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  • 24.09.2015
  • von Oliver Dietrich

Bullgine: Einmal aufs Meer und wieder zurück

von Oliver Dietrich

Im sicheren Hafen. Die Potsdamer Band Bullgine. Foto: Marcus Müller

Die Potsdamer Band Bullgine veröffentlicht ihr Debüt „Creating Ripples“. Am Freitag ist die Record-Release-Party im Kuze

Was laut wird, beginnt mit einem zarten Rauschen: Wellen, die in einem gleichmäßigen Rauschen auslaufen. Dieser meditative Sog dient nicht nur als Intro, sondern markiert auch den Rahmen, in dem sich die Band auf ihrer ersten EP „Creating Ripples“ bewegt – das Meer als Sehnsuchtsort, die Unendlichkeit des Wassers als kreative Balance. Nun mag der Metaphorik des Meeres ab und an etwas Abgedroschenes anhaften, muss sie doch allzu oft für irgendetwas herhalten. Für die Potsdamer Band, die im Namen schon die Bezeichnung für einen dampfbetriebenen Motor trägt, zu einer Zeit, als Dampfschiffe die Segelschiffe ablösten, passt diese aquatische Bildsprache jedoch perfekt.

Dabei sind die fünf Musiker von Bullgine alles andere als eine Freddy-Quinn-Cover-Band, der man in Hafenkneipen begegnen würde, mögen sie sich selbst auch gern in einer matrosenhaften Ironie darstellen. Musikalisch wird eher eine Postrock-Schiene mit Progressive-Elementen gefahren, die sich in atmosphärischen Geschichten und einem dichtem, verspielten, latent brachialen Sound äußert, der immer wieder von einlullendem Gesang getragen wird.

Am Freitag gibt das Quintett um den Bassisten Marcel Raven, Gitarrist Otto Breit, Mastermind und Leadgitarrist Georg Käppler, Sänger Rainer Schönherr und Schlagzeuger Andreas Schulze ihre Record-Release-Party im studentischen Kulturzentrum Kuze, einem der wenigen kulturellen Hotspots, die sich noch sattelfest in der Innenstadt halten. Der Laden, der für Montagskultur und Rock’n’Roll-Tresen berühmt ist, wurde nicht zufällig gewählt: Die Location stand schon fest, bevor die Aufnahmen fertig auf Band waren.

Keine Überraschung natürlich, dass das Cover des Debüts in Blau gehalten ist, schließlich ist der Blick auf den Ozean Programm. Doch auch das aquafile Songwriting zieht sich wie ein roter – Verzeihung: blauer – Faden durch die sechs Songs, die wieder mit einem Meeresrauschen enden. Ein Konzeptalbum? Als „einmal aufs Meer und wieder zurück“ könne man die EP schon verstehen, sagt Sänger Schönherr. „Wir bedienen uns aber auch der Seefahrt-Metaphorik, um darin aktuelle Themen zu verpacken.“ Hört man das auch?

Und wie: Gleich im ersten Song „Downside Up“ – mit dem Bauch nach oben, was wohl für Fische, Schiffe und Matrosen dasselbe bedeutet – gibt es einen deutlichen Shanty-Einfluss zu hören. Wir verlassen den Hafen und schnell wird aber deutlich, wohin sich das Schiff bewegt: Gleich zu Beginn der Reise wird es dramatisch. Das zweite Stück „The Hullton Mowl-Uffan File“ ist ein akzentuierter, kurzer Song, bei dem der Gesang immer an der Heiserkeit kratzt. Im Track „Sharks“ dagegen stark elegische Elemente, die die Zeit bis zum Zerreißen dehnen – weit weg vom langweiligen Viervierteltakt. Dieses Hymnische passt sich natürlich ins Konzept der Band ein, was bis zum positivistischen, von Dur durchtränkten Songs wie „Alive“ führt, der geradezu popmusikalische Bausteine verwendet.

Dahinter steckt aber auch viel kompositorische Arbeit, etwa beim Schlagzeug, dass darum bemüht ist, nicht zu sehr in den Vordergrund zu geraten, sondern das Zusammenspiel der Gitarren zu stützen. Bullgines Dynamik liegt nicht in den großen, strukturellen Überraschungen: Die Songs sollen sich entwickeln, sollen nachhallen. So entstehe die Musik auch immer lange vor den Texten, außerdem werden die Stücke auf zwei Ebenen komponiert: „Die Songs sind zum einen für den Zuhörer, aber zum anderen auch für Musiker geschrieben“, sagt Bassist Marcel Raven. Musiker hören die Musik nämlich mit einem anderen Ohr.

Ganz so schnell konnte es da auch mit der Aufnahme nicht gehen, die im heimischen Proberaum gemacht wurde, mit bescheidenem Equipment: „4-Kanal analog mit einer abenteuerlichen Verkabelung“, wie Gitarrist Käppler sagt. Allerdings sei man im Proberaum auch nachlässiger als im Studio. Die ersten Aufnahmen entstanden bereits im März 2014, dann ging es Schritt für Schritt weiter, im Mai dieses Jahres waren dann sechs Songs so weit fertig. Und dann der Rückschlag: In den Proberaum der Musiker sowie in benachbarte Räume wurde eingebrochen, mitgenommen wurde nur, was transportabel war und möglichst teuer aussah – der Rest wurde durch die Gegend geworfen, die Gitarren lagen im Raum verteilt herum. Diese Respektlosigkeit sei eigentlich das Schlimmste gewesen, das Equipment sei versichert gewesen – auch wenn der Ersatz bürokratisch ist und noch ewig dauern wird. Die anderen Bands hatten weniger Glück.

Jetzt geht der Blick aber wieder geradeaus, zunächst steht das Konzert an, was nach so viel stickiger Luft im Proberaum ersehnt wird. „Beim Songwriting hat bei uns eine gewisse Routine eingesetzt, aber live haben wir noch Luft nach oben“, sagt Käppler. Das Beste aber sei immer noch, einen Song zum Arbeiten zu haben, gibt er zu. Am Ende wird es die Band also doch wieder in den sicheren Hafen namens Proberaum ziehen.  

 

Record-Release-Party von Bullgine am Freitag, 25. September, ab 20 Uhr im Kuze, Hermann-Elflein-Str. 10. Support gibt es von New Meat, der Eintritt ist frei. 

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