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  • 13.09.2017
  • von Michael Jürgs

"Und erlöse uns von allen Üblen" #90: Ein Mörder ist des Mordens müde

von Michael Jürgs

Illustration: Anna Krauss

Die Kleopatra-Verschwörer werden sentimental. Der Geheimbund verliert ein aktives Mitglied. Ein Fortsetzungsroman, Teil 90.

Was bisher geschah: Die vier Kleopatra-Mitglieder treffen sich zur Beratung. Freypen-Mörder Zartmann hat Gewissensbisse.

In 100 Teilen bis zur Bundestagswahl 2017 erscheint der Politkrimi "Und erlöse uns von allen Üblen" online als Fortsetzungsroman im Tagesspiegel. Hier Folge 90 vom 13. September.

Es ist ausgerechnet Peter McFerrer, der damals in den Vogesen vor bald acht Jahren anfangs nur zögerlich dem Plan, in bestimmten Fällen der Gerechtigkeit nachzuhelfen, zugestimmt hatte, von dem Alain erste Hilfe bekommt: "Bevor wir hier philosophisch werden, was wir gerne anschließend tun können, falls Lionel genügend Flaschen von diesem Wein da hat, bleiben wir noch einmal bei den Facts, so wie ich sie  kenne. So wie wir sie eigentlich alle kennen. Stimmt, Schwarzkoff ist unschuldig im Fall Freypen. Richtig ist aber auch, dass er nach allem, was wir wissen, vor vierzig Jahren im Bodensee ein junges Mädchen ertränkt hat. Schwarzkoff also war ein Mörder. Nicht in unserem Fall, aber ohne Zweifel ein Mörder, der sich der gerechten Strafe entzogen hat. Also hätte er, wenn wir davon gewusst hätten, in unser Raster gepasst, wäre  allerdings nicht an erster Stelle auf unserer To Do Liste gestanden. Aber, noch einmal, gepasst hätte er, die Voraussetzungen hätte er erfüllt. Sein Tod ist kein Verlust für die Guten, um Dich zu zitieren, Alain. Sein Tod ist gerechtfertigt. Weiter. Dieser Informant , dieser pädokriminelle Händler, ihr erinnert Euch, der Franzose. Der ist in der Elbe ganz bestimmt nicht ertrunken, sondern höchstwahrscheinlich ermordet worden. War zwar ein widerlicher Typ und sicher kriminell, hatte aber trotz allem nichts getan, was einen solchen Tod rechtfertigen würde. Und sein Mörder ...."

" ... sein Mörder ist Karl Mulder, auch daran besteht inzwischen wohl kein Zweifel mehr", ergänzt Alain.

"Dieser Karl Mulder wäre also, wiederum rein theoretisch, ein Fall für uns. Natürlich zu unbedeutend, aber wir wollen ja streng bei den Facts bleiben. Das vereinfacht die Diskussion. Er ist ein Mörder, der zufällig jetzt wegen eines ganz anderen Mordes vor Gericht gestellt werden wird. In dem Fall passen zufällig mal Recht und Gerechtigkeit zusammen."

Van Rey stimmt ihm zu. "Und dann sollten wir wohl auch nicht vergessen", sagt er, "dass dieser Mann wahrscheinlich noch ganz anderen Dreck am Stecken hat. Sagt man so? Er war doch der engste Vertraute dieses Politikers. Ich erinnere mich an die Erzählung von Lionel auf Belle Ile, als wir die Aktion beschlossen. Die Erzählung von dem abgehörten Gespräch in der Freypen-Jagdhütte. Da ging es doch darum, welche Ausländerwohnheime man abbrennen sollte, oder?"

Diesmal nickt Zartmann.

"Und zwischen wem fand der Dialog statt, Lionel?"

"Zwischen Freypen und Mulder", antwortet der nachdenklich, als habe ihn die bisherige Argumentation überzeugt.

