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  • 14.06.2018
  • von Christian Böhme, Thomas Seibert

Krieg im Armenhaus der arabischen Welt: Schlacht um Jemens Lebensader

von Christian Böhme, Thomas Seibert

Siegesgewiss. Regierungseinheiten versuchen mit Hilfe des von Saudi-Arabien geführten Militärbündnisses, den von Aufständischen kontrollierten Hafen zurückzuerobern. Foto: Nabil Hassan/AFP

Ein von Saudi-Arabien geführtes Bündnis will den Hafen Hudaida von den Aufständischen Huthis zurückerobern. Das dürfte das Leid der Jemeniten vergrößern.

Mit einem Großangriff auf die Hafenstadt Hudaida am Roten Meer hat die bisher größte Schlacht im seit drei Jahren anhaltenden Krieg im Jemen begonnen. Regierungstruppen rücken mit Unterstützung Saudi-Arabiens und der Vereinigten Arabischen Emirate (VAE) auf Hudaida vor, das von den Huthi-Rebellen kontrolliert wird. Berichten zufolge versuchen die Einwohner verzweifelt, Schutz vor den Dauerbombardements zu finden.

Über den Hafen kommen 70 bis 80 Prozent der internationalen Hilfsgüter für den Jemen ins Land. Gleichzeitig dient er aber für Waffenlieferungen aus dem Iran an die Huthis. Gebühren, Steuern und Zölle sind zudem eine wichtige Geldquelle für die schiitische Miliz, die in den vergangenen Jahren große Landesteile und die Hauptstadt Sanaa erobert hatte.

Ein Stellvertreterkonflikt zwischen Iranern und Saudis

Der Konflikt ist längst zu einem Stellvertreterkrieg zwischen den sunnitischen Golfstaaten Saudi-Arabien und VAE auf der einen und den schiitischen Iranern auf der anderen Seite geworden. Die vom saudischen Königshaus und den Vereinigten Emiraten gestützte jemenitische Exilregierung erklärte jetzt: „Die Befreiung des Hafens ist ein Wendepunkt in unserem Kampf, den Jemen von den Milizen zu befreien, die das Land als Geisel genommen haben, um die Pläne ausländischer Mächte umzusetzen.“ Gemeint ist der Iran, dem „die Hand abgehackt“ werden soll.

Im Jemen geht es jedoch nicht allein um regionalpolitische Rivalitäten. Machtkämpfe zwischen diversen Gruppen und Clans sowie Aktivitäten islamistischer Extremisten in Teilen des Landes destabilisieren die Lage zusätzlich. Auch wechseln einige Akteure die Fronten, wenn es ihnen ratsam erscheint.

Rebellen wollen Schifffahrt stören

So kämpfte der frühere Präsident Ali Abdullah Saleh, ein Partner der Saudis, zunächst gegen die Huthis, paktierte später aber mit ihnen. Als sich Saleh Ende vergangenen Jahres wieder von den Huthis abwandte, bezahlte er das mit seinem Leben. Heute führt ein Neffe Salehs eine Elitetruppe beim Angriff auf die Rebellen in Hudaida.

Letztere drohen bereits, als Reaktion auf den Angriff die Schifffahrt auf dem Roten Meer und damit den wichtigen Handelsweg durch den Suez-Kanal zu stören. Die Wasserstraße wird von Öltankern befahren, die Richtung Europa unterwegs sind. Milizenchef Mohammed Ali al Huthi kündigte vor Kurzem erbitterten Widerstand an. „Ich rufe die Einwohner von Hudaida und alle Jemeniten auf, sich den Invasoren entgegenzustellen.“

Die Gefechte dürften die humanitäre Katastrophe im Jemen deutlich verschlimmern. Straßenkämpfe in Hudaida wären eine Gefahr für die rund 500.000 Menschen im Großraum der Hafenstadt; nach einer Schätzung der UN könnte es bis zu 250.000 Tote geben. Im Armenhaus der arabischen Welt sind schon heute mehr als 20 Millionen Menschen auf internationale Unterstützung angewiesen.

Eine Unterbrechung des Hafenbetriebs könnte daher dramatische Folgen für die Versorgung der Zivilbevölkerung im ganzen Land haben. Mehr als acht Millionen Jemeniten leiden bereits unter Hunger. Und es könnten bald noch sehr viel mehr werden, wenn aufgrund der Kämpfe Hudaida nicht mehr als Versorgungszentrum genutzt werden kann. Viele Familien sind auf der Flucht.

Washington liefert der Militärallianz Waffen

Das Vorgehen Saudi-Arabiens und der Vereinigten Emirate – mindestens 5000 Zivilisten sind im Jemen bisher getötet worden – stößt mittlerweile auch beim Bündnispartner USA auf wachsende Vorbehalte. Im Kongress etwa regt sich Widerstand wegen Amerikas Unterstützung für den Krieg gegen die Huthis.

Washington liefert Waffen und hilft beim Betanken von Kampfflugzeugen sowie bei der Auswahl von Angriffszielen. Senatoren und Abgeordnete fordern ein Ende des Krieges und rufen die Trump-Regierung auf, sie solle Saudi-Arabien und die VAE zur Zurückhaltung anhalten.

Allerdings ist unklar, ob die Administration dem folgen will oder kann. Riad und Abu Dhabi spielen in der Nahostpolitik von Donald Trump eine zentrale Rolle; der Präsident hat bisher alles vermieden, was diese Partner verärgern könnte. Auch ist keineswegs sicher, dass sich Saudi-Arabien und die VAE durch amerikanische Einsprüche von ihrem Kurs abbringen lassen.

Vereinigte Arabische Emirate verteidigen das Vorgehen

Schließlich ist der Krieg gegen die Huthi für die Regierungen der beiden Staaten ein Prestigeprojekt, bei dem sie schon aus innenpolitischen Gründen keine Niederlage riskieren wollen.

Ali al Ahmed, Botschafter der Vereinigten Emirate in Deutschland, verteidigt denn auch das Vorgehen des Bündnisses. „Wir unterstützen damit Jemens legitime Regierung. Es geht darum, das Land zu stabilisieren“, sagt der Diplomat im Gespräch mit dem Tagesspiegel.

Der Hafen Hudaida spiele dabei eine wichtige Rolle. Denn es gehe darum, die überlebenswichtige Versorgung der Jemeniten zu gewährleisten. „Die Huthis haben den Menschen die notwendigen Waren vorenthalten. Wir wollen den Hafen befreien, um das Leid der Menschen zu beenden.“ Und man versuche alles, die Einwohner so gut es geht zu schonen.

Die Schlacht um Hudaida könnte bei einem Sieg über die Huthis nach Ansicht des Botschafters auch eine entscheidende Wende im Krieg sein. „Der Konflikt ist nur politisch zu lösen.“

Für den Thronfolger steht einiges auf dem Spiel

Saudi-Arabiens Thronfolger Mohammed bin Salman scheint ebenfalls fest entschlossen, den Kampf um Jemen weiterzuführen. Schließlich steht für den Verteidigungsminister und Befehlshaber der Militärallianz einiges auf dem Spiel.

Zum einen bedeutete ein Rückzug für den 32-jährigen, sehr ehrgeizigen Kronprinzen eine schwere persönliche Niederlage. Schließlich hat er den Feldzug im Nachbarland zu seinem Krieg gemacht.

Zum anderen steht für bin Salman fest, dass dem Iran mit allen Mitteln Einhalt geboten werden muss. Nur: Ein Sieg der Waffen liegt in weiter Ferne.

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