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  • 23.10.2015
  • von Theresa Dagge

Erinnerungen an Konrad Wolf im Filmmuseum Potsdam: Solo Konni

von Theresa Dagge

Im Geiste anwesend. Schauspielerin Renate Krößner hätte am Mittwochabend im Filmmuseum sicher lieber den echten Konrad Wolf am Arm gehalten. Foto: Manfred Thomas

Am Dienstag wäre Konrad Wolf 90 Jahre alt geworden. Im Filmmuseum erinnerten sich Drehbuchautor Wolfgang Kohlhaase und Schauspielerin Renate Krößner an den Defa-Regisseur.

Eine maulfaule Samtpfote sei er gewesen, sagt Renate Krößner über Konrad Wolf, dem wohl wichtigsten Regisseur der Defa, der am Dienstag 90 Jahre alt geworden wäre. In Zusammenarbeit mit Studenten der Filmuniversität Babelsberg (HFF) feierte das Filmmuseum Potsdam am gestrigen Abend seinen Geburtstag. Krößner, die in Wolfs letztem Film „Solo Sunny“ die unangepasste Schlagersängerin Ingrid Sommer verkörperte, ähnelt ihrer Rolle durchaus: Ehrlich, direkt und frei Schnauze erzählt sie im Gespräch mit Radioeins-Filmkritiker Knut Elstermann und Drehbuchautor Wolfgang Kohlhaase von der Arbeit mit Konrad Wolf, den Kohlhaase in alter Vertrautheit Konni nennt.

Michael Schenk, Lehrkraft für besondere Aufgaben an der Filmuniversität Babelsberg, stimmte mit einer sorgsam komponierten Kollage aus Tonspuren aus Wolfs Filmen in den Abend ein – er selbst nennt es „Hörfilm mit Livemusik“. Noch mehr „live“ boten die Studenten der HFF: Sie interpretierten Lieder aus Wolfs Werken, die beeindruckend intensiv im voll besetzten Kinosaal nachklangen.

Den Höhepunkt des Abends bildete jedoch – abgesehen vom Film „Solo Sunny“ – das Gespräch zwischen Elstermann, Krößner und Kohlhaase. Mit viel Witz sprachen sie über Wolf, der seinen Schauspielern gern freie Hand ließ und Krößner mit einem gemachen „Na, dann machen Sie mal, Renate“ zum selbstbestimmten Spiel aufforderte.

Selbstbestimmt ist auch die Protagonistin Sunny, die ihren bürgerlichen Namen samt Schürzenkleid an den Nagel gehängt und gegen High Heels und Jeans eingetauscht hat. Singen will sie und Ruhm ernten, wobei sie zu ihren Mitmenschen ein doch recht gespaltenes Verhältnis pflegt: „Meinen größten Erfolg habe ich immer dann, wenn ich jemandem die Meinung sage. Ich glaub, ich muss nur wissen, dass mich jemand haben will“, sagt sie.

Als „gemachte Außenseiterin“, sieht Krößner sie, als eine, die sich nicht in eine gesellschaftlich linientreue Form pressen lassen will. Kohlhaase bringt „Solo Sunny“ auf die einfache Formel: „Habe eine besondere Idee von dir selbst, und schon beginnt der Ärger.“

Im Grunde sei „Solo Sunny“ aber kein politischer Film gewesen. Drehbuchautor Kohlhaase war ihr Charakter deutlich wichtiger als eine Regimekritik. Politisch sei es aber natürlich trotzdem geworden – über die Reaktionen der Zuschauer. Und auch für Renate Krößner war die subversive Kraft des Stoffs nicht zu überlesen: „Das war die reinste Rebellion, die da aus den Seiten schlug“, sagt sie, als Elstermann fragt, ob sie gefürchtet habe, dass der Film durch die restriktive DDR-Kulturpolitik nicht in den Kinos gezeigt werden dürfte. Doch gegen das Kaliber Kohlhaase und Wolf wäre die zensurwütige Obrigkeit wohl gar nicht erst angekommen.

Und zwar nicht bloß, weil Wolf so populär war, sondern auch, weil sein einwandfreier Lebenslauf keinen Zweifel an seiner Treue zum Sozialismus zuließ: Gleich zu Beginn des Zweiten Weltkriegs emigrierte er mit seinen Eltern nach Moskau, wo er die russische Staatsbürgerschaft annahm. Mit 17 Jahren trat er in die Rote Armee ein und gehörte 1945 zu den Truppen, die Berlin befreiten, was er in seinem Film „Ich war 19“ verarbeitete. Später engagierte er sich für die Gesellschaft – als langjähriger Präsident der Akademie der Künste in der DDR. Auch wenn das nicht bedeutete, dass Wolf sich dem Regime anbiederte. Vor allem in seinem Spätwerk schlug er zunehmend kritischere Töne an.

Doch – und das beweist „Solo Sunny“ auf überzeugende Weise – fruchtet Kritik oftmals besser mit Humor. So wird gegen Sunny bei den Behörden offiziell Beschwerde eingereicht wegen „lauter Musik, Männerbekanntschaften und Tauben im Schrank“. Das Absurde in Kohlhaases Dialogen entlarvt die spießbürgerliche Kleinlichkeit ihrer Mitmenschen, die in Sunny eine Gefahr für ihr eigenes geordnetes Lebensmodell sehen.

Und absurd wird es häufig. Das stellt auch Christine Handke, Mitarbeiterin des Filmmuseums Potsdam, Mitorganisatorin des Abends, in einem sehr persönlichen Grußwort fest. „Wie reden die denn da?!“ habe sie sich mit ihren vom Westen genormten Sehgewohnheiten damals gefragt, als sie anfing, Konrad Wolf-Filme zu schauen. Doch Wolfgang Kohlhaase bringt es auf den Punkt: Er schätze an Charakteren vor allem die „merkwürdigen Schönheiten und Pausen“. Und so brachten Wolf und Kohlhaase mit der Figur der Sunny, gerade aufgrund dieser Merkwürdigkeiten, einen sehr progressiven Frauentyp auf die Leinwand.

Eine weibliche Hauptfigur so kompromisslos unabhängig von Männern in den Vordergrund zu stellen, ist heute doch leider eher selten. 

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