"Und wie viele Menschen sind gestorben nach dieser Brandstiftung?"

"Zehn Menschen sind verbrannt."

"Dann weiß ich eigentlich nicht", beschließt der Holländer für sich die Debatte, "worüber wir hier eigentlich reden. Das heißt, ich weiß es doch. Wir reden offensichtlich nicht über zwei Unschuldige, die zufällig in unsere Aktion gegen Freypen geraten sind. Wir reden über zwei Mörder, die es außer der Reihe noch erwischt hat. Sozusagen nebenbei. Einen package deal würde man das in anderen Branchen nennen. Ich halte das für einen Erfolg."

"Und nicht für einen Anlass, sich Gewissensbisse machen zu müssen", ergänzt Alain Retin, der ein weiteres Glas Wein verlangt. Zartmann ist erleichtert, weil ihn die klare Logik von einer Art moralischer Schuld freigesprochen hat. Weiß aber, dass es ihm längst nicht mehr um den Fall Freypen geht und sein Unbehagen tiefere Ursachen hat. Er ist des Mordens müde.

Nachdem er eine weitere Flasche geöffnet und seinen Freunden eingeschenkt hat, nutzt er deshalb die Vorlage von Peter McFerrer und geht dabei dozierend auf und ab wie ein Professor im Hörsaal: "Peter, jenseits des aktuellen Falles von Hamburg, habe ich doch noch ein paar Anmerkungen zu machen." Er lässt sich nicht stören durch fröhliche Zwischenrufe der anderen, Bravo und Hört, Hört und Zugabe, die auch sofort verstummen, als er weiterspricht und sie merken, dass er keinesfalls vorhat, eine launige Nachtischrede zu halten:

"Ich bin sicher, dass jeder von uns und jeder für sich schon darüber nachgedacht hat, was wir  seit acht Jahren tun und ob das eigentlich sein darf. Ihr wisst genau, was ich meine. Dieses Gefühl, Gott ins Handwerk zu pfuschen. Oder wem auch immer, es muss ja nicht Gott sein. Dieses Gefühl, trotz aller einleuchtenden Argumente wie denen, die wir gerade gehört haben, eben doch eine moralische Schuld auf uns zu laden. Das lässt sich nicht einfach mal so abschütteln. Ich bin sicher, dass nicht nur Alain und ich darüber diskutiert haben, ob Selbstjustiz manchmal am Ende noch schlimmer sein kann als Ungerechtigkeit."

Ruud und Peter erinnern sich an ihre Unterhaltung vor ein paar Nächten und Retin ist schlagartig wieder nüchtern. "Ich habe deshalb lange darüber nachgedacht, ob es vielleicht an der Zeit ist, das Kleopatra-Komplott, um diesen merkwürdigen Namen von Alain zu gebrauchen, zu beenden und Gott wieder allein zu lassen."

"Und?", fragt Alain Retin scheinbar kühl, "zu welchem Ergebnis bist du gekommen?"

Zartmann lässt seinen Freunden keine Chance, nach möglichen eigenen Argumenten zu suchen, denn sein Fazit kommt sofort und angesichts seiner Vorrede wieder überraschend: "Ich glaube, dass nach wie vor oder sogar mehr denn diese Art von Selbstjustiz die einzig mögliche Antwort auf gewisse Verbrechen ist, vorausgesetzt natürlich, man glaubt nicht an das Jüngste Gericht oder will solange nicht warten. Ich bin also überzeugt, dass die Idee von Alain nach wie vor richtig ist. Aber ..."

 Nun schauen ihn alle drei gespannt an, nicht nur Alain.

