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EURO 2012

  • 13.06.2018
  • von Sven Goldmann

Fußball-WM in Russland: Fußballfest unter strengster Kontrolle

von Sven Goldmann

Gold, was glänzt. Auf dem Roten Platz in Moskau feiern Fußballfans schon Tage vor Beginn der WM mit einer Pokalattrappe. Foto: AFP/Yuri Cortez

Die Fußball-WM in Russland wird bewacht wie kaum ein Großereignis zuvor. Der Staat sendet eine Botschaft auf Straßen und Plätze: Wir haben alles unter Kontrolle. Auch euch.

Am lautesten sind die Mexikaner, am stillsten die Franzosen, aus Kolumbien kommen die meisten Frauen. Und die größte Fahne stellen die Argentinier. So einfach funktioniert Völkerverständigung – mitten in Moskau auf dem Roten Platz, wo sich an diesem frühen Juniabend spontan die Internationale des Fußballfantums trifft. „Alegria!“, rufen die lauten Mexikaner, Freude!, sie tanzen mit den kolumbianischen Frauen, jetzt tauen auch die stillen Franzosen auf, die Argentinier schwenken ihre himmelblauweiße Fahne, und von hinten kommen ein paar neugierige Russen dazu.

Alles wie immer bei einem großen Fußballturnier. Doch links und rechts neben der internationalen Feiergesellschaft stehen auch Männer in dunkelblauer Uniform, davor und dahinter auch. Sie sind allgegenwärtig, auf dem Roten Platz und vor dem Bolschoi-Theater, auf den Fanmeilen und überall sonst, wo die Fußballwelt in den kommenden Wochen zu Besuch sein wird. Die russische Party steigt unter der Kontrolle von Schlagstöcken und Maschinenpistolen.

Am Donnerstag eröffnen die Mannschaften aus Russland und Saudi-Arabien in Moskau die Weltmeisterschaft. Es ist die 21. in der bis 1930 zurückreichenden Geschichte und die erste im Osten Europas. Die Russen haben sie nicht unumstritten bekommen, und viele hätten sie ihnen ganz gern wieder weggenommen. Wie 1980, vor den Olympischen Spielen in Moskau, streitet die Welt darüber, ob sie ein Fest des Friedens feiern darf, obwohl die Gastgeber nicht so weit weg Bomben werfen.

Damals fielen sie auf Afghanistan. Diesmal geht es um den Krieg in Syrien und in der Ost-Ukraine, um die Annexion der Krim, um Morde an systemkritischen Journalisten, die Unterdrückung von Homosexuellen. Und immer geht es natürlich auch um Putin, Putin, Putin. Den Mann, der sich gern mit freiem Oberkörper ablichten lässt, beim Eishockey, auf dem Rücken eines Pferdes oder am Steuer eines Lkw. Nun, direkt auf dem Platz vor dem Kreml, sozusagen vor den Augen des russischen Präsidenten, stehen seine Staatsdiener mit Schlagstöcken nahe den Feiernden.

Militärische Präsenz ist von sportlichen Großereignissen nicht mehr wegzudenken. Die Brasilianer schickten zu Olympia 2016 und zur Fußball-WM 2014 ein Großaufgebot auf die Straßen, weil dort das eigene Volk gegen soziale Missstände protestierte. Bei der Fußball-Europameisterschaft in Frankreich wachte das Militär über mögliche Attentäter des Islamischen Staates. Diese Bedrohungslage herrscht längst weltweit, im Sommer 2018 auch in Russland.

Gläserne Touristen

Aber weder in Brasilien noch in Frankreich standen auch die unbedarfte und Spaß suchende Schar der Touristen unter ständiger Beobachtung. Das ist neu in diesem russischen Sommer. Die jungen Waffenträger mit den raspelkurzen Haaren senden eine Botschaft an alle auf den Straßen, Plätzen, in den Stadien. An die Allgemeinheit. Die Botschaft lautet: Wir haben alles unter Kontrolle. Auch euch.

