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  • 14.09.2015
  • von Astrid Priebs-Tröger

Seidene Balance

von Astrid Priebs-Tröger

Polnisches Papiertheater für Kinder in der fabrik

Samstagnachmittag: Was für ein Gewusel in der Schiffbauergasse! Theaterfest und Nitka-Festival warben mit Aktionen für Jung und Alt. Diejenigen, die trotz des Sonnenscheins auch den Weg in die fabrik fanden, um mit ihren anderthalb- bis fünfjährigen Kindern „Pan“ oder zu Deutsch „Herrn Satie“ einen Besuch abzustatten, haben es sicher nicht bereut.

Denn Beata Bablinska und Monica Kabacinska vom Poznaner Kindertheater „Atofri“ zeigten im Rahmen des ersten deutsch-polnischen Nitka-Festivals eine sehr poetische Musik-Papiertheater-Aufführung für die Jüngsten. Auch als erwachsener Zuschauer hatte man seinen Spaß. Dazu trug nicht nur die Musik des französischen Komponisten Eric Satie (1842–1903) bei, sondern auch das fantasievolle und leichte Spiel der Hauptdarstellerinnen und die klare Farbästhetik des Ganzen in Weiß, Gelb, Rot und Blau.

Anfangs stand jedoch nur ein altertümliches, weit geöffnetes Piano auf der Bühne, die noch aus einem breiten (Lauf-)Streifen weißen Papiers bestand, an dessen Ende ein Papierschnipselhaufen. Rechts und links davon saß auf dem blanken Boden das Publikum.

Vorsichtig schob sich zuerst der nackte Fuß einer Darstellerin hinter dem Piano hervor, um dieses tastend und dann laut klopfend zu erkunden. Dann erschien sie ganz, zupfte und strich über die Saiten. Schnell war klar, hier nahm eine spielerische Erkundung von Klang und Rhythmus ihren Anfang. Und zwar nicht nur vom Klang von Musik.

Die Geräusche, die Seidenpapier beim Zerknüllen, Zerren oder Zerreißen macht, bildeten einen faszinierenden Gegenpol zur Musik des berühmten Franzosen, dessen klare und kurze Stücke als Vorreiter der Minimal-Music gelten und schon manchen Film untermalten.

Das Papiertheater durchzogen zumeist Live-Piano-Improvisationen, die auf Saties bekannten „Gymnopédies“ basierten. Sie setzten auch die kleinen Episoden in Gang, die zwischen den Darstellerinnen in ihren weißen patchworkartigen Papieroveralls entstanden: Tauziehen und Balancieren, Schwimmen mit und ohne Schiffe, Fliegen oder Ball spielen. Mal waren die beiden Frauen wie Kinder, dann wie Clowns oder Marionetten.

Summa summarum taten sie Dinge, die jüngere Kinder, wenn sie nur Rohmaterial und kein fertiges Spielzeug zur Verfügung haben, auch erfinden und tun. Mit den entsprechenden Geräuschen beim Fliegen beispielsweise, das lautmalend begleitet wurde oder eben immer wieder durch die besondere akustische und haptische Qualität von Seidenpapier.

Am Ende wurden Kinder und Eltern in die Bewegungs-Klang-Performance einbezogen. Alle bekamen Bögen weißen Papiers und durften sich daraus ebensolche Dreispitze wie die beiden Darstellerinnen falten. Was einfach aussah und doch einige Fingerfertigkeit verlangte. Und natürlich konnten sie auch auf der Bühne in dem hoch auffliegenden Papierhaufen toben. Einzelne Fetzen daraus segelten dann genauso träumerisch wie Saties Musik ganz langsam wieder zu Boden.

Schön, dass Theater „Atofri“ im Rahmen des polnisch-deutschen Nitka-Festivals in Potsdam zum ersten Mal zu Gast war. Man hofft, dass dieser erste Kontaktfaden nicht gleich wieder abreißt, sondern gezielt weitergesponnen wird. Denn international sind Beata Bablinska und Monica Kabacinska schon längst kein Geheimtipp mehr. Astrid Priebs-Tröger

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