"Aber ich steige aus. Ich ganz persönlich steige aus. Der Mord an Freypen war mein letzter Mord. Ich steige deshalb aus, weil ich überhaupt aus meinem bisherigen Leben aussteige. Bevor ihr nun denkt, ich hätte eine Meise und sei reif für die Anstalt: Ich werde EUROPOL verlassen und mir statt dessen einen Lebenstraum erfüllen. Den kann ich mir endlich leisten und wer weiß, wie lange ich noch Gelegenheit dazu habe. So jung bin ich nicht mehr, wie neulich nach dem Tennis Alain wieder mal festgestellt hat. Mit Einzelheiten will ich keinen langweilen, aber ich werde in ein paar Wochen ungefähr eine Million auf meinem Konto haben, mit der ich eigentlich schon nicht mehr gerechnet habe. Entschädigung aus ehemaligem Familienbesitz in der DDR. Hat zwar fast fünfundzwanzig Jahre gedauert, aber jetzt ist es soweit. Da ich der einzige bin, der für diese Wiedergutmachung in Frage kommt, meine Eltern sind ja tot, erbe ich alles."

"Oder hat dein Entschluss nicht viel mehr etwas mit diesem Mädchen zu tun?", fragt Alain Retin, der aufgrund eigener Erfahrungen zuerst immer an den Duft von Frauen denkt. Peter und Ruud blicken Zartmann neugierig an, welches Mädchen?, doch Alain bleibt diskret und sagt nichts weiter. Wartet auch die Antwort von Lionel nicht ab, der eh nicht weiß, was er darauf hätte sagen sollen.

"Gibt es in unserer Satzung eigentlich überhaupt Ausstiegsklauseln?", fragt Peter grinsend und hebt wieder mal sein leeres Glas Richtung Lionel: "Ich wusste doch, dass wir heute Nacht ganz viele Flaschen brauchen werden. Hatte ich irgendwie im Gefühl, mein Lieber. Ich hoffe, du bist auch darauf vorbereitet." Alain Retin hat seine Augen geschlossen und Ruud van Rey steht am Fenster und starrt hinunter auf die Straße. Als er sich wieder umdreht, grinst auch er: "Ich nehme die Kündigung an. Wir bleiben ja immerhin noch zu dritt. Das reicht noch für diese oder jene Aktion. So Gott will. Aber wissen möchte ich schon, Lionel, was genau willst du mit dem Rest deines Lebens machen?"

Wieder antwortet Zartmann nicht auf eine direkte Frage, sondern konzentriert sich ganz auf Alain Retin, dessen mögliche Reaktion ihn am meisten beschäftigt hat. Der dürfte sich persönlich verraten fühlen durch den plötzlichen Abschied seines besten Freundes. Aber wie schon so oft, verblüfft ihn der Franzose auch jetzt wieder: "Einverstanden, Mon Ami. Unter zwei Bedingungen: Erstens bleibst du beratendes Mitglied, denn wer einmal zu uns gehört hat, der gehört Kleopatra auf Lebenszeit. Insofern, Peter, hast du recht, es gibt in der Tat keine Ausstiegsklauseln. Wir werden also dein Fachwissen anzapfen, Lionel, wann auch immer wir es brauchen, bis wir ein neues Mitglied gefunden haben. Bevor ihr blöd fragt, das war ein Scherz. Und zweitens bist du in Zukunft zuständig für die Jahrestreffen unseres Vereins in angenehmer Umgebung in angenehmen Restaurants. Wer so viel Geld hat wie du, muss abgeben. Alles andere wäre nämlich ungerecht und wir sind nun mal gegen Ungerechtigkeit, egal auf welchem Gebiet in welchem Land."

Dann blickt er die anderen fragend an: "Will uns noch jemand verlassen und in Rente gehen? Keiner? Dann bitte ich hiermit den Gastgeber um Wein." Bevor ich anfange zu weinen, denkt Retin. Drei Stunden später allerdings weinen sie alle. Weil sie zu betrunken sind, um noch lachen zu können. Weil ihre sentimentalen Geschichten von früher sie selbst zu Tränen rühren. Wen auch sonst.

Und morgen lesen Sie: Ermittlerin Hornstein bekommt ein Jobangebot.

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