Russland hat sich zur WM den gläsernen Touristen bestellt. Wer Spiele im Stadion verfolgen will, braucht zwar kein Visum, muss aber vorher eine so genannte Fan-ID beantragen. Und dafür allerlei persönliche Details preisgeben. Wozu brauchen die Russen private E-Mail-Adressen und Handynummern? Niemand weiß, was mit diesen Daten passiert. Ob sie etwa an den russischen Geheimdienst weitergereicht und zum Erstellen von Bewegungsprofilen genutzt werden.

Bahnhöfe, Metrostationen und Hotels stehen unter permanenter Bewachung. Immer mal wieder werden Reisebusse auf offener Straße angehalten und durchsucht. Wer bei Personenkontrollen nicht seinen Reisepass und einen Nachweis der behördlichen Registrierung vorlegen kann, hat ein ernsthaftes Problem. Noch ruppiger fällt der Umgang des Staates mit den eigenen Landsleuten aus. Die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch merkt in einem zur WM herausgegebenen Buch über Russland an: „Seit 2012 hat sich die allgemeine Menschenrechtslage dramatisch verschlechtert.“

Verträgt sich das mit einem Fest der Freude? Wer in Russland nachfragt, bekommt die zu erwartenden Antworten. Nationalisten verurteilen alle WM-Gegner als Vaterlandsverräter. Dissidenten preisen jeden westlichen Politiker, der demonstrativ zu Hause bleibt. Fußballfans freuen sich auf Messi und Ronaldo. Der breiten Masse ist alles egal. Was aber denkt das moderne Russland? Was denken die jungen Frauen und Männer, die in Moskau zu Hause sind wie in der Welt, unverdächtig, sich ihre Meinung allein durch staatlich gelenkte Medien zu bilden?

Eine Begegnung in einem Café am Nowy Arbat, einer Straße, die sich jeder einmal anschauen sollte, der denkt, Berlin habe ein Verkehrsproblem. Zwölf Spuren, die Tag und Nacht voll sind. Zarina Zarakowa hat Weißwein bestellt. Eine große und schlanke Frau mit wilden Locken. Sie ist 28 Jahre alt, spricht Englisch und Spanisch, arbeitet als Marketing-Managerin in einem internationalen Konzern. Am nächsten Tag muss sie nach Berlin fliegen. „Was wollen Sie wissen?“

Also gut. Wladimir Putins Russland wird im Westen oft auf den Krieg in Syrien reduziert, den Einmarsch auf der Krim, die Anti-Schwulen-Gesetze, die Unterdrückung der Opposition. Wie lebt es sich in einem Land, das eher eine Diktatur ist denn eine Demokratie?

Nichts dem Zufall überlassen

Zarina Zarakowa lächelt ein spöttisches Lächeln, es sagt in etwa: Ach, ihr Deutschen, ihr versteht uns einfach nicht! Ihr mit euren akademischen Diskussionen! Dann formuliert auch sie Sätze, wie man sie in Russland oft zu hören bekommt: „Ich glaube nicht, dass Demokratie das richtige System für so ein großes Land wie Russland ist. Unser Land braucht Kontrolle und eine strenge Hand, um die Freiheit zu beschränken, wo es notwendig ist.“ Und: „Glauben Sie mir, wir Russen fühlen uns nicht unterdrückt, wir sind alle zum selbstständigen Denken in der Lage.“

Zarina Zarakowa ist mit Anfang Zwanzig aus dem Nordkaukasus, aus Nord-Ossetien nach Moskau gekommen. Sie weiß, was die Menschen in der Abgeschiedenheit der Provinz denken und die in den Großstadt-Büroetagen der Start-ups. „Jeder hat seine eigene Wahrheit“, sagt sie. „Eure Medien haben einen starken Einfluss auf das, was in den Köpfen der Menschen vorgeht. Wenn sie Russland zum Bösen der Welt erklären, dann gibt es eine große Mehrheit, die das wohl glauben wird.“ Noch ein spöttischer Blick.

