• 13.04.2004
  • von Gerold Paul

Durch die Tiefen Afrikas zum Gipfel des Schwarzen Kontinents

von Gerold Paul

Mit einem Jeep, Kirsch-Whisky und seiner Frau reiste der Michendorfer Ulrich Henrici durch den Süden – im Heimatverein erzählte er von seinen Erlebnissen

Mit einem Jeep, Kirsch-Whisky und seiner Frau reiste der Michendorfer Ulrich Henrici durch den Süden – im Heimatverein erzählte er von seinen Erlebnissen Michendorf. Europa hat Afrika immer romantisch geträumt, den geheimnisvollsten aller Kontinente. Dort laufen die Uhren anders. Afrika ist rätselhaft, gefährlich, unberechenbar geblieben, alles Planen ist sinnlos, es kommt ja doch anders. Aber Träume sind stärker als jede Bedrohung, ob sie nun von der Natur oder von Menschen ausginge. Wie auch immer, der Michendorfer Bergsteiger und Abenteurer Ulrich Henrici wollte unbedingt den Kilimanjaro besteigen. In seinem Leben übte der neunfache Familienvater so viele Berufe aus, er war Lehrer oder Grabredner, baute Swimmingpools und Zäune – aber seine wahre Leidenschaft blieb das Besteigen hoher Berge, von der Sächsischen Schweiz bis zum Dach der Welt. Wie er, nach einjähriger Vorbereitung, mit seiner Frau und einem weiteren Begleiter, 1994/95 von Bergheide via Marseille zum schneebedeckten Gipfelpunkt Afrikas kam, berichtete er jüngst dem Wildenbrucher Heimatverein in einem spannenden Dia-Vortrag. Ein Jeep übernahm den Transport des Trios durch Libyen, Ägypten (Dieselpreis 10 Cent), Sudan, Eritrea, Äthiopien, Kenia und schließlich Tansania, an dessen Nordgrenze der 5859 hohe Berg liegt. Traf er, im islamisch zivilisierten Teil, später auch im steinzeitlichen Busch, fast überall auf „nette Menschen", so nicht immer auf Diesel und Pneus. Dreizehnmal mussten dieselben geflickt oder gewechselt werden, einmal ließ er sie aus Kenia einfliegen, in Äthiopien gab es keine. 120 Liter Wasser gehörten zum Gepäck für die Sahara, dazu Kanister voller Wodka und Fanta-Flaschen mit Kirsch-Whisky, mit dem man auch mal die Zöllner „lustig" zu machen verstand. Im Sudan steht auf den Besitz geistiger Getränke die Todesstrafe, auch das Fotografieren von Militär und gar des Blauen Nil ist verboten. Aber Gefahren lauerten überall, etwa im Grenzgebiet von Eritrea zu Äthiopien, wo auf alles geschossen wurde, was nach Sonnenuntergang noch fuhr. Oft wurden die waffenlosen Abenteurer nachts von bewaffneten Islamisten bedroht, aber Henrici ging ihnen mit freundlichem Salem aleikum entgegen, umarmte und küsste sie nach Landessitte, das funktionierte immer. Anderswo wollte ein Stammeshäuptling sich wohl gastfreundlich erweisen, indem er den weißen Männern eingeborene Frauen für den Beischlaf zuteilte, während er es sich mit Henricis Gattin gemütlich zu machen gedachte. Eine heikle Situation, die böse endete. Jenen aggressiven Verband, mit den Tellerlippen, floh man bald, ihm wurde zudem Kannibalismus nachgesagt. Diesseits von Afrika traf das Trio auf ein zwölfjähriges schwangeres Mädchen, dessen Fötus bereits tot war. Sie nahmen es natürlich mit zum nächsten Hospital, aber das hatten islamische Extremisten gerade ausgeraubt. Keine Instrumente, keine Arznei. Henrici überließ dem hilflosen Arzt ein Küchenmesser und Zwirn, fuhr aber weiter, bevor die OP ohne Narkose begann. Seine Frage blieb lange im Ohr: Warum nur haben Sie die Frau so weit hergefahren, wissen sie nicht, dass sie wieder 80 km zurückgetragen werden muss, wenn sie stirbt (in Äthiopien werden die Toten ja in der heimischen Hütte beerdigt)? Oder wenn er in Addis Abbeba sah, wie die Toten der Nacht jeden Morgen per LKW eingesammelt und Herabgefallene einfach überrollt wurden. So reihte sich Eindruck an Eindruck: Die in der libyschen Wüste von Brummis überrollten Kamele, der Ausflug zum Sinai, die verminte Grenze zu Äthiopien, welche einen dreitägigen Transit über das Rote Meer erzwang, afrikanisches Bier mit grimmbauchigen Folgen. Malaria, an der täglich 3000 Afrikaner sterben. Dann der Kilimanjaro, wo der Berg-Mann endlich „das "Gipfelglück in vollen Zügen" genoss - und gesund retour: Auch das ist rätselhaft. Gerold Paul

Social Media

Umfrage

Die Sanssouci-Skulpturen im Innenhof des Landtags finden viele nicht schön - aber muss Kunst immer schön sein? Oder soll die Arbeit wieder verschwinden?