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  • 28.11.2015
  • von Oliver Dietrich

10 Jahre Kuze: Abschließend stark gealtert

von Oliver Dietrich

Trotz gelegentlicher Störung der Nachtruhe noch da. Das studentische Kulturzentrum mitten in der Potsdamer Innenstadt hat in den vergangenen Jahren mit jeder Menge Widrigkeiten zu kämpfen gehabt. Zum verbissenen Verteidiger der Subkultur ist es dennoch nicht geworden – dazu haben alle Beteiligten einfach zu gute Laune. Fotos: Andreas Klaer, Studentisches Kulturzentrum Kuze

Ein bisschen leise: Das studentische Kulturzentrum Kuze feierte an diesem Wochenende seinen zehnten Geburtstag. Mit seiner Subversivität protzen musste es noch nie.

Zehn Jahre können eine verdammt lange Zeit sein – oder so schnell vergehen, dass man kaum mitbekommt, dass eine ganze Dekade vorüber ist. Manchen Dingen würde man zehn Jahre Bestand auch gar nicht zutrauen. Und dann sind sie doch unerschütterlich da und erfreuen sich bester Gesundheit, gerade weil sie Energie daraus beziehen, dass immer ein Damoklesschwert über ihnen hängt.

Vielleicht ist das studentische Kulturzentrum Kuze, das am Wochenende seinen zehnten Geburtstag feiert, eines dieser seltenen Dinge, die öfter mal knarren und knirschen müssen, damit man sie bemerkt. Weiß Gott hat gerade dieses Objekt in der Hermann-Elflein-Straße 10 genug unter dem Status gelitten, eine dieser letzten Inseln in der Innenstadt zu sein, die sich der Veränderung um sie herum widersetzen. Ohne dabei eine vorwurfsvolle, grimmige Visage aufzusetzen – wir sind noch da, uns kriegt ihr hier nicht weg –, dieser ganze unbeugsame Trotz steht dem Kuze einfach nicht. Es ist einfach da, es läuft gut, es hat genug Bedeutung, um durch entspannte Bescheidenheit strahlen zu können.

Weder Pinte noch Flirtbörse

Wie viele gute Geschichten beginnt auch die vom Kuze mit dem Epilog, dass früher alles ganz anders war. Gut, zehn Jahre sind zwar noch zu jung, um zum alten Eisen des Potsdamer Aufbruchs zu gehören, wie es das Archiv oder die Dortu65 tun. Aber den Ruf einer erschwinglichen Studentenpinte, in der das Bier in Strömen fließt, hat das Kuze lieber an das Pub à la Pub abgetreten – das sichert so das Überleben. Auch eine Flirtbörse wie der Nil-Club ist das Kuze nie gewesen, wer die „Kultur“ im Namen trägt, hat einen gewissen Ruf zu verlieren. Mittlerweile haben dort so viele Veranstaltungen stattgefunden, dass an diesem Wochenende ein Kuze-Pullover demjenigen winkt, der der genauen Zahl beim Schätzen am nächsten kommt.

Dabei hatte das Kuze vor zehn Jahren nach monatelangen Rangeleien um ein passendes Objekt und um Fördergeld vor allem mit dem Gegenwind der Studierendenschaft an der Potsdamer Uni zu kämpfen: In den Augen von Grün-Alternativer Liste (GAL) und dem Ring Christlich-Demokratischer Studenten (RCDS) war das Objekt, das unter dem Regiment der Offenen Linken Liste (oll) durchgesetzt wurde, ein Sammelbecken linker Chaoten, die sich eine alles ausschließende Trutzburg errichten wollten. Hochschulbeef gab es reichlich: Kuze-Referent Christian Kube (oll) „bedachte einen GAL-Abgeordneten mit den Worten ,Du Hoschi!’ und ergänzte das mit einem erhobenen Mittelfinger“, liest man in einem Protokoll der Sitzung des Studierendenausschusses. Der RCDS stellte kurzerhand mit Clas Hasslinger einen Referenten ins Kuze ab, ein souveräner Typ, der auch mal im Anzug ins Kuze kam – und von dem eher erwartet wurde, dass er den Laden infrage stellen würde. Aber nichts dergleichen, Hasslinger machte einfach mit, packte an und schrieb schließlich als letzten Satz in den Rechenschaftsbericht: „Und abschließend bin ich stark gealtert.“ Ein Satz, der bei den Machern des Kuze heute noch für Gelächter sorgt – und der Beginn des Burgfriedens war.

