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  • 22.10.2015
  • von Steffi Pyanoe

Das Neue Globe Theater spielt Schillers „Räuber“: Wenn alles zu spät ist

von Steffi Pyanoe

Böse. Kai Schrickel spielt „Karl“. Foto: promo

Die moralisch Makellosen inspirieren selten – die Unangepassten dafür umso mehr. So war es schon zu Schillers Zeiten: „Zur Geschichte des menschlichen Herzens“ hieß die Erzählung, die der Schriftsteller Schubart seinem Besucher mitgab. Friedrich Schiller hatte ihn auf der Festung Hohenasperg, wo Schubart, der unbequeme Störenfried, vom Landesvater eingebuchtet worden war, besucht. Der junge Schiller griff Schubarts Stoff auf und machte daraus sein erstes Theaterstück: „Die Räuber“. „Geschichte des Herzens“ wäre ein guter Untertitel gewesen. Denn Schiller, damals noch Regimentsarzt, versucht, die Entwicklung der Figuren, die das Gemetzel auf der Bühne verantworten, psychologisch zu erklären.

„Das Böse in Franz ist demnach die Folge von Liebesentzug. Weil der Vater den hässlicheren seiner beiden Söhne vernachlässigte. Ich meine, es ist so nicht erklärbar. Der Vater liebt beide Söhne gleich, trotzdem werden sie zu Terroristen – der eine zu Hause, indem er fast den Vater umbringt, der andere draußen in der Gesellschaft, immer in der Meinung, es treffe schon die Richtigen“, sagt Kai Frederic Schrickel. Der Schauspieler ist Mitglied des erst in diesem Jahr gegründeten Neuen Globe Theaters, das nun „Die Räuber“ auf die Bühne bringt. Am Freitag ist Premiere im T-Werk.

Schrickel spielt hier einen der beiden Brüder, Karl, der traditionell der Sympathieträger im Stück ist, ein spröder Held, zunächst Draufgänger, dann verlorener Sohn, der erst bei der Rückkehr nach Hause angesichts der schlimmen Zustände, die er dort vorfindet, durchdreht. Karl, das Opfer. In Potsdam lässt Schrickel seinen Karl, der, nachdem er selbst seine geliebte Amalia umgebracht hat, auch sich selbst tötet, dramatischer, bewusster scheitern. Weil er erkennt, dass es keinen Ausweg gibt. „Er kommt nach 18 Jahren zurück, da ist es einfach zu spät für einen Neuanfang, mit um die 50. Er schließt die Augen und sieht all die Morde, die er begangen hat, mit der Räuberbande, zum Teil mit seinen eigenen Händen“, sagt Schrickel. „Wie soll man da eine Familie gründen?“Anders als bei Schiller kommt es in der Inszenierung von Andreas Erfurt zu einer kurzen Begegnung von Karl und Franz. Beide gescheitert und am Ende. „Ich habe genauso viel Scheiße gebaut wie du“, sagt Karl zu Franz. Trost? Annäherung? Oder ein Versuch, das Schlimmste noch abzuwenden?

Die Potsdamer New Globe Theater-Truppe ist aus dem Ensemble von Shakespeare und Partner Berlin hervorgegangen und spielt in der Tradition des Theater Shakespeares, als man sich endlich von starren Regeln löste. An die Stelle der höfischen Bühne trat das Globe Theater, eine offene Bühne in einer frei zugänglichen Halle. „Die Zuschauer standen Fischbrötchen essend und rauchend daneben und schauten zu. Für einen Penny Eintritt gab es ein lebensnahes, pralles Theatererlebnis“, sagt Schrickel, Schauspieler, Regisseur und Dozent an der Filmschauspielschule Berlin.

Wie im Globe Theater verzichten die Potsdamer auf historische Kostüme, Kulissen und Lichteffekte, die eine Illusion hervorrufen würden. Stattdessen wird die Geschichte ins Jetzt geholt. Schrickel: „Wir haben uns also gefragt: Was würde Karl wohl anziehen, wenn er in den Untergrund geht und Terrorist wird? Und was tragen die zu Hause auf dem Gut des Vaters? Wir haben uns für Trachtenmode entschieden. Das symbolisiert so schön Heimat.“

Um den Zuschauern auf Augenhöhe zu begegnen, wird zudem die Geschichte sehr monologisch erzählt – in Richtung Publikum. „Wir lassen auch das Licht an – man kann sich also gegenseitig sehen“, sagt Schrickel. „Sie sollen alles mit-erleben und mit-denken.“ Auch die Darsteller sind in einem Alter, in dem man ihnen die Geschichte abnimmt. „Amalia“ ist über 50, eine Frau, die fast zwei Jahrzehnte auf den Geliebten gewartet hat. „Man spürt, sie ist alt, in ihrem Leben geht nichts mehr.“ Schrickel hat schon in den 90ern einmal den Karl gespielt. Und sagt: Heute, mit 49 Jahren, geht er anders mit der Rolle um. „Ich kenne jetzt das Gefühl, wenn alles zu spät ist, wenn man spürt, dass man alles verspielt hat.“

Die Sprache bleibt allerdings bewusst original Schiller – der als Sturm und Drang-Dichter immerhin sehr modern, umgangssprachlich und in Prosa anstatt in starren Versen schrieb. Ist das für das heutige Publikum ein Problem? „Man kann Schiller so sprechen, dass man vergisst, dass es Schiller ist. Das ist die Kunst.“ Steffi Pyanoe

Premiere „Die Räuber“ am morgigen Freitag um 20 Uhr im T-Werk, Schiffbauergasse, Karten kosten neun bis 14 Euro. Weitere Vorstellungen am 24. und 25. Oktober sowie am 26., 27. und 28. November.

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