• 22.09.2012
  • von Martin Gehlen

Rettungsringe für die Revolution

von Martin Gehlen

Die neuen Regierungen im Nahen Osten gehen auf Distanz zu den Ausschreitungen gegen die Mohammed-Veröffentlichungen

Kairo - Seit den frühen Morgenstunden waren die Aktivisten auf den Beinen. Ein roter Rettungsring prangt auf ihren blütenweißen T-Shirts mit der Aufschrift „Rettet Benghasi“. Es ist das Motto einer Freitagsdemonstration ganz anderer Art, zu der zahlreiche Bürgergruppen in der ostlibyschen Hafenstadt aufgerufen haben, die einst das Zentrum des Widerstands gegen Muammar Gaddafi war. „Die Welt soll wissen, Benghasi ist nach wie vor gegen den Mohammed-Film und die Beleidigung des Propheten“, sagt Bilal Bentamer, Jurastudent und einer der Mitorganisatoren. „Aber wir verurteilen die Tötung von Freunden wie dem US-Botschafter Chris Stevens. Und die Welt soll wissen, in Benghasi und Libyen sind die Extremisten nicht in der Mehrheit.“ Tausende Menschen – die meisten ganz in Weiß gekleidet – machten sich am Nachmittag von dem Hotel „Tibesti“ im Zentrum der Stadt auf den Weg zum Shajara-Platz an der Corniche, wo die Rebellen gegen Gaddafi einst ihr Hauptquartier hatten. Vier Forderungen garnieren die roten Rettungsringe auf Hemden und Plakaten – Auflösung aller Milizen, ein Strafgesetz gegen das Tragen von Waffen, Evakuierung aller öffentlichen Gebäude von Bewaffneten sowie Aufbau einer effektiven Polizei und Armee.

Gleichzeitig geht es den Organisatoren aber auch um das Recht auf freie Meinungsäußerung und um Mäßigung der Religiösen. „Wir sind alle Muslime“, erklärt Aktivist Bilal Bentamer. „Diese Leute können nicht einfach den Propheten allein für sich reklamieren.“ Und so wächst in Libyen, aber auch in den beiden anderen Nationen des Arabischen Frühlings, Tunesien und Ägypten, der zivile Widerstand gegen die neuen, radikalen Eiferer. Immer mehr Bürgern wird bewusst, dass die Salafisten religiöse Provokationen wie das Mohammed-Video nutzen, um eine viel weitergehende Agenda durchzusetzen. Ohne Skrupel reklamieren sie die Deutungshoheit darüber, wie künftig die neue arabisch-islamische Welt aussehen soll. Nicht divers, tolerant und offen, wie es die Mehrheit der moderaten Muslime oder Sufi-Gläubigen wünscht, sondern „koranisch“ – mit radikaler Eindeutigkeit und einfachen Parolen, notfalls erzwungen durch Einschüchterung und Gewalt im Namen Gottes.

Und so sah sich Tunesiens Chef der Ennahda-Muslimbruderschaft, Rached Ghannouchi, jetzt erstmals genötigt, auf klaren Konfrontationskurs zu gehen. „Jedes Mal, wenn Parteien oder Gruppen in schamloser Weise auf unserer Freiheit herumtrampeln, müssen wir entschlossen reagieren, hart durchgreifen und auf die öffentliche Ordnung pochen“, zitiert ihn die Nachrichtenagentur AFP. „Denn diese Leute sind nicht nur eine Bedrohung für Ennahda, sondern für die Sicherheit und Freiheit des ganzen Landes.“

Auch in Ägypten blieb es diesmal ruhig. Kein Vergleich zu den Bildern vor einer Woche, als ein vieltausendköpfiger Mob die amerikanische Botschaft bestürmte und sich drei Tage lang Straßenschlachten mit der Polizei lieferte. Gemeinsam erklärten Muslimbrüder und Salafisten, sie würden allen Demonstrationen fernbleiben und sich darauf beschränken, in der französischen Mission ein Protestschreiben gegen die „Charlie Hebdo“-Karikaturen abzugeben. Zu Ruhe und Umsicht mahnte auch der sunnitische Obermufti Ägyptens. „Es ist absolut klar, dass jegliche Gewalt, egal ob sie aus religiösen Motiven oder aus weltlichen Interessen gespeist wird, total zu verdammen ist“, schrieb Scheich Ali Gomaa in einem Essay für den TV-Sender Al Arabiya. Martin Gehlen

  • Erschienen am 22.09.2012 auf Seite 07

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