23.10.2017, 12°C
  • 27.10.2014
  • von Kirsten Graulich

Mit Nadeln, Tee und Tai Chi

von Kirsten Graulich

In Stahnsdorf hat das Shaolin Dacheng Gesundheitszentrum für traditionelle chinesische Medizin eröffnet

Mit dem Unterkiefer ein O malen ist eine von acht Übungen, die Krankheiten aus dem Körper jagen können, verspricht Genyou Fu. Er ist Geschäftsführer des Shaolin Dacheng Gesundheitszentrums, das am gestrigen Sonntag in Stahnsdorf im Obergeschoss der Kaiserpagode eröffnet wurde. Demonstrativ schieben Herr Fu und einige seiner Mitarbeiter ihre Köpfe weit nach vorn, recken langsam die Hälse nach oben und ziehen die Köpfe dann zurück. Einige Male noch wiederholen sie dieses O-Kreisen, absolvieren das Ganze auch mal rückwärts. Ein bisschen ähnelt es einem Angriffsritual. Aber der Geschäftsführer beschwichtigt, es diene eigentlich nur der Durchblutung und fördere ein langes Leben. Eine Übung, die man problemlos überall machen könne. Ein Mitarbeiter empfiehlt, sich damit die Wartezeiten zu verkürzen, beispielsweise an Bushaltestellen. Als er in die verdutzten Gesichter der Besucher schaut, kichert er plötzlich und meint: „Nein, lieber nicht, das könnte ihnen vielleicht Probleme machen.“

Die meisten der rund 30 Besucher, die sich über die traditionelle chinesische Medizin (TCM) informieren wollen, haben Probleme gesundheitlicher Art, die sie mithilfe asiatischer Heilmethoden gern lindern würden. Eine ältere Dame klagt über Schulterschmerzen und Drehschwindel. Ihr Arzt habe ihr immer nur Spritzen verabreicht, doch viel geholfen habe das nicht, sagt sie. Denn die Spritzen hätten die Schmerzen immer nur zeitweise betäubt. Nun hofft sie auf alternative Behandlungsmethoden, vielleicht Massagen oder Akupunktur, genau weiß sie das noch nicht. Anders eine junge Frau, die es mit Akupunktur versuchen möchte, weil die Innenseite ihres Ellbogens seit einiger Zeit höllische Schmerzen bereitet. Der sogenannte Golferarm, wie der Arzt Jianping Wang feststellt, ist das Resultat eines zu lange angespannten Muskels. Meist sei das die Folge von zu langem Arbeiten am Computer.

Jianping Wang praktiziert schon seit 20 Jahren in Deutschland, nachdem er in China ein sechsjähriges Studium absolvierte, das neben der Schulmedizin auch TCM beinhaltete. Die junge Frau mit dem Golferarm ist mutig und will sich gleich „nadeln“ lassen. Das Stechen der Nadeln wirke entzündungshemmend und aktiviere die körpereigenen Heilungskräfte, erläutert Doktor Wang. Hauchdünn sind die Nadeln mit dem Kupfergriff, die er etwas schräg in die Haut piekst. „Es kribbelt nur etwas“, beschreibt die junge Frau entspannt lächelnd die Prozedur und fügt hinzu: „Sieht nur schlimm aus“. Als die Nadeln wieder entfernt sind, bewegt sie vorsichtig den Arm: „Naja, tut noch weh“, meint sie, aber sie hat vorsorglich schon einen weiteren Termin für die nächste Woche gebucht. Auch für die Tai-Chi-Kurse und Massagen haben sich einige Besucher schon eingetragen. Geschäftsführer Genyou Fu hatte mit sanften Bewegungen der Arme eindrucksvoll für diese „Heilung durch Haltung“ geworben. Anschließend hielt Mediziner Wang einen Kurzvortrag zur TCM und ihren klinischen Anwendungen. So könne ein Schnupfen auch mit Akupunktur geheilt werden, ebenso wie Geruchs- und Geschmacksstörungen. Krankheit sei nach der Definition des rund 3000 Jahre alten Gesundheitssystems ein energetisches Ungleichgewicht im Körper. Die therapeutischen Maßnahmen zielten darauf ab, den Körper in einen ausgeglichen Zustand zurückzuversetzen. Dazu gehören neben Akupunktur, Akupressur und Schröpftherapie eine fünf Elemente umfassende Ernährungslehre, Tai Chi sowie Qi Gong. Ebenso die Gabe von Fertigarzneien und angemischten Rezepturen, darunter auch tierischen Mineralien. Auf Nachfrage erklärte der Arzt, dass es sich dabei beispielsweise um Hähnchenmägen handle. Die würden zu Pulver verrieben und das helfe bei Verdauungsstörungen. Auch Seepferdchen würden zu Pflanzentinkturen zerrieben, um Asthma und Nierenbeschwerden zu lindern. Der Arzt ergänzt noch nach, dass diese Medizin aber in Europa aus Naturschutzgründen verboten sei. Ob derlei Medizin auch zum Angebot des Gesundheitszentrums gehöre, blieb offen, da die Deutschkenntnisse der Mitarbeiter und der Dolmetscherin offensichtlich nicht ausreichten, um diese Frage zu beantworten. Kritisch sieht der Naturschutzbund Deutschland diese Praxis. Unter der Überschrift „Ausrottung für die menschliche Gesundheit“ prangert er auf seiner Homepage an, dass in der chinesischen Heilpraxis dem Horn des Nashorns fiebersenkende Wirkung zugesprochen wird und die Bärengalle gegen Gallenblasenbeschwerden helfen soll.

Auf großes Interesse stieß bei Besuchern die Heilkräutertherapie, bei der verschiedene Kräuter in einer Mischung als Tee angewendet werden. Durch moderne Verfahren kann die Mischung auch in Form von Pillen, Kapseln, Salbe und Öl hergestellt werden.

Die schönste Variante für Besucher war jedoch die Teezeremonie, deren oberstes Ziel es ist, eine perfekte Tasse Tee zuzubereiten. Frau Qian Zhou reinigte die Teeschalen und Kännchen zunächst mit heißem Wasser. Dann filterte und schöpfte sie mit graziösen Gesten zuerst das Wasser, ehe sie den grünen Tee in Schälchen goss und schüttelte, bis er eine hellgelbe Färbung hatte. Das mehrmalige Aufgießen mildert bei grünem Tee die Bitterkeit. Etwa eine halbe Minute sollte der Tee ziehen, der dann „Aufguss des guten Geschmacks“ heißt.

Social Media

Umfrage

Soll die Biosphäre abgerissen werden, wie es die Grünen-Fraktion im Stadtparlament nun fordert? Stimmen Sie ab!