Wer in diesen Tagen durch die russischen Weiten reist, erlebt ein Land, das nichts dem Zufall überlässt. Zwischenfälle sind nicht vorgesehen in der offiziellen Choreografie. „Diese WM kann und wird die Sicht auf Russland verbessern“, sagt Zarina Zarakowa. „Wir sind talentiert und können Veranstaltungen in so einem großen Maßstab ausführen. Und wir werden damit auch unsere Kultur, unsere Freundlichkeit und Gastfreundschaft demonstrieren.“

Das klingt schwer missionarisch und wird doch im ungezwungenen Plauderton vorgetragen. Draußen rauscht der Verkehr über den Nowy Arbat, Zarina Zarakowa bestellt noch ein Glas Wein, vergisst die Zeit, lacht und gestikuliert. Nein, diese Frau trägt keine auswendig gelernten Phasen vor. Die Frau erzählt nur, was ihr durch den Kopf geht, auch so schwülstig anmutende Sätze wie: „Wir wollen hier die ganze Welt vereinigen!“

Es geht bei dieser Weltmeisterschaft nicht nur um Fußball, einen Sport, dem die Russen sich nicht annähernd so verschrieben haben wie dem Eishockey. Als der Nationalheld Alexej Owetschkin vor ein paar Wochen die Washington Capitals zum Gewinn des Stanley Cups – der wichtigsten Eishockeytrophäe weltweit – führte, war das den Zeitungen und Fernsehsendungen endlose Abhandlungen und Jubelarien wert. Das Unentschieden der russischen Fußballspieler im letzten Testspiel gegen die Türkei wurde eher beiläufig zur Kenntnis genommen.

Russland 2018 ist ein politisches Turnier. Ein Signal an die Welt, weil Wladimir Putin nach den im Westen nicht besonders gut aufgenommenen Olympischen Winterspielen 2014 von Sotschi diese zweite Chance wahrnehmen will, sein Land positiv zu präsentieren. Von Sotschi bleibt die Erinnerung an systematisches Staatsdoping und die Annexion der Krim kurz vor der Schlussfeier. Das verträgt sich nicht mit dem Anspruch einer Staatsführung, die vom Rest der Welt Anerkennung erwartet und vom eigenen Volk geliebt werden will. Im günstigen Fall aber fällt beides zusammen.

"Ich will, dass die Welt zu uns kommt"

Zum Beispiel an den Spielorten Kaliningrad und Wolgograd. Zwei Städte, die nicht gerade als Hochburgen des Fußball bekannt sind, aber wie hätte Russland auf sie verzichten können?

Wie keine andere Nation definieren die Russen ihr Zusammengehörigkeitsgefühl über die tradierten Erfahrungen aus dem Zweiten Weltkrieg. Aus dem Trauma des deutschen Angriffs und der entsetzlichen Verluste, aber auch aus dem Triumph des Sieges. Wer einmal den 9. Mai, den „Tag des Sieges“, in St. Petersburg, Moskau oder sonst wo in Russland miterlebt hat, wird nie vergessen, wie ergriffen auch junge Leute den über die Straßen rasselnden Panzern zujubeln und nachgespielte Schlachten verfolgen.

Kaliningrad und Wolgograd stehen symbolisch für Verluste – und für das siegreiche Russland. Kaliningrad hieß früher Königsberg und kam erst 1945 zu Russland. Wolgograd, bekannt geworden als Stalingrad, steht bis heute für den heldenhaften Abwehrkampf der Roten Armee. Eine Weltmeisterschaft ohne Kaliningrad und Wolgograd? Undenkbar! Und wenn es noch so viel kostet. „Der Fußball interessiert mich nicht und mir ist völlig egal, wer am Ende gewinnt“, sagt Marina, eine nicht mehr ganz junge Frau, die früh morgens um sechs mit ihrem Reisigbesen den Staub vom Gehweg vor ihrem Blumenladen im Zentrum von Kaliningrad wedelt. „Aber ich will, dass die Welt zu uns kommt. Ich will, dass sie diese Stadt kennenlernt“, eine junge russische Stadt.

