin und weg ist – eine Nina-Gummich-Solo- Show, die sie als Potsdamer Feuertaufe bravourös meistert. „Verrücktsein heißt ja auch, dass man ver-rückt ist – und nicht bescheuert!“, so geht Isas erster Satz, und aus Nina Gummich sprudelt diese Verrücktheit nur so heraus. Isa ist geflohen, aus der Psychiatrie – ein tragisches Hippie-Mädchen mit blutigen Knien und dem Gitarrenkoffer als einzige Habseligkeit, eine, die ihre Geborgenheit in der Freiheit sucht. Jetzt hat sie ihre letzte Tablette genommen und beschließt, von nun an geheilt zu sein. Sie könnte endlich frei sein – aber so ganz klappt das nicht, wenn man der Erschöpfung trotzen muss, weil man ständig angetrieben wird: „Manchmal weiß ich nicht, ob ich renne, weil ich Angst hab, oder ob ich Angst hab, weil ich renne“, sinniert sie in ihrer Hyperaktivität vor sich hin.

 „Man ist verrückt, weil man etwas verstanden hat“

„Du bist ja völlig meschugge“, sagt der Mann im Bademantel (René Schwittay) zu ihr. Er ist der Gegenpol, und wenn Gummich hyperventiliert, redet Schwittay wie in Zeitlupe. In seinem Charakter verschmelzen mehrere Figuren, und doch gibt Regisseur Tobias Wellemeyer ihnen nur eine Stimme, sei es die des tiefsinnigen Binnenschiffers, der vielleicht auch ein gescheiterter Bankräuber ist, oder die des melancholischen Schriftstellers – Schwittay fungiert als „der Mann“ als väterlicher Beschützer, als mahnende Stimme im Kopf, und am Ende vielleicht auch als Autor selbst – man weiß es nicht so genau, muss es aber auch nicht wissen.

Die Gewalt dieses Stückes liegt nicht nur in der bildreichen Sprache, die wie in einem Bewusstseinsstrom aus Isa hinaus drängt: „Weiter durch diesen Sarg aus Sternen“, herrscht sie den Himmel an, spricht ihre Monologe ins Publikum und reicht auch ihr Handy herum, damit man sich die Bilder ansehen kann. Nein, die Gewalt wabert schon durch die Szenerie, diese sterile Atmosphäre einer Nervenklinik (Bühne: Matthias Müller), deren einzige Wärme die Beleuchtung des Medizinschranks ist, hinter dessen Glastür sich die Medikamente stapeln und auf den Isa immer wieder klettern wird. Und immer wieder resigniert sie vor der Diagnose der Verrücktheit: „Man ist verrückt, weil man etwas verstanden hat“, erklärt sie sich selbst. Diese verdammten Stimmen im Kopf bekommt sie damit dennoch nicht zum Schweigen.

Dem Leuchten des Medizinschranks ausgesetzt

Sie in dieser Atmosphäre erzählen zu lassen, das ist eine perfide Gemeinheit, annulliert sie doch die Flucht aus der Anstalt: Isa bleibt Gefangene in ihrem eigenen Kopf. Egal wie weit sie rennen mag, dem Leuchten des Medizinschranks wird sie immer ausgesetzt sein.

Tobias Wellemeyer inszeniert das Stück atmosphärisch und dicht, mit ruhiger, besonnener Hand, das nervöse Überquellen bleibt einzig und allein Nina Gummich überlassen, die nur von der sphärischen Musik von Marc Eisenschink gebremst wird, ein Sonnenuntergangs- Soundtrack, der nie ganz verschwindet, sondern immer unaufdringlich vor sich hin dudelt.

„Das Glück macht nie so glücklich wie das Unglück unglücklich“, sagt der Mann im Bademantel einmal. Aber wenn ein Unglück so herzzerreißend lebensbejahend wie in diesem Stück dargestellt wird, möchte man dieses verlogen schillernde Glück zur Hölle wünschen.

Nächste Vorstellung von „Bilder deiner großen Liebe“ am Samstag, 30. Januar, um 19.30 Uhr in der Reithalle, Schiffbauergasse

 

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