Statt Punkrock gibts jetzt eine Anwohner-Hotline

Der nächste große Schlag kommt dann 2012: Der Besitzer des Kulturzentrums, eine Firma aus dem Umfeld des Berliner Immobilienunternehmers Dietrich Garski, ist insolvent – der auf 25 Jahre geschlossene Mietvertrag enthält dadurch ein Sonderkündigungsrecht. Zwar gibt es eine kulturelle Bindung für das Objekt, das mit öffentlichen Mitteln gefördert wurde – aber eine Zwangsversteigerung würde in dieser exponierten Innenstadtlage zweifellos Investoren anziehen. Während die Kuze-Macher noch zittern, bereitet das Potsdamer Studentenwerk schon den Kauf vor. Das Kuze rettet sich mit dem Trocknen der Tinte auf dem Kaufvertrag.

So Punkrock wie zu den Anfangszeiten ist das Kuze längst nicht mehr. Zeiten ändern sich. Heute gibt es ein „Sorgentelefon“, dessen Nummer alle Anwohner haben, falls es doch mal zu laut wird, ein Trennzaun auf dem Hof sorgt dafür, dass sich keine größeren lauten Gruppen bilden, und die Konzerte enden und beginnen meistens rechtzeitig.

Der freie Eintritt wird hart verteidigt - und wenig gewürdigt

Aber, und das ist eben die andere Seite, immerhin gibt es jetzt jeden Abend eine Tresenschicht, die den Laden schmeißt. Das war nicht immer so, noch vor zwei Jahren hatte das Kuze plötzlich den Ruf, ein weiteres Feldbett in einer Schlafstadt zu sein – das Licht blieb oft abends aus, die Kneipe zu. Immer weniger hatten Lust, sich abends noch unbezahlt an den Tresen zu stellen, oft haben Bachelor-Studierende auch gar keine Zeit mehr dazu. Für Engagement und Ehrenamt sind tendenziell schlechte Zeiten angebrochen. Und auch im Kuze merken sie, dass der so eisern verteidigte freie Eintritt gar nicht für mehr Besucher sorgt: Was nichts kostet, kann auch nichts wert sein, scheinen viele zu denken. Es ist eine komische Welt geworden, in der der Mainstream auf die Brieftasche schielt.

Ins Stocken gerät inzwischen trotzdem nichts mehr, auch wenn keine Freiwilligen die Türen des Kuze einrennen, gibt es derzeit ausreichend Ehrenamtler. Und manchmal wird eine Tresenschicht auch zum Erfolgsrezept: Den „Rock’n’Roll-Tresen“ von Michael Schallert, Steffen Brumme und René Dohrmann gibt es seit drei Jahren an einem Samstag im Monat, und jedes Mal ist das Kuze voll, oft bis an den Rand der Kapazitäten – dann müssen eben Stars wie die Berliner Band Rotor unter falschem Namen spielen, um den Abend unter Kontrolle zu halten.

Die Bands kommen alle gern wieder, heißt es, auch wenn man im Kuze kaum was verdienen kann. Dass das so ist, liegt aber vielleicht gar nicht an der Organisation, am Charme, an der Herzlichkeit – sondern einfach am Essen. „Fuddern wie bei Muddern“ heißt das Rezeptheft, das es zum zehnjährigen Jubiläum gegen eine Spende geben wird und das Rezepte wie Rotkohl-Buletten und vegane Tote Oma enthält. Angeblich bringen manche Bands ihre Tupper-Dosen mit zum Konzert. Aber vielleicht ist das ja auch nur eines dieser Gerüchte, die nach so vielen Jahren einfach entstehen müssen.

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