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  • 12.11.2015
  • von Grit Weirauch

Der Kahlschlag im Film

von Grit Weirauch

Das Filmmuseum Potsdam zeigt ab heute in seinem Foyer die Ausstellung „Gestört, verhindert, zensiert – Die verbotenen Filme der Defa 1965/66“. Zu sehen sind erstmals auch alle erhaltenen Filme

Es sollte das Jahr des Kahlschlags für den DDR-Film werden. 1965 herrschte Aufbruchstimmung in Ost wie in West, eine neue Welle an Revolutionärem ergriff die Kulturszene in west- wie osteuropäischen Ländern. Nur die DDR erlegte ihren Künstlern absoluten Stillstand auf. Es war das Jahr des 11. Plenums des Zentralkomitees der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands und damit das Ende jeglichen Keims künstlerischer Freiheit. Im Dezember tagte das Plenum: Neben Berichten über rowdyhafte Jugendliche gab es Einschätzungen der Parteiobersten vor allem zu Filmen und Theaterstücken, viele der Urheber wurden wegen ideologischer Verwilderung angeprangert. Noch im gleichen Jahr fielen so viele Filme wie nie zuvor und nie danach in der Geschichte der DDR der Zensur zum Opfer.

Das Filmmuseum Potsdam eröffnet anlässlich des einschneidenden Ereignisses vor 50 Jahren am heutigen Donnerstag seine Foyerausstellung „Gestört, verhindert, zensiert – Die verbotenen Filme der Defa 1965/66“. Dazu begleitend zeigt das Kino im Marstall in den kommenden Monaten alle erhaltenen Filme in von der Defa-Stiftung zumeist neu restaurierten Fassungen. Die letzte umfassende Schau zur Filmzensur 1965 liege inzwischen 25 Jahre zurück, sagt Museumschefin Ursula von Keitz. Auch die wissenschaftliche Aufarbeitung ruhte eher in den letzten Jahren.

Dabei sind diese Filme aus den Jahren 65/66 ein durchaus bemerkenswertes Stück DDR-Filmgeschichte: Schließlich entstanden sie, wie Ursula von Keitz sagt, auf einem „liberalen Teppich“. Sowohl im Defa-Studio als auch im Ministerium hatten liberal und offen Gesinnte das Sagen. Die nach dem Mauerbau propagierte nach innen gerichtete Beschäftigung fassten viele Filmschaffende allerdings anders auf als von den politisch Mächtigen gemeint: „Wir haben eine Reihe von Regisseuren, die sich die Freiheit herausnehmen, eminente Probleme im Land zu thematisieren“, sagt Ursula von Keitz. Seien es Konflikte in den Betrieben – wie in den Filmen „Der Frühling braucht Zeit“ von Günter Stanke bis hin zu dem Klassiker „Spur der Steine“ von Frank Beyer. Oder aber die Rolle der Schule und das Lernen nach Plan: So etwa der Streifen „Denk bloß nicht, ich heule“ über einen kurz vor dem Abitur stehenden Jugendlichen, der von der Schule verwiesen wird. Die Stellung des Künstlers zur Macht thematisiert der Regisseur Ralf Kirsten in seinem Film „Der verlorene Engel“ über den Bildhauer Ernst Barlach und zog damit ebenfalls den Zorn der Parteiobersten auf sich.

Doch nicht nur thematisch missfielen die Filme jenen Jahres der DDR-Führung, sondern auch ästhetisch. Kein Wunder, orientierten sich doch auch hierzulande junge Regisseure in der Bildsprache und der Erzählform an der französischen Nouvelle Vague oder ihrem tschechischen Pendant, der Neuen Welle. Besonders einschneidend war die Zensur bei dem Film „Fräulein Schmetterling“ von Kurt Bartel nach dem Drehbuch von Christa Wolf. „Der Film ist nicht wirklich zu rekonstruieren“, sagt Ursula von Keitz. Die Tonspur fehle komplett, es liege nur eine Rohschnittfassung vor. Der Film „Ritter des Regens“ schaffte es nicht einmal mehr bis zum Schnitt. Einige Szenen in diesem Abschlussfilm der Regiestudenten Dieter Roth und Egon Schlegel sollten im Studio der Defa gedreht werden, doch dort verweigerte man ihnen schlicht den Zutritt. Die bereits gedrehten Szenen gelten als verschollen.

Insgesamt zwölf Filme wurden im Jahr 1965 zensiert und nicht aufgeführt. Im Jahresplan der Defa waren 16 Produktionen vorgesehen. „Das ist ein Riesendrama für die Defa als Betrieb“, resümiert Ursula von Keitz die wirtschaftlichen Folgen dieses Kahlschlags.

Die Ausstellung zu den Filmen erarbeiteten Studierende der Filmuniversität Konrad Wolf innerhalb eines Jahres. Die 22- bis 23-Jährigen befassten sich intensiv mit den einzelnen Filmfassungen und Dokumenten, die dem Museum in seiner Sammlung vorliegen. Die Studierenden sind allesamt Nachwendekinder, die „unvoreingenommen und unwissend an die Filme herangegangen“ seien, so die Museumschefin. Auch die Ausstellungstexte stammten von ihnen. Doch der Raum des Foyers ist arg begrenzt, die Auswahl höchst selektiv. Leider wirken denn auch die zweifelsohne spannenden Dokumente gedrängt und wenig einladend, sich so ausgiebig mit ihnen zu befassen, wie das Thema es verdient hätte.

Eröffnung der Fotoausstellung mit begleitender Filmreihe heute Abend um 19 Uhr im Filmmuseum Potsdam, Breite Straße 1 a

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