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  • 15.06.2018
  • von Hussein Ahmad

Flucht und Heimat: Wo bin ich zuhause?

von Hussein Ahmad

Syrien, mal nicht als Kriegsschauplatz gesehen: die Umayyaden-Moschee in Damaskus. Foto: REUTERS

Über die Heimatgefühle syrischer Flüchtlinge in Deutschland - und was das ganze Thema so schwierig und kompliziert macht. Ein Gastbeitrag.

Oft werde ich hier in Deutschland gefragt, was Heimat für mich bedeutet. Eine schwierige Frage für einen geflüchteten Syrer.

Als Kind habe ich in der Schule gelernt, Syrien sei die wichtigste Sache der Welt und immer gleichzusetzen mit einer Person, dem Staatspräsidenten. Bashar Al-Assad sei die Heimat, der Führer, der Schlaueste, der Beste. Niemand durfte dem widersprechen. In den offiziellen syrischen Medien werden die Worte Syrien und Al-Assad immer so kombiniert, als wäre das Land eine Immobilie, die der Herrscherfamilie gehört.

Seit der syrischen Revolution 2011 gibt es jetzt eine neue Interpretation des Wortes Heimat: „Syrien gehört uns, nicht den Assads!“, war ein häufig gehörter Ausruf auf den Demonstrationen. Was aber bedeutet der viel diskutierte Begriff für einen Geflüchteten? Für mich ist Heimat nicht nur da, wo ich geboren wurde, sondern, wo ich mich sicher und wohl fühlen kann, wo ich mich weiterentwickeln kann, wo es viele Möglichkeiten gibt. Damit ist notwendigerweise verbunden, die Sprache des neuen Landes zu beherrschen, soziale Beziehungen mit Menschen aufzubauen, eine Arbeit zu finden und natürlich eine Familie zu gründen. Jeder Geflüchtete hat irgendwie ein Stück seiner Heimat mitgebracht, das können Kleidungsstücke, Bilder oder Erinnerungen sein. Es ist sehr wichtig, das Recht auf Familiennachzug nicht mehr zu bürokratisieren oder zu verhindern. Nur manche haben es geschafft, die Familie mitzubringen. Die Familie aber liegt im Kern des Gefühls einer Heimatzugehörigkeit.

Wie können wir uns also eine neue Heimat in der Fremde schaffen? Wie können wir das Gefühl der Heimat wiedergewinnen? Das kommt nicht automatisch. Die syrischen Communities, die sich in Syriens Nachbarländern und in Europa gebildet haben, können den Prozess erleichtern und die Hoffnung vermitteln, dass man in der Fremde eine neue Heimat gewinnen kann. Allerdings treffen wir hier auch auf Migranten , die schon seit langem hier leben oder sogar hier geboren sind und trotzdem für Deutschland keine Heimatgefühle haben. Dann fragt man sich, wo liegt der Fehler? Mangelnde Integration, Parallelgesellschaften, Diskriminierung, Rassismus oder woanders?

Deutschland könnte stolz darauf sein, wenn seine Bürger zwei Sprachen beherrschen und zwei Kulturen haben

Es gibt natürlich Syrer und andere Geflüchtete, die hier in einer Parallelgesellschaft leben, weil sie keinen Kontakt mit Deutschen suchen. Sie fühlen sich besser in einer syrischen Community. Oder sie wollen nach Syrien zurückkehren – weil sie ihre Familien nicht mit nach Deutschland bringen durften.

Trotzdem finde ich die syrischen Communities in Deutschland sehr wichtig. Sie verbinden Syrer mit Syrern, und natürlich Syrer mit Deutschland, der neuen Heimat. Es ist sehr schade, wenn manche Syrer in Deutschland leben und keine Verbindung mit dem Land und der deutschen Gesellschaft haben. Man sollte nicht in einer Parallelgesellschaft leben, sondern parallel in beiden Gesellschaften: in der syrischen Community und in der neuen deutschen Gesellschaft. Deshalb ist es wichtig, die Muttersprache und die deutsche Sprache parallel zu lernen. Deutschland könnte stolz darauf sein, wenn seine Bürger zwei Sprachen beherrschen und zwei Kulturen haben.

In den vergangenen Jahren wurde über das Thema Heimat viel diskutiert, besonders in Europa, wo viele Parteien, Bewegungen und Gruppen ihre eigene Heimatdefinition haben. Sie sehen nicht Europa als ihre Heimat, sondern nur ihr eigenes Land. Der Begriff wird manipuliert, um rechte und radikale Ziele zu erreichen. Jeder darf auf seine Heimat stolz sein, aber bitte nicht übertreiben! Wegen solcher Theorien und Gedanken haben die Menschen Kriege erlebt und durchlitten. Aber es sieht so aus, als ob sich die Geschichte in den nächsten Jahren in anderer Form wiederholen könnte: als ein Krieg um die Definition der Heimat.

Der Autor (33) ist seit 2013 in Deutschland. Sein Text entstand im Rahmen des Exiljournalisten-Projekts des Tagesspiegels #jetztschreibenwir. Am 16. Juni erscheint eine neue Beilage der Exiljournalisten zum Thema „Heimaten“, am selben Tag findet im Tagesspiegel-Haus, Askanischer Platz 3, ab 17 Uhr eine „Heimaten-Feier“ statt.

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