Das nördliche Ostpreußen ist Russlands westlichster Außenposten. Eine Exklave, eingeklemmt zwischen Litauen und Polen. Kaliningrad besitzt den ältesten Fußballplatz Russlands, noch aus Königsberger Zeiten, aber damit hat es sich auch schon mit den Argumenten für eine WM in Ostpreußen. Der lokale Klub FK Baltika spielt im Niemandsland der Zweiten Liga, zum letzten Spiel gegen die Sportsfreunde vom FK Tjumen kamen 3500 Zuschauer. In das neue WM-Stadion, in dem der FK Baltika demnächst spielen wird, passen zehnmal so viele.

Junge Eichen säumen den Weg zur Arena Baltika, sie liegt fünf Fußminuten von der Innenstadt entfernt und doch mitten auf der grünen Wiese. Geschätzt 350 Millionen Euro hat es gekostet, Betonpfeiler knapp 50 Meter tief in den Sumpf zu rammen und das Stadion auf die Wiese zu setzen. Das ist viel Geld für vier Vorrundenspiele, dazu finanzierte Moskau eine neue Autobahn und einen Ausbau des Flughafens. „Wenn wir uns der Welt zeigen, dann nicht nur in Moskau und St. Petersburg“, sagt die Marketing-Managerin Zarina Zarakowa. „Alles hier ist schön, warum sollten wir unsere weit entfernten Regionen nicht für die ausländischen Besucher interessant machen?“

Gewaltige Summen investiert

Kaliningrad war noch Anfang der 90er Jahre militärisches Sperrgebiet. In den kommenden Wochen wird Besuch aus Kroatien, Nigeria und Serbien erwartet, aus der Schweiz, Spanien und Marokko. Im Zentrum sind Hotels gebaut und alte Fassaden restauriert worden. Englischsprachige Schilder erleichtern die Orientierung, der Leninskij Prospekt im Zentrum wird während der WM zur Lenin Avenue.

Und Wolgograd? Ist immer auch ein bisschen Stalingrad geblieben und wird zu ausgewählten Feiertagen immer noch so genannt. Vor drei Jahren haben 50 000 Russen in einer Petition an Präsident Putin darum gebeten, der südrussischen Industriestadt wieder den 1961 abgelegten Namen zu geben. Gedenksteine, Wandbilder, Soldatenfriedhöfe – die Vergangenheit ist allgegenwärtig. Auf einem Hügel wacht Mutter Heimat, eine 85 Meter hohe Statue mit wehendem Haar und erhobenem Schwert. Beim Aufstieg scheppern Marschmusik, Maschinengewehrgeknatter und Fanfaren aus Lautsprechern. Unten an der Wolga türmt sich das Panoramamuseum der Schlacht um Stalingrad auf, gleich neben der Ruine einer vor 75 Jahren zerbombten Mühle.

Zwischen Wolga und Mutter Heimat steht das neue Stadion, es ähnelt ein wenig dem Pekinger „Vogelnest“, wo die Chinesen 2008 ihre Olympischen Spiele ausrichteten. Die ortsansässige Mannschaft von Rotor Wolgograd ist gerade in die Premjer Liga aufgestiegen und wird wie der FK Baltika aus Kaliningrad Mühe haben, das Stadion zu füllen.

Auch an den Spielorten Rostow, Saransk oder Jekaterinburg werden neue weiße Elefanten herangezüchtet: große und teure Bauten, die nach der WM mutmaßlich nutzlos in der Gegend herumstehen. Wie schon die Olympischen Winterspiele 2014 in Sotschi mit den für die Ewigkeit in die Berge gerodeten Skipisten kann die WM nicht dem Anspruch der Nachhaltigkeit gerecht werden. Wer braucht heute noch die Skisprungschanzen über dem Schwarzen Meer, wer in einem halben Jahr den riesigen Flughafen von Kaliningrad?

Und wenn schon, sagt Zarina Zarakowa. „Ja, die Regierung hat gewaltige Summen investiert, aber das wird sich bezahlt machen.“ Es ist spät geworden im Café am verkehrsumtosten Nowy Arbat. Zarina Zarakowa freut sich auf die Tage in Berlin und auf das Wochenende in Moskau. Sie hat Tickets für das erste Spiel der deutschen Mannschaft, es geht gegen die Mexikaner, die gerade noch den Roten Platz verzückt haben mit ihrem Tanz und ihrer Musik.

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